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«Gerüstet zum machtvollen Dienst»
(28. April 2008/idea/factum) – Evangelikale Gruppen haben sich nach amerikanischem Vorbild auch in Deutschland ausgebreitet und suchen nun den Einfluss auf die Politik. Das behauptet das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. In einem Interview mit dem Magazin „factum“ fordert der Schweizer Kulturhistoriker Daniel Regli denn auch Christen auf, vermehrt Einfluss in der Gesellschaft zu nehmen.
„Spiegel“-Autor Peter Wensierski zitiert in einem vierseitigen Artikel aus einem Aufruf des Generalsekretärs der Deutschen Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb (Stuttgart), in der Allianz-eigenen Publikation „Eins“. Darin fordert Steeb die rund 1,3 Millionen Evangelikalen in Deutschland dazu auf, in Parteien mitzuarbeiten und dort biblisch-ethische Massstäbe einzubringen, öffentliche Verantwortung – etwa im Stadtrat – zu übernehmen sowie Leserbriefe an Zeitungen und Zeitschriften, Rundfunkanstalten und Fernsehsender zu schreiben. Das „klingt wenig nach Gott, aber sehr nach Macht“, so Wensierski.
Einer, der ebenfalls die Christen auffordert, sich an der Macht in der Gesellschaft zu beteiligten, ist der Zürcher Kulturhistoriker Dr. Daniel Regli. Das Magazin „factum“ veröffentlichte in der Ausgabe 3/2008 ein Interview mit Regli unter dem Titel „Gerüstet zum machtvollen Dienst“. Auch Regli fordert, wie Hartmut Steeb, Christen auf, mehr Einfluss zu nehmen auf die gesellschaftliche Entwicklung. Dazu sollen sie vermehrt gesellschaftliche und politische Schlüsselpositionen einnehmen – zum Guten für die Gesellschaft. Regli veröffentlichte seinen Aufruf im Buch „Kirche und Schwert. Radikales Christsein in Gesellschaft und Politik“ (ISBN 978-3-033-01520-3). Nachfolgend ein Auszug aus dem „factum“-Gespräch.
factum: Herr Regli, Sie behaupten, die Kirche mache wenig, um christliche Werte in die Gesellschaft zu bringen. Warum sollte sie das denn tun, und vor allem, wie soll sie das tun? Regli: Jesus weist uns an, die Nationen zu Jüngern zu machen und sie alles zu lehren, was er uns geboten hat. Das geht, wie ich die Lage einschätze, nicht ohne effiziente Öffentlichkeitsarbeit und machtvolle Politik. Kirchenleitungen sollten ihre Mitglieder trainieren und motivieren, damit diese an gesellschaftliche und politische Schlüsselstellen gelangen können. Christen sollten besser lernen, durch den Glauben Gottes Anweisungen zu vernehmen und auszuführen. factum: Ist das Ausüben politischer Macht eine generelle oder eher eine individuelle Aufgabe für Christen? Regli: Beides trifft zu. Wer für die Völker betet, nimmt bereits Einfluss auf den Gang der Dinge. Dann hat in der Demokratie jeder Stimmberechtigte die Aufgabe, mit dem Stimm- und Wahlzettel Macht auszuüben. Nur eine einzelne Stimme zu haben, sieht zwar nach wenig Macht aus, ist aber Grundlage unseres politischen Handwerks. Wenn viele Christen politisch erweckt sind, beruft Gott immer wieder Leitungspersonen, die diese individuellen ‹Machtfaktoren› organisatorisch bündeln. Das kann in Lobbys, NGOs oder in Parteien geschehen. factum: Aus 1. Timotheus 2 lernen wir, dass Christen beten sollen für alle Menschen, insbesondere diejenigen an der Regierungsmacht, wozu? Damit sie «ein ruhiges und stilles Leben führen mögen». Sie, Herr Regli, scheinen diese Ruhe nicht zu suchen und meinen, Christen sollten herrschen. Regli: Es soll allein Gottes Sache bleiben, Männer und Frauen in ihre individuellen Berufungen hineinzuführen. Anteil an der Herrschaft hat im demokratischen System, wie gesagt, jede und jeder. Dass Gott darüber hinaus Menschen an die Schlüsselstellen der Staatsmacht berufen will, davon bin ich zutiefst überzeugt. Denken Sie an das staatlich legitimierte Schwert, das in den Mutterbäuchen wütet. Sollen wir uns einfach mit dem massenhaften Töten abfinden? Sollen wir nicht vielmehr wie Bonhoeffer alles tun, um dem Regenten ins Steuerrad zu greifen? Wer von Gott zum Ausüben von Herrschaft berufen ist, soll dies unter Einsatz seines ganzen Lebens tun. Zudem ... waren nicht viele unserer biblischen Vorbilder waren politische Herrscher? factum: Sie denken dabei wohl an die alttestamentlichen Könige Israels. Immerhin ist das Reich Gottes gemäss Jesus nicht von dieser Welt und wir warten auf die neue Welt Gottes. Das Primat hat die Befreiung der Menschen, die Umkehr aus der Gottesferne. Darüber schreiben Sie wenig. Regli: Ich denke nicht nur an die Könige, sondern auch an die politischen Verwalter Joseph, Nehemia und Daniel. Politik ist der Beruf der Macht. Der Bäcker kann auch keine «christlichen Brötchen» backen. Doch beide Berufsgattungen können und sollen ihre Tätigkeit auf dem richtigen Wertefundament aufbauen. Wer von der Liebe Gottes zu seiner Klientel geprägt ist, wird zuerst mal ein gutes Produkt vorlegen. Wenn die Brötchen schlecht sind, nützt auch der Bibelvers auf der Packung nichts. Dann kommen die Kunden nämlich nicht mehr! Wenn das Produkt gut ist und die Beziehungsebene mit Respekt und echter Anteilnahme gestaltet wird, wird es Möglichkeiten geben, Menschen ans Vaterherz Gottes zu rufen – ohne und mit Worten. Dass die Rückkehr zu Gott das Wichtigste ist, habe ich in dem Buch mehrmals deutlich erwähnt.
Lesen Sie das ganze Interview in „factum“ 3/2008.
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