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Finsternis und Licht

“Ich bin als das Licht in die Welt gekommen, damit jeder, der an mich glaubt, das Licht hat und nicht in der Finsternis bleibt.“
Jesus Christus (Johannes 12,46, NGÜ)

Rolf Höneisen

Wir feiern Advent. Dazu gehört das Anzünden von Kerzen. Draussen leuchten Elektro-Girlanden. In den letzten Jahren wurde in diesem Bereich gewaltig aufgerüstet. Dabei ist es erst etwas über hundert Jahre her, seit in Mitteleuropa mit der Installation der ersten elektrischen Strassenbeleuchtungen begonnen wurde. Sie trat einen Siegeszug mit Folgen an. Heute gibt es keine Dunkelheit mehr! Permanent gegen den Himmel gestrahlte Beleuchtung führt zur unnatürlichen Situation, dass es keine totale Finsternis mehr gibt. „Lichtverschmutzung“ nennen Fachleute die künstliche Aufhellung des nächtlichen Himmels.

Es ist menschengemacht hell, wo es von Natur aus dunkel wäre. Unzählige Zugvögel sterben mangels Orientierungspunkten. Zuviel Kunstlicht bedeutet unter anderem auch, dass wir die Sterne nicht mehr sehen. So können faszinierende astronomische Beobachtungen vielerorts gar nicht mehr durchgeführt werden. Dabei gehört die Betrachtung des Sternenhimmels zu den ältesten Wissenschaften überhaupt. Die Astronomie ist die Grundlage der Zeitbestimmung und des Kalenders. Auch die Entdeckung neuer Länder und Kontinente, unser Wissen über den Kosmos, moderne Kommunikation und Navigation wäre ohne die Orientierung an den Sternen nicht möglich geworden.

Doch inzwischen lassen sich in unserer Region schwächere Sterne - oder etwa die Milchstrasse - kaum noch erkennen. Ursache ist zwecklos gegen den Himmel gestrahltes Licht. Satellitenaufnahmen in der Nacht zeigen uns, wie viel Kunstlicht gegen oben verstrahlt. Der Lichterteppich wirkt fast so, wie wenn wir dem Schöpfer von Himmel und Erde selbstbewusst signalisieren wollten: „Schau doch, wie hell wir hier unten sind!“ Das ist allerdings in jeder Hinsicht verschwendete Energie – physikalisch wie gedanklich.

Vor 250 Jahren begann sich Europa gedanklich aus der Abhängigkeit und dem Bezug zu Gott zu lösen. Der Mensch rückte ins Zentrum. Die Wissenschaft verdrängte die Offenbarung. In der Ursprungsfrage begann die Evolutionstheorie den Schöpfungsglauben zu verdrängen. In der Theologie verwässerte der Humanismus mit seinen Speerspitzen Psychologie und Philosophie die Autorität der Heiligen Schrift. Heute gilt die westliche Gesellschaft als aufgeklärt, im Grunde ist sie nichts anderes als losgelöst, emanzipiert, von Gott. So wie unser Kunstlicht das Sternenlicht überdeckt, wirken das humanistische Licht und die menschliche Erkenntnis gegenüber dem göttlichen Licht und seiner Offenbarung.

Das hat Konsequenzen: Wer nichts Dunkles wahrnimmt, sucht nicht nach dem Licht des Wortes Gottes und die Mächte der Finsternis triumphieren. Die Strategie des Teufels geht auf. Die Finsternis tarnt sich als Licht. Geistige Lichtverschmutzung überblendet die Wahrheit Gottes und wir sehen den Himmel nicht mehr! Unsere aufgeklärt-helle Gesellschaft wird von der Nachricht, dass das Licht Gottes in die Welt gekommen ist, nicht mehr berührt. Sie erkennt nicht, dass sie im Finsteren lebt. Johannes formulierte treffend: „Das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen“ (Joh. 1,5).

Die Dramatik dieses Unbegreifens ist durch kein anderes Ereignis in der Geschichte zu überbieten. Denn die Bibel offenbart: „Viele Male und auf verschiedenste Weise sprach Gott in der Vergangenheit durch die Propheten zu unseren Vorfahren. Jetzt aber, am Ende der Zeit, hat er durch seinen eigenen Sohn zu uns gesprochen. Der Sohn ist der von Gott bestimmte Erbe aller Dinge. Durch ihn hat Gott die ganze Welt erschaffen. Er ist das vollkommene Abbild von Gottes Herrlichkeit, der unverfälschte Ausdruck seines Wesens. Durch die Kraft seines Wortes trägt er das ganze Universum. Und nachdem er das Opfer gebracht hat, das von den Sünden reinigt, hat er den Ehrenplatz im Himmel eingenommen, den Platz an der rechten Seite Gottes, der höchsten Majestät“ (Hebräer 1,1-3, NGÜ).

Jesus Christus ist das letzte Wort Gottes an die Welt! Und bis heute prallt sein letztes Wort bei unzähligen Menschen wirkungslos ab. Das kommt nicht von ungefähr. Es gibt eine Macht, die mit allen Mitteln versucht, jede Sehnsucht nach der Wahrheit abzuwürgen. Der Mensch soll in der Finsternis gefangen bleiben, sein Leben nach Lügen ausrichten und am Ende untergehen.

Im Film „Sphere“ erhält eine Handvoll Wissenschaftler den Auftrag, ein im Meer gesunkenes, ausserirdisches Raumschiff zu untersuchen. Bevor das Team zum ersten Mal ins Raumschiff steigt, sagte ein Teammitglied: „Kommt, steigen wir ein ins Herz der Finsternis!“ Das stimmte, nur wusste niemand, dass es um das eigene Herz ging.

Das Raumschiff barg eine sonderbare Fracht: eine faszinierende, riesige, goldene Kugel. Fantastisch anzusehen. Unwiderstehlich zog die wabernde Energie die Blicke an. Eine magische Kraft ging von der Kugel aus. Jeder Mensch, der sich gedanklich mit der Goldkugel befasste, geriet unter ihren Einfluss. Sie suggerierte, man könne mit ihrer Hilfe alles bekommen, was man wollte.

In der Folge hielten Misstrauen, Angst, Terror und Tod Einzug. Die Menschen bekamen, was sie dachten, und dass war eben nichts Gutes. Ihr Misstrauen und die Angst vor dem Anderen verwandelten die Tiefsee-Expedition in einen Alptraum. Die Die Menschen belogen sich. Die Angst wuchs so stark, bis sie sich gegenseitig umbrachten. Die Finsternis, der Abgrund des eigenen Herzens, wurde real.

Diese Geschichte erinnert in vielen Punkten an Versuchung und den Fall der ersten Menschen im Garten Eden (1. Mose 3,1 bis 7). Der Feind Gottes und Menschenmörder taucht auf und greift den Geist des Menschen erfolgreich an: Als erste vertauscht Eva die Wahrheit Gottes (1. Mose 2,17) gegen die Lüge Satans (1. Mose 3,4 bis 5), anschliessend Adam. Seither ist der Geist des Menschen zerrüttet und in Lügen über das Leben gefangen: „(...) Denn obgleich sie Gott erkannten, haben sie ihn doch nicht als Gott geehrt und ihm nicht gedankt, sondern sind in ihren Gedanken in nichtigen Wahn verfallen, und ihr unverständiges Herz wurde verfinstert. Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden. (...) Sie, welche die Wahrheit Gottes mit der Lüge vertauschten (....)“ (Röm. 1,21 bis 22a, 25).

Wie verlief der teuflische Angriff? Warum war er erfolgreich? Er agierte mit Halbwahrheit und untergrub so die Wahrheit. Ausgangspunkt war eine Frage Satans, in der er die Wahrheit Gottes verdrehte: „Sollte Gott wirklich gesagt haben, das ihr von keinem Baum im Garten essen dürft?“ (1. Mose 3,3b) Eva korrigierte diesen Unsinn zwar mit der Anordnung Gottes. Trotzdem müssen erste Zweifel in ihr geweckt worden sein. Denn Satan fühlte sich ermutigt, nachzuhaken. Diesmal widersprach er Gottes Wahrheit mit einer konkreten Lüge: „Keineswegs werdet ihr sterben! Sondern Gott weiss: An dem Tag, da ihr davon esst, werden euch die Augen geöffnet, und ihr werdet sein wie Gott und wert erkennen, was gut und böse ist“ (1. Mose 3,4 und 5).

Die Versuchung war deshalb erfolgreich, weil Eva meinte, sie könne wählen und ihre Entscheidung mit dem Verstand richtig fällen. Gottes Gebot war plötzlich nicht mehr bindend, sondern nur noch eine Option. Satan bot eine Alternative. Der unantastbare Baum, wurde zum Objekt der Begierde.

Was ging in Evas Gedanken vor? Aus ihrer sinnlichen Wahrnehmung zog sie ihre Schlüsse. „Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre, und dass er eine Lust für die Augen und ein begehrenswerter Baum wäre, weil er weise macht (...)“ (1. Mose 3,6). Eva fasste ihre Sinneseindrücke zusammen, prüfte sie und zog daraus ihre eigenen Schlussfolgerungen. Diese verglich sie mit Satans Aussagen, um zu sehen, ob er Recht hatte.

Eva betrachtete die Frucht. Ihre Wahrnehmung war: „Gut zu essen“, „eine Lust für die Augen“, „weise machend“.

1. „Gut zu essen“: Geschmackvoll und nahrhaft
Die Frucht wirkte geschmackvoll und nahrhaft. Was schliesst der menschliche Verstand daraus? Wohl dasselbe, was sich Eva dachte: „Vielleicht hat die Schlange Recht und Gott schränkt mich ein, indem er mich hindert, alle Früchte im Garten zu geniessen.“ Und sie machte sich weitere Gedanken und stellte fest:

2. „Eine Lust für die Augen“: Ästhetisch angenehm
Die Frucht hatte eine vollende Form, Design vom Feinsten. Das löst beim Betrachten angenehme Gefühle aus, das tut emotional gut und die Gedanken gehen weiter:

3. „Weise machend“: Erkenntnis erweiternd
Diese Frucht war begehrenswert, weil sie Einsicht in neue Erkenntnisse versprach. Sie hatte intellektuellen Wert, versprach einen Erkenntnissprung: Sie würde Gott-gleich machen.
Diese dreifache Prüfung führte in Evas Überlegungen zum Schluss, dass das Essen dieser Frucht wirklich zu persönlichem Gewinn führen würde, und zwar auf gesundheitlich-körperlichem, ästhetisch-gefühlsmässigem und intellektuell-geistigem Gebiet. Aus ihrer Sinneswahrnehmung zog Eva ihren Schluss: Gott ist im Unrecht. Satans Täuschung gelang. Er zog ihre Gedanken weg von Gottes Wahrheit. Eva verwarf die Ordnung des Schöpfers, ass von der Frucht und Adam biss unmittelbar darauf ebenfalls zu (1. Mose 3,6) – mit verheerenden Folgen. Die Menschheit geriet unter die Macht Satans. Sie verlor die Fähigkeit, das Leben aus Gottes Perspektive zu sehen und zu verstehen und entfremdete sich von Gott.

Richard L. Mayhue fasste im Buch „Verändertes Denken. Zurück zu einer biblisch-christlichen Weltanschauung, Hrsg. John MacArthur, CLV) zusammen, wie sich dadurch die menschliche Haltung gegenüber Gott veränderte:

• Man beschäftigt sich nicht mehr mit göttlichen Gedanken, sondern mit
menschlichen Überlegungen (Psalm 53,2; Römer 1,25)
• Das geistliche Sehvermögen fehlt, es wurde durch Satan in Bezug zur Herrlichkeit Gottes verblendet (2. Kor. 4,4)
• Die Menschen sind nicht mehr weise, sondern töricht (Psalm 14,1; Titus 3,3)
• Es wird nicht mehr für Gott gelebt, sondern die Menschen sind geistig Tote, tot in
ihren Sünden (Römer 8,5-11)
• Es wird nicht mehr nach Göttlichem gestrebt, sondern nach Irdischem (Kol. 3,2)
• Die Menschen stehen nicht mehr im Licht, sondern leben in der Finsternis (Joh. 12,35 und 36; 46)
• Sie besitzen das ewige Leben nicht mehr, sondern gehen dem geistlichen Tod – d.h. der ewigen Trennung von Gott entgegen (2.Thess. 1,9)
• Gelebt wird nicht „im Geist“, sondern nach dem „Fleisch“, nach den egozentrierten Wünschen von Körper und Seele (Römer 8,1 bis 5)

Das Gehirn ist für unseren Körper von zentraler Bedeutung. Es koordiniert über 600 Muskeln, überwacht täglich 103000 Herzschläge und über 230000 Atemzüge und es setzt meine Wahrnehmung um in entsprechende Gedanken. Diese Gedanken wiederum bestimmen jeden Tag über mein Leben. Was prägt mein Innerstes wirklich? Welche Ziele treiben mein Leben an? Welches Lebensmotto bestimmt mein Verhalten? Vertraue ich Gottes Wahrheit in allen Dingen oder richte ich ich mich je nach Thema und Lebensbereich nach meinen eigenen Ideen?

Sicherheit? Das geben uns doch Geld und Arbeit. Liebe? Holen wir uns in sexuellen Beziehungen. Anerkennung? Erarbeiten wir uns durch Leistung. Auf solchen Säulen steht unser Leben. Doch sie Säulen stützen nur innerhalb des Systems der Welt. Wenn wir unser Herz an ihnen festhaken, werden sie in unseren Gedanken zu hohen Mauern, die verhindern, dass wir Gottes Liebe und Kraft richtig erkennen (vgl. 2. Kor. 10,3 bis 5)!

Du denkst: „Ich bin nur so viel wert, wie ich leiste.“ Aber Gott sagt: „Ich habe dich eh und je geliebt.“ Du meinst: „Ich muss stark sein, damit Gott mich liebt.“ Gott sagt: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Solche Prägungen und Festlegungen
sitzen tief. Sie zu durchbrechen ist gleichbedeutend mit dem Einreissen einer Festungsmauer. Da gibt es Widerstand. Das Gefühl wehrt sich und verheisst uns erst wieder Ruhe, wenn wir die alte Gewohnheit wieder aufnehmen. Das Fleisch streitet wider den Geist.

Wenn sich Christen fragen, wie denn Gottes Licht in dieser Welt aufleuchten kann, müssen sie zuerst ihr eigenes Herz prüfen. Ein einfaches Mittel dazu: Achten Sie einmal in der Stille auf ihre Selbstgespräche. Was steht in Ihren Gedanken als so wichtig im Vordergrund? Verhindert es, Gott ganz zu vertrauen, besser zu erkennen und aus seiner Gnade zu leben? Falsche Überzeugungen, die uns lenken, müssen durch die Wahrheit Gottes ersetzt werden. Um es mit Paulus zu sagen: Unsere heimlichen Ziele müssen dem Gehorsam Christi unterstellt werden. Und: „Seid nicht gleichförmig dieser Welt, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung eures Sinnes, dass ihr prüfen mögt, was der Wille Gottes ist“ (Römer 12,2).

„Denn ihr wart früher Finsternis; jetzt aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts!“ (Eph. 5,8) Christen sind Lichtträger! Im Glauben tragen sie Christus im Herzen. Der Geist Gottes lebt in ihnen. Damit werden sie selbst zu Gesandten Gottes, zu Botschaftern an Christi Statt. Sie sind berufen, das göttliche Leben mit Wort und Leben zu bezeugen und mit ihrer Persönlichkeit zu reflektieren. Sie sind für die Menschen in ihrer Nähe wie ein Parfüm (2. Kor. 2,14) oder wie ein offener Brief (2. Kor. 3,3).

In der Bergpredigt bezeugte Jesus den Glaubenden: „Ihr seid das Licht der Welt. (...) So soll auch euer Licht vor den Menschen leuchten: Sie sollen eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (Matth. 5,14 und 16).

Wie ihm soll auch uns Leid und Ungerechtigkeit nicht gleichgültig sein.
Wie er sollen auch wir uns den Schrecken und der Angst in der Welt entgegenstemmen. Wie Christus sollen auch wir die Entmutigten stärken, die Erniedrigten wertschätzen, die Reichen und Selbstgerechten herausfordern, die Schwachen tragen, den Schuldigen den Weg der Vergebung und Veränderung zeigen. Diesen Auftrag erfüllen wir nicht solo. Christus ist das Haupt, wir die Glieder. Jeder von uns ist ein Teil dieses Körpers. Jeder mit seiner Gabe, jeder angewiesen auf den anderen neben sich, zusammen zeigen wir den ganzen Charakter Jesu.
 
Dazu muss keiner perfekt sein. Wir sind begrenzt und verletzlich, und auch Christen haben nicht alle Antworten und können sich irren. Unser Leben ist ein Wachstumsprozess. Doch Versagen, Niederlagen und Schuld streichen die Gegenwart Jesu nicht einfach durch. Unsere Schwachheit hält uns vielmehr in der Gnade Jesu. Das Leben kommt von Gott und wir leben für Gott. Nach Niederlagen stehen wir wieder auf, gehen weiter, glauben weiter, hoffen weiter, lieben weiter! Dieses Weitergehen in der Hoffnung auf die Herrlichkeit ist ein Signal: Christen geben die Hoffnung nicht auf! In ihnen lebt das Licht Gottes. In den verrücktesten Umständen halten sie an ihrer Überzeugung fest! Ihr Glaube verleiht ihnen Kraft.

Wir leben in einer Sphäre der Gottlosigkeit, von Satan regiert mit Misstrauen, Angst und Tod. Die Kultur des Bösen will verhindern, dass der Mensch zu Gott umkehrt. Die Finsternis ist eine teuflisch gesteuerte Beeinflussung unserer Gedanken. Satan hat die Fähigkeit zu verführen, mal auf die brutale, mal auf die sanfte Tour.

Wenn Jesus von der Welt sprach, dann bezeichnete er sie wie selbstverständlich als „Finsternis“. Sich selbst bezeichnete er als Gegenkraft, als Licht. Durch seinen Tod und durch seine Auferstehung durchbricht er die Macht des Todes: „So konnte er durch den Tod den entmachten, der mit Hilfe des Todes seine Macht ausübt, nämlich der Teufel, und konnte die, deren ganzes Leben von der Angst vor dem Tod beherrscht war, aus ihrer Sklaverei befreien“ (Hebr. 2,14a und 15, NGÜ).

Sklaverei, Angst und Tod... Das hat doch nichts mit uns zu tun, möchten wir rufen. Das tun die Chinesen, die Nordkoreaner, die Iraker, aber doch nicht wir! Falsch, jeder von uns ist zum Schlimmsten fähig. Psychologen haben 25000 Studien mit insgesamt 8 Millionen Teilnehmern zum Thema Folter untersucht mit dem ernüchternden Ergebnis: Jeder Mensch ist fähig, andere brutal zu quälen. Jeder Mensch kann unter Stress und in extremen Situationen aggressiv werden. In besonderen Umständen bricht das normale Sozialverhalten in sich zusammen.

Das berühmte Stanford-Experiment im Jahr 1971, wo 24 Freiwillige entweder Gefängniswärter oder Gefangener spielten musste, war eigentlich für die Zeitdauer von 14 Tagen geplant gewesen. Aber schon nach sechs Tagen musste das Experiment abgebrochen werden. Die Situation war völlig ausser Kontrolle geraten, die Wärter folterten ihre Häftlinge.

Jesus sagt unmissverständlich, dass Menschenverachtendes, Beziehungszerstörendes Verhalten in unserem Herzen geboren wird: Unzucht, Diebstahl, Mord, Neid, Hochmut, Ehebruch alles kommt aus unserem Innersten (vgl. Mk. 7,21-23).

Wir Menschen haben das satanische System der Verführung, des Zwangs und der Vernichtung weitgehend übernommen. Viele Regierungen handeln danach. Mit Peitsche, mit Stromschlägen, mit Gewehren können Menschen andere Menschen dazu bringen, alles zu tun, was sie möchten. Nur ändern wird sich ein so gequälter Mensch nicht. Die Macht des Teufels versklavt und bindet. Aber sie verändert keinen Menschen zum Guten. Er bleibt in der Finsternis, vor sich nichts als die unsägliche Kälte des Todes. Erst dort, wo dieser düstere Hintergrund erkannt ist, strahlt das erlösende Wort Gottes hell auf: „Ich bin als Licht in die Welt gekommen, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibt.“

Der wahre Gott kam in die Welt, lebte unter uns und gab sein Leben für uns hin. Um uns aus unserer Todesangst zu retten, stieg er ganz tief hinab, bis zum Kreuz; er erniedrigte sich selbst. Wer sich an diesem einsamen Gott am Kreuz stört, der hat seine finstere Ausweglosigkeit nicht begriffen. Um es mit den Worten von Pfarrer .36.Theo Lehmann.37. zu sagen: „Das liegt aber nicht an unserem aufgeklärten Verstand, sondern an unserer unaufgeklärten Sünde.“ Auf Golgatha geht es um uns. Da ist von unserer Schuld die Rede. Dort geschieht unsere Lebensrettung. Hier sehen wir das Licht.

Die Macht Gottes leuchtet anderes auf, als wir es uns vorstellen würden. Gottes Macht wird darin sichtbar, dass er darauf verzichtet, Macht und Zwang auszuüben. Dabei setzt er seine ganze Leidenschaft ein. Er will uns zu sich ziehen – aber das aus Liebe, ohne Zwang. Gott unternimmt nichts, das uns zwingen würde, ihn zu lieben. Er sucht unsere freiwillige Liebe.

Ein Trupp Soldaten konnte Jesus, den Herrn des Universums, den König aller Könige, im Garten Gethsemane gefangen nehmen. Er liess sich von einem Jünger verraten und von den Soldaten widerstandslos gefangen nehmen. Sein Heer von Engel musste tatenlos zusehen, wie Gott sich bewusst schwach machte und sich in die Hand des Menschen gab. Das bedeutet: Der Mensch kann frei wählen, was er mit Jesus tun will. Gott beharrt mit aller Konsequenz auf unserer Freiheit. So konsequent, dass wir leben können, als würde er nicht existieren.

Der Auftrag Jesu war es, die Macht der Liebe in die Welt zu bringen, Licht in die Finsternis. Es gibt keine neutrale Zone zwischen Licht und Finsternis. Auch in der Abwartestellung sitzt man im Dunkeln. Das muss nicht so bleiben: Das Licht ist gekommen. Eine Perspektive tut sich auf. Ein neues Leben dank Christus: .36.“Ich bin als das Licht in die Welt gekommen, damit jeder, der an mich glaubt, das Licht hat und nicht in der Finsternis bleibt“.37. (Johannes 12,46).

Wer durch Glauben Gott erkannt hat, ist ein Lichtträger. Im Vertrauen auf Gott dürfen wir mutig sein und inmitten der Religionen, Weltanschauungen und Tragödien der Gegenwart Christus als den Grund unserer Hoffnung mit unserem ganzen Leben bezeugen.

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