|
Hat der Mensch einen freien Willen?
(04. Dezember 2007/idea) – Hat der Mensch einen freien Willen? Hirnforscher stellen das immer mehr in Frage.
Hirnforscher stellen immer häufiger in Frage, dass der Mensch einen freien Willen habe. Diesem Thema widmete sich die Fachtagung „Erziehung zur Freiheit – Ethik ohne Willensfreiheit“in Oldenburg. Sie wurde erstmals gemeinsam von der Gesellschaft für Freikirchliche Theologie und Publizistik (GFTP) und dem Institut für Evangelische Theologie und Religionspädagogik der Universität Oldenburg veranstaltet.
Die 80 Teilnehmer diskutierten unter anderem die Frage: Tun wir eigentlich, was wir wollen, oder wollen wir nachträglich nur das, was wir tun? Der Neurobiologe Prof. Josef Ammermüller (Oldenburg) und der baptistische Theologe und Naturwissenschaftler Thomas Niedballa (Neuss) hoben die grosse Leistungsfähigkeit des Gehirns hervor. Es könne in Bruchteilen von Sekunden Sinnesreize erfassen und eigenständig interpretieren, bevor diese Informationen an das Bewusstsein weitergeleitet würden. Es arbeite mit einem Energieverbrauch von 25 Watt effektiver als alle Supercomputer.
Nach Angaben der Wissenschaftler dringen weniger als fünf Prozent der Wahrnehmungen, die das Gehirn empfängt, ins Bewusstsein. Alle lebenswichtigen Körperfunktionen steuere das Hirn autonom, ohne die Möglichkeit, dass der Wille sie beeinflusse könne. Die Menschen wären nicht überlebensfähig, wenn sie auf alle einströmenden Reize ständig mit Entscheidungen reagieren müssten. Die Leistungsfähigkeit des Gehirns werde auch bei Erkrankungen deutlich. Autismus oder Schizophrenie zeigten, dass das Hirn ein zusätzliches „Ich“ mit eigener Persönlichkeit konstruieren könne.
Niedballa wies darauf hin, dass manche Neurobiologen und Philosophen das Bewusstsein mit einem Flugsimulator verglichen. Dabei werde das eigene Ich vom Gehirn nur vorgetäuscht. Für einige Hirnforscher folge daraus, dass der Mensch für sein Handeln nicht verantwortlich, sondern dass er fremd bestimmt sei. Andere seien dagegen der Auffassung, dass das Gehirn zwar unabhängig vom Bewusstsein Entscheidungen fälle, doch es dem Menschen suggeriere, dass es die „Freiheit des Willens“ gebe, weil nur so ein Zusammenleben von Menschen möglich sei.
Die Theologin Prof. Andrea Strübind (Oldenburg) erklärte, dass Theologen der Reformationszeit, die dem Menschen eine Willensfreiheit zugeschrieben hätten, Vorreiter für Toleranz und Humanität gewesen seien. Ihr Ehemann Prof. Kim Strübind verwies in seiner Predigt darauf, dass das Neue Testament die Möglichkeiten des Menschen bezüglich seiner Freiheit sehr realistisch einschätze. Frei sei der Mensch erst, wenn er nicht mehr der „Sklaverei der Sünde“ unterstehe. Gemeinden müssten sich daher vor allem als „Brutstätten der Freiheit“ verstehen.
zurück
|
|
 |
© FACTUM ONLINE 2011 Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung nur mit
Genehmigung der Redaktion. |
 |
|
|
|
|
|
 |
 |