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Nichts als fragwürdig

(24. März 2008/esc.) -Beobachtungen aus Philosophie, Politik und dem Journalismus.

Schaut man heute in die Medienlandschaft, so kann festgestellt werden, dass alles fragwürdig geworden ist. Man beachte: frag-würdig. Eine antwort-würdige Frage kann man lange suchen. Die Frage an sich ist gefragt. Die Antwort ist heute ganz aus der Mode gekommen. In unserer schnelllebigen Zeit ist gar keine Zeit mehr da, Antworten oder sogar gründliche Antworten zu geben.

Ein Fernsehmoderator oder ein Journalist kann sich nicht wochenlang Zeit nehmen, um sich in ein Thema einzuarbeiten. Geschweige denn der Bürger, der in seiner Freizeit auf die Angebote der Medien angewiesen ist. Aber auch die unterschiedlichsten Zusammenhänge in der Wirtschaft, der Politik und der Wissenschaft sind so komplex, dass sie nicht mehr durchschaut werden können.

Grundsätzlich stellt man heute lieber Fragen, als ausgiebige Antworten zu geben. Unsere Gesellschaft ist neugierig, aber oft nur auf vordergründige, sensationslüsterne Antworten. In der Philosophie war es schon immer üblich, gezielt und fachmännisch Fragen zu stellen. Kant hat dann die Frage an sich eingeführt, das heisst die Frage, die eine Antwort erwartet, ist schon eigentlich keine Frage, sondern die Frage an sich hat den gediegenen philosophischen Wert.

Heidegger hat es dann weiter getrieben, indem er sagte, dass es auf das Fragen ankomme. Das Fragen eröffne einem den Horizont ins Offene, in den Abgrund des Abgründigen. Die philosophische Frage ist also die Frage an sich. Da unsere Zeit stark von der Philosophie geprägt wurde – der des 19. und 20. Jahrhunderts –, ist auch in unserer Zeit die Frage in. Fragwürdig zu sein, das ist was! Wenn ich selber Fragen stellen kann, dann bin ich jemand, obwohl ich auch selber als Mensch ein Fragwürdiger geworden bin.

Kopernikus hat uns mit der Erde aus dem Mittelpunkt des Kosmos vertrieben, Darwin hat uns zum Tier gemacht und Freud hat uns zum Triebtäter erklärt und somit die Freiheit genommen. Die Bedeutung des Menschseins wurde immer mehr relativiert und in Frage gestellt.

Die Philosophie hat ein grundsätzliches Antwort-Verbot ausgesprochen. Dazu muss man den Experten fragen, den Philosophen Martin Heidegger (1889–1976). Er philosophierte darüber, dass das Eigentliche die Frage ist und das Uneigentliche die Antwort. Antworten haben einen schnellen Verfallswert, sie geben dem Menschen eine falsche Sicherheit und sind sowieso schnell überholt. Also am besten gar keine Antworten mehr geben, denn dann macht man sich nicht fragwürdig. Das eigentlich Philosophische am Leben ist die Frage. Das Fragen ist das Wesentliche im Leben, es verweist auf das Wesen, das allem zugrunde liegt. Heidegger unterscheidet grundsätzlich die Frage, das Wesentliche und das Eigentliche von der Verfallenheit der Antworten, vom Unwesentlichen und Uneigentlichen. Für ihn sind wir eigentlich gar keine Menschen, sondern lediglich da. Wir sind «Dasein» an sich, aber bloss nicht für ein anderes Dasein, denn dann wären wir soziale Wesen. Aber nein, wir sind auf uns selbst Geworfene.

Fragen aufzuwerfen, ja, das ist heute die Kunst und ist gefragt. Das zeigt schon, dass sich die ganze Wirtschaft auf die Nachfrage einstellt. Ohne Nachfrage kein ngebot. In diesem ökonomischen Fall ist die Frage die Nachfrage und das Angebot die Antwort. Zum Glück gibt es da aber noch so etwas wie eine Antwort, also ein Angebot.

Geht man in die Politik, dann ist alles sehr stark in Frage gestellt. Wo gibt die Politik noch tragfähige, geschlossene und verantwortbare Antworten? Kaum noch. Das ist aus der Mode gekommen. Deshalb gibt es auch so viele Untersuchungsausschüsse, Expertenbefragungen und Arbeitsgruppen. Diese arbeiten dann an den Fragen und bekommen den Auftrag, Antworten zu geben, aber meist kommen dabei weitere Fragen heraus. Nicht einmal die Institution, die das Antworten eigentlich gepachtet haben müsste, hat keine mehr, sondern nur noch das Wort zum Sonntag. Es lässt sich fragen, warum nur ein Wort zum Sonntag, da doch die Wochentage sowieso mit sechs Tagen überwiegen.

Da sieht man zum Beispiel schon die Verarmung der Kirche und dass sie zu grossen Teilen fragwürdig geworden ist. Ja, Worte sind schon noch zulässig, aber bitte bloss keine Antworten geben. Das Ganze ist eben fragwürdig geworden. Es hat die Würde des Fragens erlangt. Die Würde ist etwas Vornehmes. Antworten ist nicht mehr in und auf die Frage nach dem Sinn schon gar nicht.

Früher waren die Menschen Fallensteller, heute sind sie Fragensteller. Beobachtet man die Reporter, dann drängt sich das Bild des Jagens förmlich auf: Die Waffe ist heute keine Harpune oder ein Speer, sondern ein Mikrofon. Wer einem Mikrofon ausgeliefert ist, ist bereits gefangen und von Fragen umringt. Die Fragen prasseln auf den Befragten nur noch so herein. Er braucht dann keine Antworten geben, denn dazu hätte er sowieso keine Zeit. Kaum ist eine Frage ausgesprochen, kommt sofort die nächste! Doch einige zusammenhanglose, nach einer Antwort ringende Sätze, darf der Befragte schon von sich geben.

Das zeigt sich ganz besonders in einer modernen, kollektiven Befragungsform – der Talkshow oder Diskussionsrunde. Dort wird sogar das Fragmentarische-in-den-Raum-Werfen von Wortgruppen praktiziert, ohne einen Zusammenhang herzustellen. Das ist dann die moderne Form der Antwort auf eine Frage, was aber äusserst fragwürdig ist.

aus: factum 2/2008

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