„In virtuellen Welten wird Gott entbehrlich“
(28. März 2008/fa.) - Das Magazin "P.M." veröffentlicht in der April-Ausgabe ein Gespräch mit dem Philosophen Robert Spaemann. Der mahnt vor einer Abstumpfung in einer zunehmenden Medialisierung unserer Welt.
In einem langen Interview, in dem er seinen Glauben begründet, geht Robert Spaemann auch auf seine Kritik an der zunehmenden Medialisierung der Welt ein: aus der Selbstbezogenheit erwachse eine "allgegenwärtige Tendenz der Menschen, sich in virtuelle Welten zurückzuziehen". Spaemann: "Virtuelle Welten sind Nichtwirklichkeiten. Und wenn wir in virtuellen Welten leben, wird Gott entbehrlich."
Der Wunsch des Menschen, aus dem Hier und Jetzt zu fliehen, sei daher im Grunde "ein Aussteigen aus der Dimension des Göttlichen", so Spaemann. "Virtuelle Welten sind auch eine Konkurrenz für die Frömmigkeit." Unter Frömmigkeit versteht er dabei eine "Aufmerksamkeit der Gegenwart". Wer den Fernseher einschalte, sei woanders, "nicht mehr in meiner eigenen Gegenwart. Und ich muss mir anschauen, was andere sich ausdenken."
Dass dies schlimme Auswirkungen habe, könne man etwa bei Kindern sehen. Kinder, die regelmässig fernsehen, malten Bilder, "die klein und kümmerlich sind, weil sie nur ein Viertel des Raumes auf dem Zeichenblatt ausnutzen. Kinder hingegen, die wenig oder gar nicht fernsehen, malen kraftvolle, grossflächige Bilder. Im Grunde haben uns das Fernsehen und andere virtuelle Medien in eine atheistische Atmosphäre geführt, die tendenziell die menschlichen Organe für die unsichtbare Welt zum Absterben bringt."
Spaemann warnt: "Wenn wir keine Heiligkeit mehr kennen, sind wir den Gegebenheiten, dem Grau-in-Grau des Alltäglichen, ausgeliefert." Als "himmlische Rechenkunst", die den Menschen mehr und mehr verloren gehe, bezeichnet Spaemann die Fähigkeit, "unsere gewohnten Sichtweisen zu verrücken" und "Nachteile als Vorteile zu sehen: "Demütigung als Ehre, Verlust als Gewinn, (...) den eigenen Komfort als einen Überfluss, der in Wirklichkeit den Armen gehört". Er selbst bringe "den Alltag ins Gebet" und mache ihn "durchsichtig für das Einmalige unseres Daseins".
Das Wichtigste am Christentum, fasst er zusammen, sei die Lehre von der Vergebung, so Spaemann: "Dass ein Mensch tatsächlich immer wieder neu beginnen kann im Zustand der Unschuld - das ist eine ungeheuerliche Sache: ein Einbruch der Ewigkeit in diese Welt des Verfalls."
Quelle: Pro Medienmagazin
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