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Geniestreich oder letzter Dreck?
(18. April 2008/krb.) - Jonathan Littells Roman «Die Wohlgesinnten» löst kontroverse Reaktionen aus. Sind wir bessere Menschen als diejenigen, die von 1933 bis 1945 Hitler folgten?
Jonathan Littell, ein 40-jähriger Jude, Amerikaner und Franzose, debütierte mit seinem 1381 Seiten starken Roman «Die Wohlgesinnten», der 2006 im Original in Frankreich erschien. Hier wurde sein Buch über achthunderttausend Mal verkauft. Auf Deutsch ist es Ende Februar im Berlin Verlag veröffentlicht worden und sofort auf die Bestsellerliste gekommen.
Die Reaktionen auf Littells Erstlingswerk fallen sehr kontrovers aus und reichen von Begeisterung bis zum Entsetzen. – Wer ist der Autor und was ist der Inhalt seines monströsen Romans?
Komponiert hat Littell seinen Roman in der Form einer Ich-Erzählung, aus der Perspektive eines SS-Obersturmführers namens Dr. Max Aue, der als Mitglied des Sonderkommandos 4 a und des Reichssicherheitshauptamts zwischen 1941 und 1945 an der Planung des Holocaust beteiligt ist, ihn perfektioniert, umsetzt und ausführt.
Frank Schirrmacher schreibt in der FAZ über das Buch und seinen Autor: «‹Seid ihr überhaupt sicher›, heisst es am Beginn des Buches, das mit Anspielungen auf Ernst Jüngers ‹Marmorklippen› einsetzt, ‹dass der Krieg vorbei ist?› In gewisser Weise ist der Krieg nie vorbei, oder er ist erst vorbei, wenn das letzte Kind, das am letzten Tag des Krieges geboren wurde, wohlbehalten begraben ist, und auch danach lebt er in dessen Kindern und in deren Kindern fort, bis sich das Erbe allmählich verflüchtigt.» Diese Kinder leben noch. Und ihre Kinder erst recht.
Littell stammt aus einer jüdischen Familie. Als Jude schreibt er sich ein in die Gestalt eines Eichmann. Das ist der Skandal dieses Buches, sein Schrecken. Hier spricht ein Stimmenimitator mit der Stimme seines potentiellen Mörders. Kein Zweifel, Littell ging es um dieses Doppelgängertum. Deshalb hat Aue am gleichen Tag Geburtstag wie sein Autor, der sich geistig an jenen Stellen des Buches verdoppelt, die sein Aussenseitersein zum Gegenstand machen. Ein Doppelgängertum, das den Deutschen seit Ende des Krieges bewusst ist, weil jede neue Generation sich fragen muss, ob sie nicht hätte Täter sein können.
Dieser Max Aue ist aber nicht der anthropologische Platzhalter, und Littell teilt uns nicht nur mit, dass Menschen eben alle zum Bösen fähig sind. Seine Absicht ist noch radikaler und so existentiell, dass des Autors fast vollständige Abwesenheit in der Öffentlichkeit – er ist nur zu ein paar ausgewählten Interviews bereit – dadurch erklärbar wird. Wer dieses Buch gelesen hat, der hat 1300 Seiten lang einem jener Mörder zugehört, die unter den Namen Höss, Eichmann oder Hans Frank nicht nur in unserer historischen, sondern auch in unserer literarischen Erinnerung firmieren. Sie alle haben Texte und Wortprotokolle hinterlassen, und sie alle soufflieren in Littells Buch.
Inhaltlich wechseln unerhört brutale Beschreibungen der Massaker mit sonderbar kitschigen Naturschilderungen, und über allem und auf fast jeder zweiten Seite: Behördenprosa, Amtsbewegungen zwischen RSHA und AOK, zwischen SS und OKW.
Lesen Sie den ganzen Beitrag in factum 3/2008. Beim Verlag können auch Einzelhefte bestellt werden.
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