Chinas Christen im Aufbruch
(26. Juni 2008/idea) – Die zahlenmässig stark wachsende Christenheit in der Volksrepublik China wird die US-amerikanischen Christen als Führungsmacht in der weltweiten evangelikalen Bewegung in wenigen Jahrzehnten ablösen. Davon ist der Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit der Weltweiten Evangelischen Allianz, der Missionswissenschaftler Prof. Thomas Schirrmacher (Bonn), überzeugt.
In China gebe es rund eine halbe Million freier Hausgemeinden, die fast alle evangelikal geprägt seien, sagte Schirrmacher am 24. Juni in Köln gegenüber idea. Anlass war eine Pressekonferenz der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) zur Menschenrechtssituation im Vorfeld der Olympischen Spiele in Peking.
Die Zahl der Christen in China schätzen Experten auf bis zu 100 Millionen. Die weitaus meisten versammeln sich in staatlich nicht registrierten Hausgemeinden, die bisweilen Übergriffen von Staatsorganen ausgesetzt sind. Die staatlich anerkannte Drei-Selbst-Bewegung und der Chinesische Christenrat repräsentieren nach offiziellen Angaben etwa 18 Millionen Protestanten. Von den etwa 20 Millionen Katholiken gehören rund sechs Millionen einer regimetreuen Kirche an.
Wie Schirrmacher weiter sagte, sei es nur noch eine Frage der Zeit, bis – nach einer Öffnung der Grenzen – die ersten chinesischen Missionare in den Westen entsandt werden. Wenn China frei werde, verschiebe sich das Zentrum der evangelikalen Welt von den USA nach Asien, mit unabsehbaren Folgen für die Evangelisierung der Welt. Schirrmacher: „Wenn jetzt schon das kleine Südkorea die Welt mit Missionaren überschwemmt, wie wird es dann erst sein, wenn das riesige China frei wird und Millionen chinesischer Missionare in alle Welt marschieren?“
Zur Lage der chinesischen Christen sagte Schirrmacher, sie würden im Vorfeld der Olympischen Spiele zwar stärker überwacht, als dies vor zehn Jahren der Fall gewesen sei. Rund 2.000 Leiter freier christlicher Hausgemeinden seien in Haft. Zugleich wüchsen diese Gemeinden wie auch die staatlich überwachten Kirchen Chinas fast ungebremst, so der Theologe. In dem bevölkerungsreichsten Land gebe es auch viele Regionen, in denen Christen ihren Glauben ungehindert praktizieren könnten – vorausgesetzt, sie verhielten sich unpolitisch und stellten die Autorität des Staates nicht in Frage.
Schirrmacher zufolge steht in China das Prinzip der Macht über dem Prinzip des Rechts. Deshalb würden die Menschenrechte, so wie sie sich in der christlich-jüdischen Tradition des Westens entwickelt hätten, in China bislang kaum beachtet. Bei denen, die Menschenrechte verletzten, fehle das Unrechtsbewusstsein. Es gebe aber Anlass zur Hoffnung, dass sich dies ändere. Die kommunistische Ideologie sei in China zwar formal noch gültig, spiele aber im politischen und wirtschaftlichen Tagesgeschäft eine immer geringere Rolle.
Ein „gigantischer Prozess der Umformung des Landes“ sei im Gange – hin zu immer effektiveren Formen von Marktwirtschaft. Der Staat habe nichts dagegen, wenn Menschen durch ihre Geschäfte wohlhabend werden. Die chinesischen Politiker setzten aber alles daran, landesweit die Kontrolle über Wirtschaft und Gesellschaft zu behalten. Deshalb seien sie so misstrauisch gegenüber Einflüssen aus dem Ausland. 500 ausländische Fachkräfte, darunter viele aktive Christen, seien 2007 des Landes verwiesen worden. Denn die Machthaber unterstellten den freien christlichen Hausgemeinden, sie seien aus den USA ferngesteuert. Davon kann laut Schirrmacher aber keine Rede sein: Die Hausgemeinden seien aus Prinzip gegen jede Art von Hierarchie oder Bevormundung, ganz gleich, ob aus dem In- oder Ausland. Auserdem könnten sie wegen ihrer dezentralen Struktur und ihres starken Wachstums gar nicht ferngesteuert werden.
Nach Schirrmachers Worten sind Chinesen traditionell gute Organisatoren, flexibel und orientiert am persönlichen Vorwärtskommen. Ihre Begabungen und Eigenschaften passten hervorragend mit protestantischen Werten zusammen. In gebildeten Kreisen Chinas sei es Mode geworden, mit dem Christentum zu sympathisieren. Wirtschaftsfachleute übernähmen Elemente der protestantischen Ethik. Sie wüssten, dass die Beachtung christlicher Werte den Leistungswillen der Menschen steigere. In der Bereitschaft, etwas zu leisten und dafür weite Wege zu gehen, seien die chinesischen Christen vorbildlich. Unzählige Untergrundprediger würden von ihren Gemeinden in entlegene Regionen des Landes entsandt, um zu missionieren. Schirrmacher prognostiziert, dass der Anteil der Christen in China in nicht allzu ferner Zukunft auf zehn Prozent ansteigen wird. Der frühere staatlich verordnete Atheismus sei auf dem Rückzug, das ideologische System hohl und nicht mehr erneuerbar.
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