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Kampf der Kulturen?

Der «Karikaturen-Streit» wird zum Testfall. Erstmals geben europäische Länder dem Druck islamischer Proteste nach. Damit tasten sie ihre Grundwerte an.

Rolf Höneisen

Schauplatz London, 3. Februar 2006. In einem Demonstrationszug islamischer Bürger geht ein kleines Kind mit. Es trägt ein Plakat mit dem Satz: «Tötet, wer den Propheten beleidigt!» Ein anderer Demonstrant trägt die bombenbestückte Kleidung eines Selbstmord-Attentäters. Sätze wie «Enthauptet alle, die den Islam beleidigen!», «Europäer, lernt eure Lektion von 9/11!» oder «Bereitet euch für den wahren Holocaust vor!» werden in Englands Hauptstadt ungehindert proklamiert.
Einer der Organisatoren des Protestzugs gegen die in Dänemark veröffentlichten Mohammed-Karikaturen sagte gegenüber der BBC, er erwarte den Tag, an dem «die schwarze Fahne des Islam über der Downing Street» wehe.1

Dem britischen Kommentatoren Geoffrey Wheatcroft fiel im Zusammenhang mit dieser Demo ein anderer Aspekt schmerzlich auf: «Nicht nur, dass die Polizei niemanden verhaftete, obwohl öffentlich zum Mord aufgerufen wurde; die Fanatiker wurden von der Polizei regelrecht beschützt.» Wheatcroft beobachtete, wie zwei Männer, die eine friedliche Gegendemo machen wollten, von der Polizei sofort weggedrängt und verhört wurden. Ein anderer Passant wurde von einem Polizisten angeschrien, er solle sich ins Auto setzen und verschwinden.

Das wirft eine heikle Frage auf: Haben britische Bürger ihr Recht auf freie Meinungsäusserung verloren, während viele Muslime und Politiker fordern, die westliche Presse- und Meinungsfreiheit, also ein zentraler Wert des modernen Europas, müsse eingeschränkt werden? Damit würde ein Grundpfeiler der Demokratie angetastet. Tatsächlich führte der Druck der internationalen muslimischen Gemeinde dazu, dass europäische Regierungen, unter anderem die dänische, darauf eingingen. Ein Kommentator der «Arab News» schrieb: «Diese Woche wurden wir Zeuge der Macht der islamischen und arabischen Welt, ein westliches Land praktisch in die Knie zu zwingen.»2 War das der erste Schritt zur Islamisierung Europas?

Maureen Dowd schrieb in der «New York Times»: «Früher brauchte es einen Einmarsch der israelischen Armee, um die arabische Welt in Aufruhr zu versetzen. Heute reichen dänische Cartoons.»3

Seit dem 11. September 2001 hält der islamische Terror die Welt in Spannung. Ist dieser Gewaltausbruch wirklich nur eine «Überreaktion auf die ständige Demütigung durch den Westen»? Angesichts der Dimension und der Zielgerichtetheit der ausgeübten Gewalt greift diese Antwort wohl zu kurz. Man muss sich das mal vorstellen – zwischen der Veröffentlichung der Karikaturen und den Protesten lagen fast fünf Monate. Das war keine spontane Überreaktion, sondern bewusst geschürte Aggression einiger islamistischer Drahtzieher. Offensichtlich ist es ein Leichtes, muslimische Massen mit entsprechenden Korantexten in die Radikalität zu pushen. Das deshalb, weil das Werk Mohammeds auf Ehre basiert, während das Werk Christi Schmach erduldet. Das führt zu völlig unterschiedlichen Reaktionen auf Verspottung hin.

Für den amerikanischen Theologen John Piper gehört zum errettenden Werk Jesu, «verspottet zu werden und zu sterben, um Sünder vor dem Zorn Gottes zu retten».4 Für Jesu Nachfolger gilt Entsprechendes: «Selig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und alles Böse lügnerisch gegen euch reden werden um meinetwillen» (Matth. 5,11).

Jesus wurde auf der Erde als Hurensohn (Joh. 8,41), Fresser und Säufer (Matth. 11,19), Gotteslästerer (Matth. 26,65) und Teufel (Matth. 10,25) bezeichnet. Bis heute zieht menschlicher Spott Jesus in den Schmutz. Christen sollen sich dagegen wehren, aber in engen Grenzen. Ihr Auftrag heisst nicht Rache, sondern Liebe zum Nächsten und die Verkündigung des Evangeliums. Piper: «Wenn Christus sein Werk tat, indem er geschmäht wurde, müssen wir das Unsere in derselben Haltung tun.»

Der islamische Prophet Mohammed ist anders. Sein Werk braucht Ehre. Seine Anhänger können Beleidigungen gegen ihn nicht hinnehmen. Mohammed liess sich nicht verschmähen, um seine Spötter aus Liebe zu gewinnen. Er griff zum Schwert.

Was uns bewusst werden muss: Islamische Fundamentalisten haben nicht mehr nur in ihren Heimatländern viel Einfluss, sondern auch mitten in Europa. «Geschützt durch eine sanftäugige Ideologie des Multikulturalismus konnten sie lange in allen europäischen Städten Netzwerke aufbauen und ihre Hasslehre in den Emigrantenkreisen predigen.»5

Wir müssen akzeptieren, dass der Islam in unseren Ländern lebt und nicht mehr länger ignoriert werden kann, und vor allem müsssen wir uns auf unsere geistigen Werte zurückbesinnen. Was ist dem nominell christlichen Europäer heilig? Christliche Symbole jedenfalls werden in Medien, Comedy und Theater regelmässig öffentlich verhöhnt und Jesus Christus lächerlich gemacht. So wie in jener Comedy-Show, wo der grosse Lacher hiess: «Kann ich ein Stück aus der Dornkrone haben, ich bin Vegetarier?»

Peter Hahne, Autor des Bestsellers «Schluss mit lustig»: «Wenn uns nichts mehr heilig ist, was soll unsere Gesellschaft dann noch zusammenhalten?»6

Der Holländer Anne van der Bijl, besser bekannt unter dem Namen «Bruder Andrew», setzt sich mit seiner Organisation Open Doors für verfolgte Christen ein. Als er gefragt wurde, warum die grösste Herausforderung für Christen der Islam sei, antwortete er in stark selbstkritischem Ton. Wir hätten im tiefsten Grunde unseres Herzens Angst vor dem Islam, meinte Bruder Andrew. Zudem würden vielfach die falschen Prioritäten gesetzt: «Viele Bürger in ‹christlichen› Ländern ordnen ihr Leben um ihre Banknoten und Pensionspläne. Moslems hingegen arbeiten darauf hin, dass sie die Welt erobern und regieren werden – und diese Einstellung ist genau der Grund, warum sie fast überall an Stärke zunehmen. Wir aber schaffen es noch nicht einmal, mit unserem Nachbarn über Jesus zu sprechen! Das Problem liegt also bei uns.»7

Der Kulturrelativismus, der humanistische Atheismus und damit die Glaubensleere Europas bieten keine Mittel im Umgang mit dem islamischen Fundamentalismus. Falsche Toleranz wirkt längerfristig nicht friedensfördernd, sondern begünstigt nur den Kampf der Kulturen. Jedes Zurückweichen vor ihren Forderungen würden die Dschihadisten unter Europas Muslimen «als Zeichen der Schwäche einer dekadenten, sturmreifen Zivilisation»8 betrachten.

Ein Blick zurück in die Geschichte lehrt uns, dass der Abstieg von Hochkulturen stets über die Stufen Wohlstand, Verweichlichung, Verfall und Auslöschung führte. Umgekehrt basierte die Ausbreitung des Christentums im Römischen Reich auf geistiger Kraft mit entsprechend sichtbaren Auswirkungen. Im Römischen Reich hatten die ersten Christen beispielsweise eine höhere Geburtenrate als die Heiden um sie herum. Es gab unter den Christen weniger vor- und nachgeburtlichen Kindsmord und die Nachfolger Jesu lebten im Durchschnitt länger.
Der Soziologe Rodney Stark kommt in seiner Studie deshalb zum Schluss, dass der demografische Vorteil mit dazu beigetragen hat, dass aus den kleinen Zellen der Jesus-Bewegten die dominierende kulturelle Macht des Westens wurde.

Heute erlebt Europa einen Fruchtbarkeitsrückgang, der zu einer demografischen Krise mit nicht abschätzbaren Folgen führen wird. Auf welcher Stufe des Niedergangs (Wohlstand, Verweichlichung, Verfall, Auslöschung) stehen wir? Urteilen Sie selbst.

In der Schweiz beträgt die Kinderzahl pro Frau 1,40. Im Jahr 2005 stieg die Einwohnerzahl der Schweiz um rund 46 000 Personen. Davon sind 12 100 auf den Geburtenüberschuss (Geburten abzüglich Todesfälle) und 33 900 Personen auf den Einwanderungsüberschuss (Einwanderungen abzüglich Auswanderungen) zurückzuführen. Dazu kommt die fortschreitende Alterung der Bevölkerung. «Die Zivilisation egozentrischen Geniessens verurteilt sich selber zum Tode, wenn sie das Interesse an der Zukunft verliert.» Das schrieb Raymon Aron schon 1976 in «Plaidoyer pour l’Europe décadente». Heute steht der Islam bereit, das Erbe der humanistischen europäischen Zivilisation anzutreten.

Europa muss sich wieder auf seine Grundlagen besinnen und seine Werte laut und deutlich vertreten. Es sei durchaus von zentraler Bedeutung, wenn Regierungschefs es «pointiert ablehnen, in die Pressefreiheit als einem fundamentalen Grundrecht demokratischer Staaten einzugreifen», schreibt deshalb Reinhard Hempelmann von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW). «Die Trennung von Staat und Religion, das Recht auf freie Meinungsäusserung, das Gewaltmonopol des Staates sind die grundlegenden Prinzipien, die den Freiraum zur religiösen Vielfalt schaffen. Der Verzicht auf ihre Verteidigung wirkt nur vordergründig friedensfördernd»9, so Hempelmann. Zur Freiheit der Religionsausübung gehöre auch die Freiheit zur Religionskritik.

Es ist paradox: Der Versuch, islamische Gesellschaften zu demokratisieren, führt zurzeit zum Gegenteil: Sie werden religiöser und radikaler. So zum Beispiel in den Palästinenser-Gebieten, wo die Hamas siegte, und im Irak, wo der Einfluss der Schiiten wächst oder in Afghanistan.

Eugen Sorg schreibt denn auch, was er denkt: «Die Entrüstung um den karikierten Propheten ist ein Vorwand. Es geht um den Krieg gegen den ungläubigen Westen. Die europäische Intifada ist eröffnet.»10 Hoffentlich hat er nicht Recht.

Wie kann Europa den programmierten Selbstmord abwenden? Wohl kaum mit dem gut gemeinten «Dialog der Kulturen». Dieser Kultur-Konflikt lässt sich nicht im Gespräch lösen, wenn das Strittige aus den Traktanden gestrichen wird und keine offenen Auseinandersetzungen geführt werden dürfen. Der konsequent angewandte Koran verhindert den Dialog. Nach dem Karikaturen-Streit den «Dialog der Kulturen» zu fordern, sei so sinnig, wie wenn man Kannibalen und Vegetarier an den runden Tisch bitten würde. So pointiert bildlich sieht Henryk M. Broder schon jetzt das Versagen der Dialogversuche.11

Was können wir sonst tun? Was «Weltwoche»-Mitarbeiter Hanspeter Born darüber sagt, ist dann allerdings so unerwartet, dass man sich die Augen zweimal reiben muss, bios man sicher ist, eine säkulare Zeitung in den Händen zu halten und nicht etwa FACTUM.

Born beschreibt drei Szenarien, die den Niedergang Europas bremsen, wenn nicht gar aufhalten könnten. Neben einer Änderung der Einwanderungspolitik und sozialpolitischen Massnahmen zur kulturellen Assimilation der Muslime nennt Born als ersten Punkt geistiges Erwachen: «Erstens müsste ein geistiger Schub – vergleichbar etwa mit den grossen reli giösen Erweckungsbewegungen, wie sie England und die USA im 19. Jahrhundert erlebten – durch Europa gehen, der eine höhere Geburtenrate begünstigen würde.»12

Auch wenn es Born vor allem um mehr Kinder geht, so ist sein Ausgangspunkt goldrichtig. Das bedeutet nämlich, dass die Europäer angesichts des erstarkenden Islams noch einmal Gott suchen und finden müssten! Damit würden sie eine neue Identität erhalten und eine Gesellschaft bilden, die ihre Werte überzeugend vertritt und lebt. Der Weg ginge wieder geradeaus, die Zukunft wäre klar.

Das im Glauben an Christus gefundene neue Bewusstsein würde zudem eine für alle sichtbare und ansteckende Dynamik entwickeln. Wie einst im alten Rom, so könnte es heute noch einmal geschehen. Wenn wir uns unter das Wort Gottes stellten und bereuend umkehrten, würden wir neue Kraft finden.

Quelle: FACTUM 2/2006, Seiten 24 und 25

1 Mattingly-Weekly 2/15, Terry Mattingly: Moral Climate change in Britain
2 zit. von Eugen Sorg, in «Die Weltwoche» 6/06
3 zit. in: Spiegel online, 19. Februar 2006, Nils Minkmar: Raus aus der Defensive!
4 John Piper, Webseite: www.desiringGod.org
5 Eugen Sorg, «Die Weltwoche» 6/06, in: Intifada in Europa
6 Peter Hahne in: «Bild am Sonntag», 5. Februar 2006
7 idea 5/2006, 9. Januar 2006
8 Hanspeter Born, in: Abendland unter, «Die Weltwoche» 6/06
9 Reinhard Hempelmann: Kommt ein Zusammenprall der Kulturen?, EZW-Newsletter 2/06
10 Eugen Sorg, in «Die Weltwoche» 6/06
11 Henryk M. Broder, in: Fatwa Morgana, «Die Weltwoche» 8/06
12 Hanspeter Born, in: Abendland unter, «Die Weltwoche», 6/06

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