Mythos Erdscheibe: "… und sie ist doch eine Kugel!"
Während des ganzen Mittelalters vertraten Wissenschaftler die Kugelgestalt der Erde. Warum meinen wir denn, im Mittelalter sei die Erde als Scheibe betrachtet worden?
Eugen Schmid
Die Verfälschung des mittelalterlichen Bildes von der Erde als Scheibe ist aufgedeckt. Allerdings ist die Geschichte der Verfälschung von der Erdkugel zur Scheibentheorie vielschichtig. Sie nimmt ihren Anfang in der Renaissance mit der Entwicklung des «finsteren» Mittelalterbildes. Im 19. Jahrhundert wurde das Mittelalter endgültig als dunkel, rückständig und intolerant dargestellt. Vor allem die katholische Kirche soll angeblich den wissenschaftlichen Fortschritt blockiert und behindert haben. Das eindrücklichste Beispiel gipfelt in dem mittelalterlichen Irrglauben von der Erdscheibe. Erst die Reise des Christoph Kolumbus soll die Kugelgestalt der Erde bewiesen haben. In zahlreichen Kolumbus- oder Magellan-Monografien, in aktuellen Schulbüchern, Lernseiten im Internet, Lexika und selbst in universitären Lehrbüchern wird uns die Scheibe geradezu als allgemeingültige Mittelalterwahrheit in die Köpfe eingeschrieben.
Dabei wurde die antike Vorstellung einer runden Erde mit den Sphären in der mittelalterlichen Astronomie und Geografie durch Ordensleute, Bischöfe und Kardinäle weitergedacht. Im Hochmittelalter wurden schon Erdumsegelungen ins Visier genommen. Vergleiche der Erde mit einem Ei, Ball oder Apfel waren weit verbreitet. Wie kam es zur Geschichtsfälschung mit der Erde als Scheibe? Es ist vor allem eine spezielle Abbildung, die das angebliche Mittelalterbild von der Erde als Scheibe transportierte und in den unterschiedlichsten Publikationen zu finden ist. Ein Holzschnitt aus der Dürerschule um 1530 zeigt ein Bild der damaligen Vorstellung von der Welt und des Kosmos: Die Erde wird als flache Scheibe dargestellt und darüber ist glockenartig das Firmament ausgebreitet. Der Durchbruch des Menschen durch das Himmelsgewölbe soll die Überwindung der Vorstellung von der Erde als Scheibe darstellen. Das neuzeitliche Weltbild wäre dann das in Sphären eingeteilte. Dieses Bild gehört zum Grundbestand des modernen Mittelalterwissens.
Gehen wir nun auf den Spuren von Dr. Jürgen WOLF (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin). In seiner Schrift «Die Moderne erfindet sich ihr Mittelalter – oder wie aus der ‹mittelalterlichen Erdkugel› eine ‹neuzeitliche Erdscheibe› wurde», fasst er seine Ergebnisse zusammen. Nach eingehender Quellenforschung stellt er fest, dass unsere Vorstellung vom dunklen Mittelalter nicht zutreffend ist...
Lesen Sie den ausführlichen Artikel in FACTUM 8/2006.
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