Geo und Martin Luther
(30. Oktober 2007 idea/pro/fa.) – Der Reformator Martin Luther (1483-1546) habe Erkenntnisse der Psychoanalyse und der Neurobiologie vorweggenommen. So sieht es jedenfalls das Magazin „Geo“.
Luther sei ein Befreier des Ichs und Wegbereiter der Moderne gewesen, etwa der Psychoanalyse und der Quantenphysik. Diese habe erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts nachweisen können, dass das Weltall kein logisch arbeitendes Uhrwerk sei, in dem jede Wirkung genau eine Ursache habe. Solche Sicherheiten seien schon in Luthers Theologie zerbrochen. Luther habe „das von der Kirche errichtete Bild des Allmächtigen als eines strafenden, immerdar zu fürchtenden Gottes“ zerstört. Er habe auch das Bild der Kirche „vom Menschen als einem Geschöpf, dem es jederzeit möglich sei, unabhängig von seinen Gefühlen und Trieben moralgerecht zu handeln“, als Illusion entlarvt, „gleichsam im Vorgriff auf Erkenntnisse der Psychoanalyse“, schreibt Geo-Autor Jörg-Uwe Albig.
Weiter heisst es in Geo: „Schon Luthers Erkenntnis, für den Kontakt des Menschen mit dem Schöpfer sei keinerlei Mittler nötig, kein Heiliger, Priester oder Papst, ist ja so unerhört wie die Entdeckung der Physiker an der Wende zum 20. Jahrhundert, dass das Licht kein Medium braucht, keinen ‚Äther’, um sich im Raum fortzubewegen.“ Wenn die Physik des 20. Jahrhunderts in der Welt der Elementarteilchen Vorgänge registriere, die nicht mehr völlig berechenbar seien, - dann schimmere auch dort Luther durch, für den das Gesetz „ein Klotz“ gewesen sei.
Albig zeichnet den Weg Luthers nach: vom Studenten, der vom Vater zum Jurastudium gedrängt wurde und 21-jährig aus Angst vor einem Blitzschlag 1505 Mönch wird, bis zum Professor der Theologie, der Zweifel daran hat, dass dieser Glaube und der Zwang, der in der katholischen Kirche praktiziert wird, nach Gottes Sinn ist. In Rom "pilgert er verbissen, als wolle er sich die Füße rund schleifen", doch schliesslich findet er seinen "gnädigen Gott". Die "Drohung" von einem gerechten Gott wird zur Verheissung: "Gottes Geschenk ist kein Verdienst, sondern ein Geschenk. Sie ist kein Urteil, sondern ein Freispruch. Es gibt keinen Grund, keine Ursache für Gottes Gnade - sie ist einfach da." Dadurch ist Luther "völlig neu geboren", und die Folgen dieser Wiedergeburt strahlen auf die gesamte europäische Kirchengeschichte aus.
Lange vor Freud habe Luther – gegen die Kirchenlehre – die Illusion genommen, dass der Mensch die freie Verfügungsgewalt über die eigene Persönlichkeit habe. „Zwar können wir manchmal tun, was wir wollen – niemals aber können wir wollen, was wir wollen: Der Ursprung unserer Wünsche ist uns nicht zugänglich“, heisst es dazu in „Geo“.
Hat Luther tatsächlich die „Illusion“ der Willensfreiheit verneint und damit gesagt, dass der Mensch überhaupt nicht verantwortlich sei für sein Leben? Nein, hier wird Luther im Licht von Neurobiologie und Psychoanalytik umgedeutet.
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