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«Die Christen haben Angst»
Pascale Warda, Ex-Ministerin in der irakischen Übergangsregierung, über die Vergangenheit unter Saddam Hussein, den Einmarsch der USA und die Lage der Christen.
Interview: Iris Muhl
factum: Frau Warda, wie kam es, dass Sie Mitglied der irakischen Übergangsregierung wurden?
Warda: Das Parlament unter Hussein bestand aus über einhundert Mitgliedern, die nicht einmal eine Ausbildung vorweisen konnten und nicht wussten, worin ihre Aufgabe bestand. Nach dem Sturz 2003 lag das Land in Trümmern.Ich habe einen Universitätsabschluss im Bereich Menschenrecht. Jetzt war es an der Zeit, mein Wissen einzubringen, um eine Demokratie im Irak aufzubauen. Denn wir hofften auf den Aufbau eines freien und demokratischen Landes.
Als Erstes begann ich als Mitglied des politischen Konzils. Später wurde ich als Ministerin ins Parlament berufen. Ich repräsentierte die Christen im Irak. Die Arbeit im Parlament bedeutete für mich, die Kraft und das Wissen der Politiker in neue Gesetze und in die Zusammenarbeit mit anderen Parlamentariern zu setzen. Sie müssen sich bewusst sein, dass es Parlamentarier gibt, die keinerlei Ausbildung haben. Nicht einmal die Primarschule haben sie besucht.
factum: Wer hat Sie in die Regierung berufen?
Warda: Die UNO. Der Repräsentant von Kofi Annan berief mich in die Übergangsregierung des Irak.
factum: Nach acht Monaten wurden sie bereits wieder aus dem Parlament entlassen. Weshalb?
Warda: Sie suchten Personen, die mehr von der Migration betroffen waren als ich. Es war aber wohl eher ein politisches Spiel. Daran beteiligt waren auch Leute, die in Korruption verwickelt waren. Schliesslich hatten sie einfach Angst, weil ich nicht korrupt war. Ich sagte den Ministern: «Kommt und seht, wie es den Menschen auf der Strasse geht. Das Geld, das ihr ihnen wegnehmt, würde ihr Leben retten.» Die Minister kamen auf mich zu und fragten mich, weshalb ich so sozial denke. Sie konnten es nicht verstehen. Sie warfen mir sogar vor, ich sei nicht fähig, richtig Geld zu verdienen.
factum: Betrachten Sie den Krieg, der 2003 zum Sturz von Saddam Hussein geführt hat, als positiven Befreiungsschlag für den Irak oder als Machtdemonstration der USA?
Warda: Das irakische Volk litt stark unter Saddam Husseins Machtherrschaft. Es war unmöglich, so weiterzuleben. Im Irak wurden wahllos Menschen ermordet, verschleppt, gefoltert. Tausende verschwanden einfach spurlos. Niemand durfte offen seine Meinung äussern. Niemand hatte ein Recht auf ein Telefon, auf eine Satellitenschüssel, auf ehrliche Nachrichten. Das Land war ein einziges grosses Gefängnis. So etwas gerät irgendwann ausser Kontrolle.
Als ich Ende der 80er-Jahre in Frankreich studierte, versuchte ich mit Freunden, Demonstrationen zu organisieren. Doch die Franzosen waren nicht bereit, für den Irak auf die Strasse zu gehen. Überhaupt war die Situation schwierig, weil sich die Weltgemeinschaft nicht in die Probleme des Iraks einmischen wollte.
Vor der Invasion baten wir die UNO, ihre Verantwortung wahrzunehmen. Aber sie reagierten nicht. Wir Iraker haben sehr darunter gelitten. Saddam kontrollierte viele grosse Machthaber mit Geld. Deshalb sprachen sie nicht über die vielen Kinder und Männer in irakischen Gefängnissen. Es war für uns ein grosses Leiden. Wir hatten keine andere Wahl.
Lesen Sie das ganze Interview in factum 7/2008, S. 29–31.
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