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Brasilien: Wachstum ohne Wirkung

(21. November 2007/tsc.) - Die evangelische Bevölkerung in Brasilien wuchs in den vergangenen Jahrzehnten rasend schnell. Trotzdem lässt sich nicht von einer Erweckung reden. Dem Phänomen fehlen wesentliche Merkmale.

Es sind weder die historisch gewachsenen protestantischen Kirchen noch die traditionellen Pfingstkirchen, die in Brasilien ein aussergewöhnliches Wachstum verzeichnen, sondern eine dritte Kraft – die Neo-Pfingstbewegung.

Ihr auffallendstes Merkmal ist, dass sie keine eigene Theologie hat. Biblische Themen wie die Rechtfertigung aus Glauben oder die Eschatologie sind für sie nicht mehr relevant. In massenmedial konformen Gottesdiensten hat sich der Schwerpunkt der Verkündigung verlagert, hin zum triumphalen Proklamieren.

Wohlstand und Erfolg werden als berechtigte Ansprüche der Gotteskinder betrachtet. Woher kommt Brasiliens «Wohlstands-Theologie»? Ihre Wurzeln finden sich in den USA. Im Jahr 1892 schrieb sich der junge Prediger William Kenyon in Emersons Fakultät für Redekunst in Boston ein. Emerson galt als «Religionssammler». In seinen 46 Jahren Lehrtätigkeit wechselte er von den Freien Gemeinden zu den Allversöhnern, dann zur Transzendenz, um schliesslich in der dogmatischsten aller metaphysischen Sekten, der «Christlichen Wissenschaft» von Mary Baker Eddy, zu landen. Dort verblieb er von 1903 bis zu seinem Tod im Jahr 1908.

Sein Schüler Kenyon übernahm nach mehrjähriger Tätigkeit als freier Evangelist und einem kurzen Einsatz mit Aimee Semple McPherson in Pasadena eine freie Baptistengemeinde. 1931 gründete er in Seattle die «Freien Baptisten des Neuen Bundes».

Kenyons Theologie blieb stark beeinflusst von Emersons Ideen der «Christian Science», welche jede Ursache und Wirkung als geistig und nicht materiell oder real erklärt. Gott als höchstes Prinzip und frei von allem Bösen steht in keinem Bezug zu Sünde, Krankheit oder Tod. Die Materie ist nicht wirklich existent. Nerven, Gehirn und Körper sind nur Schein und haben kein Leben. «Wir müssen die Pharmakologie verlassen und die Ontologie erkennen.»

So wie Phineas Parkhurst Quimby in seinem «Neuen Denken» (New Thought), versucht auch die «Christliche Wissenschaft», die Religion intellektuell und philosophisch zu interpretieren. Ihr gemeinsamer Leitsatz, dass «wer Heilung sucht, sich zuerst dessen bewusst werden muss, dass er gar nicht krank ist», wurde von der nachfolgenden Generation von Heilungs-Evangelisten mehr oder weniger bewusst aufgegriffen.

Verschiedene Prinzipien der heutigen Wohlstands-Theologie können bis zu Kenyon und damit zur Inspiration durch die «Christliche Wissenschaft» zurückverfolgt werden. Kenyon starb im Jahr 1948. Vorher hatte er seine Schwester Ruth mit der Verbreitung seiner Ideen beauftragt. Ein junger Prediger namens Kenneth E. Hagin schuf auf Grund dieser Schriften, die er zu einem grossen Teil abschrieb, die grösste und am kontroversesten diskutierte Bewegung der gegenwärtigen evangelischen Szene, das «Health and Wealth-Gospel», die Gesundheits- und Wohlstands-Theologie oder auch das «Positive Bekenntnis». Aus der alttestamentlich begründeten jüdischen Vorstellung einer materiellen Belohnung des Gerechten auf Erden, die an das Halten der Gesetze Gottes gebunden war, entwickelte sich die Vorstellung, dass im Neuen Bund Gesundheit und Wohlstand durch Christus garantiert, also ein Anrecht, seien.

Hagin begann seinen Dienst 1934 als baptistischer Prediger. In einer Pfingstgruppe erhielt er 1937 die Taufe mit dem Heiligen Geist. Bis 1949 arbeitete er innerhalb der «Assembly of God». Nach einem Einsatz mit anderen Heilungs-Evangelisten wie W. M. Branham, Oral Roberts und T. I. Osborn gründete Hagin 1963 die «Kenneth Hagin Evangelistic Association». Ab 1966 folgte eine intensive Vortrags-Tätigkeit in Seminarien verschiedener Denominationen. Nach der Gründung eines Radioprogramms folgten 1976 die ersten TV-Sendungen. 1974 gründete sein Sohn, Kenneth Hagin jr., das Rhema Bible Training Center, um Pastoren für das «Positive Bekenntnis» zu schulen. 2004 gab es Rhema-Trainingscenters in 14 verschiedenen Ländern. Der Einfluss von Hagins Lehre ist in der evangelischen Welt gross. Unter vielen andern Bewegungen steht Rhema immer noch für eine Methode, die Erfolg garantiert, obwohl sie, als Bewegung, bereits von ihren eigenen Schülern überholt wurde.

Aus der Gemeindewachstums-Bewegung ist u. a. die «Geistliche Kampfführung» herausgewachsen, die dem Wirken des Geistes (noch vor der eigentlichen Evangelisation) durch das Zerbrechen satanischer Machtpositionen Raum schaffen sollte. Die in der Folge entstandene Bewegung mit sich ablösenden Schwerpunkten ist unter dem Begriff Neo-Pfingstbewegung zusammengefasst. Die Brücke nach Brasilien wurde massgeblich durch Benny Hinn, bekannter Konferenzgast in der brasilianischen Kirche «Renascer em Cristo», und seinem Buch «Guten Tag, Heiliger Geist» geschlagen.

Auch Branham und Osborn waren einst bekannte Redner in Brasilien. Nach eigenen Aussagen hatte Osborn im Jahr 1949 an einer Heilungskonferenz von Branham beobachtet, wie dieser einem Mädchen einen Dämon austrieb. Nach dem Motto «Was der kann, kann ich auch» übernahm Osborn diese Praktik und über die Kirche «Internacional da Graça de Deus» von R. R. Soares werden seine Ideen bis heute in Brasilien propagiert.

Die Neo-Pfingstbewegung in Brasilien ist ein modifizierter Import aus den USA. Die brasilianische Kreativität und Spontaneität, zusammen mit bestimmten sozialen Faktoren, haben ihr zum explosionsartigen Wachstum in Brasilien verholfen.

In der brasilianischen christlichen Szene geschieht etwas; das steht ausser Frage. Auch gibt es verschiedene Deutungen des raschen Wachstums. Die Heterogenität der Bewegung macht eine allgemeine Bewertung aber schwierig und eine oberflächliche Beantwortung ist wertlos. Um zufrieden stellende Antworten zu finden, lohnt es sich, die Bewegung als Ganzes mit den Prinzipien geschichtlicher Erweckungen zu vergleichen. Unser Versuch einer Einordnung geschieht unter Bezugnahme auf die historisch-biblischen Prinzipien bekannter Erweckungen, zum Beispiel die Bewegung unter Jonathan Edwards im 18. Jahrhundert.

Lesen Sie den ganzen Beitrag in factum 8/2007.

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