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"Wäre mir selbst fremd geworden"
(20.Juli 2011/cm.) – Der Physiker Dietrich Koch kam wegen seines Protestes gegen die Sprengung der Leipziger St. Pauli-Kirche 1968 in grosse Bedrängnis. In den schweren Stasi-Verhören blieb er standhaft.
factum: Herr Dr. Koch, Sie haben sich als Christ an den Protesten beteiligt, die der Sprengung der Universitätskirche in Leipzig vorausgingen. Was hat Sie dazu bewegt?
Dietrich Koch: Die Universitätskirche St. Pauli wurde 1240 geweiht und kam 1543 durch die Reformation zur Universität. Sie war das älteste erhaltene Gebäude der Universität. Ihre Sprengung war ein barbarischer antikultureller Akt, der sich gegen die christliche Kultur richtete.
Ich habe dort nicht nur Predigten gehört – z. B. die aufrüttelnden des Dominikanerpaters Gordian Landwehr, sondern auch viele Kirchenkonzerte, so das Bachsche Weihnachtsoratorium. Meine Frau hat im Universitätschor gesungen und hatte an der grossen Orgel bei Professor Robert Köbler Orgelunterricht. Die Universitätskirche war für mich ein Stück geistige Heimat. Praktisch alle meine Freunde waren entschiedene Gegner des Abrisses.
factum: Was waren die Folgen?
Koch: Drei Tage vor der Sprengung wurde ich mit einer Menschenansammlung vor der Kirche festgenommen und 19 Stunden lang verhört. Es ging vor allem um meine Beziehungen zu christlichen Kreisen. Das Ermittlungsverfahren wurde zwar eingestellt, aber die Sache wurde an meinen Arbeitgeber, die Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin, übergeben, wo ich als Physiker arbeitete. Ich wurde fristlos entlassen, da ich «im Auftrag von Hintermännern» die Bevölkerung zum Widerstand gegen den Staat hätte aufhetzen wollen. Fast zwei Jahre war ich arbeitslos. Arbeitslosengeld gab es in der DDR nicht.
factum: Nach der Plakat-Aktion sind Sie verhaftet worden. Wie ging das vonstatten?
Koch: Die Plakataktion fand drei Wochen nach der Sprengung statt. Sie wurde von fünf jungen Physikern ausgeführt, darunter Christen wie Nichtchristen. Zu den Mitwirkenden gehörte auch mein Bruder Eckhard Koch, auch er ein Christ. Er und ich haben mit einem Wecker die automatische Auslösung gebaut, durch die sich das Plakat entrollte. Zwei der Beteiligten gelangten danach in den Westen. Einer kam in die 68er-Studentenbewegung hinein. Zu seinen neuen Freunden gehörte ein westdeutscher DDR-treuer Linker, der sogar Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei West-Berlins war. Diesem erzählte er Einzelheiten über unseren Leipziger kritischen Diskussionskreis, z. B. die Einfuhr von Büchern aus Westdeutschland für uns und Fluchtpläne. Dieser Linke ging zur Stasi nach Ost-Berlin, wurde inoffizieller Mitarbeiter und verriet uns an die Stasi. Fast zwei Jahre nach der Kirchensprengung konnte sie uns nun verhaften.
Lesen Sie das ganze Interview in factum 5/2011.
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