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Erdogan und die Integration

(01. März 2011/idea) – Auf Widerspruch von Christen, Politikern und Menschenrechtsgruppen sind die Äusserungen des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan (Ankara) zur Integration der rund drei Millionen Türken in Deutschland gestossen.

Erdogan wandte sich am 27. Februar in Düsseldorf in einer Rede vor rund 10.000 Landsleuten gegen eine allzu starke Anpassung der Türken in Deutschland: „Ich sage Ja zur Integration, aber ich bin gegen Assimilation.“ Er fügte hinzu: „Unsere Kinder müssen Deutsch lernen, aber sie müssen erst Türkisch lernen.“ Zugleich warnte er vor einer wachsenden Ausländerfeindlichkeit in Deutschland. Ferner stelle er eine zunehmend negative Stimmung gegen den Islam fest: „Islamophobie ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, genauso wie Rassismus.“

Auf scharfe Kritik stiess Erdogans Warnung vor Assimilation bei CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe. Der Ministerpräsident habe den Integrationsbemühungen „einen Bärendienst“ erwiesen und unnötig Misstrauen geschürt. Gröhe: „Integration gelingt nicht besser, wenn sich Deutsche mit türkischer Herkunft aus Angst vor vermeintlichem Anpassungsdruck einem offenen Austausch und gutem Miteinander verweigern.“ Wenn Erdogan für den Vorrang der türkischen Sprache werbe, schaffe er neue Gräben: „Wer in Deutschland lebt, muss zuallererst die deutsche Sprache erlernen.“

Ähnlich argumentiert der Sprecher des Arbeitskreises Islam der Deutschen Evangelischen Allianz, Ulrich Neuenhausen (Bergneustadt). Der Leiter von „Forum Wiedenest“ sagte, es sei dringend nötig, dass besonders die in Deutschland lebenden Frauen türkischer Familien Deutsch lernten. Ihre hierzulande geborenen Kinder hätten keine Chancengleichheit, wenn die Mütter ihnen nicht bei den Hausaufgaben helfen könnten. Neuenhausen bedauerte ferner eine freiwillige Ghettoisierung vieler Türken in Deutschland. Man schirme sich ab, um die eigene Kultur zu bewahren. Dadurch werde die heranwachsende Generation zwischen der Heimatkultur zu Hause und der Freiheit der übrigen Gesellschaft zerrissen. Neuenhausen mahnte aber auch ein Umdenken in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft an. Er vermisse ein Verständnis dafür, dass Menschen – Muslime wie Christen - ihre Werte und Lebensgrundlagen aus der Religion schöpfen.

Kritik an Erdogans Rede übte auch die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IFGM). Erdogan fördere Diskriminierungen und Menschenrechtsverletzungen in Deutschland, wenn er der türkischen Sprache einen Vorrang vor Deutsch einräume. Mangelnde Sprachkenntnisse erschwerten den Zugang zum Bildungssystem, so IGFM-Sprecher Martin Lessenthin (Frankfurt am Main). In der Türkei sei nur Türkisch erlaubt und die Ausübung anderer Sprachen bestraft werde, etwa Kurdisch oder Aramäisch.

Bereits vor Erdogans Deutschlandbesuch war die Debatte über den angestrebten Beitritt der Türkei zur EU neu entfacht worden. Der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Volker Kauder forderte, die EU müsse die Verhandlungen stoppen, solange die Türkei nicht volle Religionsfreiheit gewährleiste. Die Türkei müsse sich dabei an Taten messen lassen, sagte er der Zeitung „Rheinische Post“. Die Türkei verhandelt seit 2005 über einen Beitritt zur EU.

Differenzierter äusserte sich der Pastor einer kleinen Baptistengemeinde in der türkischen Hafenstadt Izmir, Ertan Cevik. Er sagte auf Anfrage, dass sich die Lage bei den Menschenrechten und der Religionsfreiheit für Christen in den letzten Jahren deutlich gebessert habe: „Wir haben Probleme mit extremistischen Gruppen, nicht mit dem Staat.“ Dieser sei bestrebt, die Christen zu schützen. So steht Cevik seit der Ermordung von drei Christen im osttürkischen Malatya im Jahr 2007 unter Polizeischutz. Vor kurzem sei ein Anschlag auf einen Christen in Istanbul verhindert worden.

Dass dem Staat an einem guten Verhältnis zu den Christen gelegen sei, zeige auch der „historische“ Besuch von Erdogans Stellvertreter Bülent Arinc im Januar beim Ökumenischen Patriarchen Batholomäus (Istanbul), dem geistlichen Oberhaupt von rund 300 Millionen orthodoxen Christen. Seit 1952 habe es keine offiziellen Besuche des Staats bei den Orthodoxen mehr gegeben.

Über 95 Prozent der 72 Millionen Einwohner der Türkei sind Muslime. Von den rund 120.000 Christen gehören etwa 4.000 zu evangelikalen Gemeinden.



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