Sderot: Die Menschen werden im Stich gelassen
(17. November 2008/inn.) – "Die Leute hier werden im Stich gelassen, sowohl von Israel wie auch von der Weltgemeinschaft". Dies erklärt der Präsident der deutsch-israelischen Gesellschaft, Dr. Johannes Gerster, bei einem Besuch der Präsidien der deutsch-israelischen Gesellschaft und der Gesellschaft Schweiz-Israel in Sderot, der israelischen Stadt, die seit Jahren mit palästinensischem Raketenterror leben muss.
Gleich der erste von fünf Besuchstagen führte die Delegation in die bedrängte Stadt im nördlichen Negev. Von einem Hügel kann die Gruppe von etwa 40 Deutschen und Schweizern nicht nur die israelischen Wohnhäuser von Sderot überblicken, sondern auch den auf Sichtweite gelegenen Gazastreifen, die Stadt Beit Hanun und dahinter Gaza-Stadt. Gerster weiter: "Die Leute hier leben unter einem gewaltigen Druck und kein Mensch in der Welt interessiert sich dafür. Da wollen wir ein kleines Signal setzen".
Im Sapir-College am östlichen Rand von Sderot studieren Drusen, Araber, Christen und Juden miteinander - und leiden gemeinsam unter dem post-traumatischen Syndrom eines jahrelangen Raketenbeschusses. Die 1976 gegründete Hochschule wird heute von 7.000 Studenten besucht, hat 13 Fakultäten und ist damit das grösste staatliche College in Israel.
Bis zum Jahr 2000 haben am Sapir-College nicht nur Palästinenser aus Gaza studiert, sondern auch palästinensische Professoren unterrichtet. Die Dozentin Dr. Ruthie Eitan erzählt, wie sie jetzt nicht nur mit der eigenen Angst fertig zu werden sucht, sondern auch ihren Studenten eher "Mutter als Professorin" sein will: "Wenn der Alarm kommt, haben wir fünfzehn Sekunden Zeit, um Deckung zu suchen. Weil das viel zu kurz ist, bleiben die meisten nur sitzen und hoffen, dass die Raketen woanders einschlagen."
Zwölf Menschen wurden bislang durch den palästinensischen Beschuss getötet. Doch es ist weniger die unmittelbare Lebensgefahr, die den Menschen zu schaffen macht, als vielmehr der ständige psychische Druck und die unmittelbaren Folgen für das tägliche Leben.
Seit April 2001 fielen mehr als 10.000 Raketen und Mörsergranaten vom Gazastreifen auf die Stadt, die 1956 von Neueinwanderern aus Nordafrika, dem Iran und Kurdistan gegründet worden war. Mit der Einwanderungswelle aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion hatte sich die Zahl der Einwohner von Sderot Anfang der 1990er Jahre dann schlagartig auf heute 24.000 Menschen verdoppelt.
Der Besuch der Schweizer und deutschen Freundschaftsdelegationen fällt praktisch mit dem Ende eines fünfmonatigen Waffenstillstands zwischen der radikal-islamischen Hamas, die den Gazastreifen beherrscht, und dem jüdischen Staat Israel zusammen. Vier Mitglieder der bewaffneten Salah a-Din-Brigaden der palästinensischen Volkswiderstandskomitees im Gazastreifen fielen bei dem Versuch, Raketen auf Sderot zu schiessen, am Morgen des Besuchstages einem israelischen Luftangriff zum Opfer. Nachdem am frühen Morgen des Tages zwei Kassamraketen auf offenem Feld eingeschlagen hatten, ohne grösseren Schaden anzurichten, wurde kurz nach Abfahrt der deutsch-schweizerischen Delegation ein Einwohner bei einem Raketeneinschlag von Granatsplittern verletzt. Weitere Israelis mussten wegen Schockverletzungen behandelt werden.
Am Abend äussert sich das israelische Kabinett zum Wiederaufflammen der Gewalt um den Gazastreifen und machte dafür ausschliesslich "die Hamas und andere Terror-Organisationen im Gazastreifen" verantwortlich. Regierungschef Ehud Olmert gibt bekannt, dass er Sicherheitsexperten angewiesen habe, ihm einen Aktionsplan vorzulegen, der die vollkommene Ruhe im Süden des Landes wieder herstellen werde. Vor laufender Fernsehkamera fordern die aufgebrachten Bewohner von Sderot ein Ende der Gewalt - mit allen Mitteln. Der neu gewählte Bürgermeister David Buskila bemüht sich, seine Ratlosigkeit in Worte zu fassen. Ein Einmarsch der israelischen Armee in den hochgerüsteten Gazastreifen scheint nur eine Frage der Zeit.
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