Kein Evangelium
Kurz vor Ostern 2006 berichteten die Massenmedien über eine angeblische Sensation mit Sprengkraft: Das "Judas-Evangelium". Wie ist dieser koptische Text einzuordnen?
Michael Welte
Der Termin war, wie schon so oft, geschickt gewählt: Palmsonntag 2006 – die Christenheit steht am Tor zur Passion ihres Herrn. Rechtzeitig vor Ostern also, einem der Hochfeste der Christenheit, sollte ein ahnungsloses Publikum umstürzend Neues über den Sohn Gottes und seine Passionsgeschichte erfahren. Eine als «sensationell» angepriesene Medienkonferenz am 6. und eine Fernsehdokumentation am 9. April stimmten das Publikum ein. Den Stoff liefert ein «Evangelium des Judas», das als brandneu verkaufter Jahrtausendfund im Nu den Spitzenplatz in den Schlagzeilen der Medien eroberte, ein Fund, der in Wahrheit schon in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts gemacht wurde.
Dass er erst heute so richtig ans Licht der Öffentlichkeit drang, bietet den geneigten Geschichtsfälschern erneut eine begehrliche Vorlage, um die scheinbar endlose «Verschlusssache Jesus» mit einer weiteren Folge fortzusetzen.
Bereits vor gut einem Jahr, am 26. März 2005, erschienen auf dem Titelblatt des Nachrichtenmagazins «Focus » folgende Schlagzeilen: «Jahrtausend-Fund. Das Judas-Evangelium – Wissenschaftler enträtseln die wahren Motive des Jesus-Verräters». Dazu abgebildet war der untere Teil der letzten Seite einer alten Handschrift, auf der am Ende als Finaltitel «Evangelium des Judas» zu lesen ist.
Neben dem mit dem Namen «Judas» verbundenen Text enthält der Fund drei weitere Schriften, von denen zwei bereits aus der 1945 entdeckten Bibliothek von Nag Hammadi bekannt sind: ein Brief von Petrus an Philippus (Seite 1 bis 9) und die Erste Apokalypse des Jakobus (Seite 10 bis 32). Der vierte Text (Seite 59 bis 66), ein Fragment, zu dem es keinen Titel gibt, wird als «Buch des Allogenes» bezeichnet und ist somit wie die anderen Texte der Gnosis zuzuordnen. In dem insgesamt 66-seitigen in Leder eingebundenen koptischen Papyrus-Codex im Format 30 x 15 cm findet sich das «Evangelium des Judas» auf den Seiten 33 bis 58.
Seit seiner Auffindung im Jahr 1978 in der Nähe der mittelägyptischen Stadt Muhazafat Al-Minya, 150 Kilometer südlich von Kairo, hat der in die Zeit zwischen 220 und 340 n. Chr. datierte Codex eine wechselvolle Geschichte hinter sich.
Ganz ähnlich wie bei den Funden von Qumran wurde der Codex auf verschiedenen Antikenmärkten angeboten, u. a. in Kairo und New York. Im Jahr 2000 erwarb dann die Zürcher Antiquitätenhändlerin Frieda Nussberger-Tchacos den Codex für rund 300 000 Dollar und übergab ihn der Schweizer Maecenas-Stiftung für antike Kunst.
Lesen Sie den ganzen Artikel in FACTUM 4/2006.
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