Roter Kristall neben Kreuz
Ein roter Kristall ergänzt das Symbol des roten Kreuzes und des roten Halbmonds.
Rolf Höneisen
Ein jahrzehntelanges Ringen ist beendet. Das auf der Spitze stehende rote Quadrat auf weissem Grund ermöglicht es dem jüdischen Magen David Adom (Roter Schild Davids), dem Internationalen Roten Kreuz beizutreten. Die Juden wollten weder unter dem Zeichen des Kreuzes noch unter dem roten Halbmond, dem arabischen Symbol, auftreten. Anderseits lehnten auch die Araber bislang eine Zusammenarbeit unter dem Davidsstern als Symbol humanitärer Hilfe ab.
Die Schutzwirkung des Emblems des roten Kristalls hat die gleiche Bedeutung wie Kreuz und Halbmond. Nationalen Gesellschaften ist es erlaubt, das rote Kreuz, den roten Halbmond oder auch den roten Davidsstern in das Quadrat des Kristalls einzufügen.
Es ist nicht auszuschliessen, dass das Symbol des roten Kreuzes immer häufiger vom roten Kristall abgelöst werden wird. Denn gerade «in aussergewöhnlichen Situationen und zur Erleichterung der Arbeit» soll der Kristall eingesetzt werden. Dabei dürfte es sich um internationale, massenmedial gut begleitete Konflikte handeln. Kommt es irgendwann auch noch zur Namensänderung – vom Roten Kreuz zum Roten Kristall?
Symbole sind im Zuge der Globalisierung mächtige Mittel im Bereich der Kommunikation und Identifikation. Hinter einem Symbol steht eine Botschaft, ja eine ganze Lebenshaltung, und wer das Symbol trägt, wird mit ihr in Verbindung gebracht. Das ist so lange positiv, wie die damit verknüpfte Botschaft politisch akzeptiert ist. Verändert sich aber die politische Meinung bezüglich eines bestimmten Gedankenguts, kann der Träger anhand eines Symbols weltweit ausgemacht und diffamiert werden. Der gelbe Judenstern im Dritten Reich zeugt von diesem Mechanismus.
Das Symbol des roten Kreuzes verwies trotz der fast totalen Säkularisation des Roten Kreuzes seit der Gründung durch Henry Dunant bis heute auf die ursprünglich christliche Motivation des Helfens hin. Der rote Kristall hingegen signalisiert eine säkular-humanistische Haltung.
Das Rote Kreuz hat vorgespurt. Ist es abwegig, anzunehmen, dass sich eine künftige Weltkirche ebenfalls eines «neutralen» Symbols bedienen wird – z. B. eines schwarzen Quadrats – unter dem sich alle Religionen vereinigen werden?
© factum 1/2007, Seite 8
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