Wirbel um Codex Sinaiticus
Der von Konstantin von Tischendorf in einem Wüstenkloster entdeckte Codex Sinaiticus ist die zweitälteste Bibelhandschrift der Welt. Die schön beschriebenen Blätter liegen heute verteilt in Museen in Russland, Deutschland, England und Ägypten. Nun soll der wertvolle Codex zumindest virtuell zusammengefügt werden. Doch im Hintergrund der nach aussen präsentierten Zusammenarbeit wird noch immer über die Besitzrechte gestritten.
von Alexander Schick
Der Codex Sinaiticus gilt als eine der bedeutendsten und kostbarsten Handschriften der Welt. Geschrieben wurde diese Bibel in griechischer Sprache um 350 n.Chr. Jahrhunderte lang befand sich der Codex (= Buch) im Katharinen-Kloster im Sinai (daher: Sinaiticus). Noch älter ist nur der Codex Vaticanus (um 325 n.Chr.), der in Rom in der Vatikan-Bibliothek aufbewahrt wird, aber das Neue Testament nur unvollständig enthält. In der Bibel aus dem Sinai hingegen ist das Neue Testament von der ersten bis zur letzten Seite enthalten. Der Codex Sinaiticus ist somit die älteste komplette Handschrift des Neuen Testaments. Die Entdeckung des Codex gehört zu den abenteuerlichsten Momenten in der Bibelforschung. Sie ist mit dem Leipziger Professor Konstantin von Tischendorf (1815-1874) verbunden.
Über 100 Jahre waren Teile des antiken Codex über vier Länder verstreut. Im März 2005 Jahres wurde in London ein Abkommen unterzeichnet, die kostbaren Pergamentseiten zu digitalisieren. Die verstreuten Teile der Bibelabschrift sollen im Computer „virtuell“ zusammengesetzt und im Internet verfügbar gemacht werden.
Geplant sind auch ein originalgetreuer fotografischer Nachdruck und eine DVD sowie Übersetzungen in mehrere Sprachen. Die Kosten für das vierjährige Projekt werden auf 680.000 Pfund veranschlagt (über 1 Million Euro). Beteiligt sind die British Library, die Universitätsbibliothek Leipzig, die Russische Nationalbibliothek in St. Petersburg, sowie das Katharinen-Kloster.
Das Projekt geht auf eine Initiative der British Library zurück, die das Katharinen-Kloster und deren Bischof erst nach langen Verhandlungen zu einer Zusammenarbeit bewegen konnte. Scott McKendrick, Kurator in der British Library, bezeichnet das Unternehmen als „Blockbuster“ (Knüller): „Der Codex Sinaiticus wurde hergestellt mit der besten Technik des 4. Jahrhunderts und wir im 21. Jahrhundert benutzen die neueste Digitaltechnik und das Internet, um die älteste Bibel der Welt allen zugänglich zu machen.“
Das Projekt wird aus drei Teams bestehen. Das Konservierungs-Komitee wird die über 1600 Jahre alten Blätter und Fragmente mit den mordernsten Methoden untersuchen, um zu gewährleisten, dass die Handschrift noch weitere Jahrhunderte erhalten bleibt. Ein besonderes Problem ist dabei die ätzende Wirkung der Eisengallus-Tinte auf das Pergament. Geschieht nichts, kann passieren, dass Buchstaben aus dem Manuskript fallen, so befürchten die Experten. 1934 hatten die Engländer erste Konservierungsmassnahmen an ihren Blättern vorgenommen. Sie wurden regelrecht „glatt gezogen“.
Das Technik-Komitee wird verantwortlich sein für die Digitalfotografie in höchster Auflösung, um den Text am Computer erforschen zu können. Da die fragilen Teile der Handschrift nicht befördert werden können, müssen Fotospezialisten nach England, Deutschland, Russland und Ägypten reisen, um ihre Aufnahmen zu machen. Vor allem sollen auch früher abgewaschene Sätze wieder sichtbar gemacht werden, um die Textgeschichte genauestens zu rekonstruieren. Mindestens drei Schreiber haben an dem Text der Handschrift gearbeitet. Hinzu kommen eine Vielzahl von Korrekturen, die akribisch untersucht werden sollen.
Doch im Hintergrund der nach aussen vorgezeigten Kooperation schwelt eine Auseinandersetzung um die Besitzrechte. Der British Library in London droht der Verlust des Codex. Die ursprünglichen Besitzer, die Mönche des griechisch-orthodoxen St. Katharinen-Klosters, hatten stets erklärt, die Ziegenhautseiten nicht freiwillig abgegeben zu haben. Die British Library hatte noch vor kurzem eine Rückgabe des Codex ausgeschlossen. Doch nun wurde die Bibliothek von einer Beratungskommission der Regierung für Fälle von Plünderungen dazu aufgefordert, ein anderes Stück ihrer Sammlung zurückzuerstatten: ein Manuskript aus dem 12. Jahrhundert, das während des Zweiten Weltkrieges aus einer Kathedrale bei Neapel geraubt wurde. Wie die "Times" berichtet, fürchtet die British Library nun, dass die Kommission im Falle des Codex Sinaiticus zu einem ähnlichem Urteil kommen könnte.
Der Leipziger Theologe Konstantin von Tischendorf hatte die Bibelabschrift 1844 im St. Katharinen-Kloster entdeckt. Er nahm sie mit, versprach aber, sie zurückzugeben. 1869 gelangte die Bibel nach Russland, nachdem der Abt sie dem Zaren im Austausch für Spenden und Geschenke überlassen hatte. 1933 schliesslich erstand Grossbritannien den grössten Teil der Fragmente von der Sowjetunion. Nach einem Bericht der "Welt", sind die Mönche des Klosters der Meinung, Tischendorf habe sich die Fragmente damals unrechtmässig angeeignet.
Hinweis: Das FACTUM Magazin berichtet in der Ausgabe 3/2005 ausführlich und mit Bildern über den Krimi um den Codex Sinaiticus.
© FACTUM 3/2005
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