Inkarnation - Gott wurde Mensch
Das grösste Geheimnis des Evangeliums ist nicht der Kreuzestod und auch nicht die Auferstehung, sondern die Weihnachtsbotschaft: Gott war in Menschengestalt auf der Erde.
James I. Packer
Es verwundert mich nicht, dass gerade vernünftige Leute das Evangelium von Jesus Christus schwer zu glauben vermögen, denn die beschriebenen Tatsachen übersteigen menschliches Begreifen. Und doch stimmt es traurig, dass viele sich den Glauben unnötig erschweren, indem sie Schwierigkeiten finden, wo eigentlich keine sind.
Nehmen wir z. B. den Gedanken der Sühne – manche stutzen hier. «Wie», fragen sie, «wie können wir glauben, dass der Tod Jesu von Nazareth – eines einzigen Mannes, der an einem römischen Galgen endete – die Sünden der ganzen Welt aufheben kann? Wie kann sein Tod einen Bezug zu unseren heutigen Sünden haben?»
Oder nehmen wir die Auferstehung. Für viele ist das ein Stein des Anstosses. «Wie», fragen sie, «wie können wir glauben, dass Jesus mit seinem Körper von den Toten auferstanden ist?» Sicher, man kann schwerlich leugnen, dass das Grab leer war, aber die Schwierigkeit, zu glauben, dass Jesus selbst aus dem Grab in ein ewiges körperliches Leben ging, ist wohl noch wesentlich grösser. Fällt es nicht leichter zu glauben, es habe sich um die Wiederbelebung eines Scheintoten gehandelt, oder die Leiche sei gestohlen worden – leichter jedenfalls als die christliche Lehre von der Auferstehung?
Oder noch etwas: Nehmen wir die jungfräuliche Empfängnis. Sie wird von vielen Protestanten unserer Zeit nicht anerkannt. «Wie», fragen viele, «wie kann man eigentlich eine solche biologische Abnormität glauben?» Oder nehmen wir die Wunder in den Evangelien. Für viele sind sie Quellen des Zweifels. «Sicher», sagen sie, «sicher hat Jesus geheilt (und klar, es ist bezeugt, dass er es tat; und ausserdem hat es in der Geschichte schon mehr berühmte Wunderheiler gegeben). Aber wie kann man glauben, dass er über die Wasseroberfläche ging, oder diese Speisung der Fünftausend vornahm oder Tote erweckte?» Solche Sachen sind sicher geradezu unglaublich.
Diese und ähnliche Fragen, die den Glauben zum Teil nur am Rand betreffen, verursachen bei vielen Leuten tiefe Zweifel. Aber die eigentliche Schwierigkeit (weil sie in der Tat das grösste Geheimnis ist, mit dem uns das Evangelium konfrontiert) wird hiervon überhaupt nicht berührt. Es liegt nicht in der Karfreitagsbotschaft der Sühne, auch nicht in der Osterbotschaft der Auferstehung, sondern in der Weihnachtsbotschaft von der Menschwerdung. Die verblüffendste Aussage des christlichen Glaubens ist die, dass Jesus von Nazareth Gott war in Menschengestalt – dass die zweite Person der Gottheit der «andere Mensch» (1. Kor. 15,47) wurde, der das menschliche Leben bestimmen wollte. Dass er menschliche Natur annahm, ohne seine göttliche Natur zu verlieren. Jesus von Nazareth war im vollen Sinne Gott, so wie er Mensch war.
Hier liegen zwei Geheimnisse in einem:
- die Mehrzahl der Personen in der Einheit des einen Gottes - die Vereinigung von göttlicher und menschlicher Natur in der Person Jesu
Hier, in der Weihnachtsgeschichte, liegen die unergründlichsten Tiefen der christlichen Offenbarung: «Und das Wort ward Fleisch» (Joh. 1,14): Gott wurde Mensch, der Sohn Gottes wurde ein Jude, der Allmächtige erschien auf Erden als ein hilfloses Kind, war unfähig, mehr zu tun, als dazuliegen, sich herumzuwälzen, umherzugucken und Geräusche von sich zu geben. Dieses Kind musste gestillt, trockengelegt werden, und es musste sprechen lernen wie jedes andere Kind. Aber doch war weder Täuschung noch Selbstbetrug im Spiel: Der Sohn Gottes war tatsächlich ein kleines Kind geworden.
Je mehr man darüber nachdenkt, desto unwahrscheinlicher kommt es einem vor. Keine Fiktion ist so phantastisch wie diese Wahrheit der Menschwerdung. Das ist der wirkliche Stein des Anstosses (oder Prüfstein) des Christentums. Die meisten Schwierigkeiten mit der jungfräulichen Empfängnis, mit Wundern, der Sühne am Kreuz und der Auferstehung haben ihren Ursprung im Zweifel – oder gar Unglauben – gegenüber der Tatsache der Menschwerdung. Hat man die Menschwerdung einmal als Tatsache akzeptiert, so lösen sich all diese anderen Fragen.
Auszug aus dem Buch: James I. Packer: Gott erkennen. Das Zeugnis vom einzig wahren Gott, 5. Auflage, 2005, VLM Bad Liebenzell, ISBN 3-921113-85-7
Lesen Sie den ganzen Artikel in FACTUM 9/2006.
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