Kontakt   Newsletter   Impressum
   

    factum online RSS
  Infos zum RSS-Feed

Die gottlose Tour

Atheistische Slogans auf Omnibussen: Die atheistische Bewegung sammelt und organisiert sich. Sie will zu einer einflussreichen Kraft in der Politik und in den Medien werden.

Peter Behncke

Ausgerechnet Atheisten machen derzeit Gott zum Stadtgespräch. Sie wollen nicht länger akzeptieren, dass die Religion allgegenwärtig in der Gesellschaft präsent ist und prägenden Charakter hat. Das halten sie für nicht gerecht und angemessen: «Auch hierzulande haben säkulare Menschen mittlerweile genug davon, ständig ‹übersehen› oder missachtet zu werden», so ihr Argument. Man wolle zur «Übermacht der Religion» ein Gegengewicht schaffen.

Nachdem Verkehrsbetriebe in vielen deutschen Städten sich geweigert hatten, ihre gottlosen Botschaften auf den Bussen zu drucken, starteten sie eine eigene «buskampagne.de», um ihre Anliegen in die Öffentlichkeit zu tragen. Mit einem angemieteten roten Doppeldecker-Bus und dem Aufdruck «Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott» waren sie im Juni deutschlandweit unterwegs.

Das studentische Missionswerk Campus für Christus nahm die Idee auf und schickte zeitgleich ebenfalls einen Bus mit auf die Städtetour. Ihr Slogan
lautete: «Und wenn es ihn doch gibt ... gottkennen.de». So hatte das «gottlose Gefährt», wie die Atheisten ihren Bus nannten, ein göttliches Begleitfahrzeug.

Die Mitarbeiter von Campus für Christus nutzten die Möglichkeit, um mit Menschen über den christlichen Glauben ins Gespräch zu kommen: «Wir begrüssen die Aktion der Buskampagne, die zum Nachdenken über Gott anregt. Gerade deshalb greifen wir das Thema gern auf und laden zum fairen, aber kritischen Dialog ein. Dabei möchten wir gern weitergeben, welche Erfahrungen wir als Christen mit Gott machen», so Clemens Schweiger, Leiter von Campus für Christus Deutschland.

Ihre langfristig angelegte Aktion verstehen die Atheisten als «eine säkulare und aufklärerische Werbekampagne», wobei sie Menschen ermutigen, ein Leben ohne Gott zu führen: «Wir wollen klarstellen, dass man auch ohne den Glauben an eine übernatürliche Kraft ein erfülltes Leben führen kann und sich auch ethisch und moralisch vertretbar seinen Mitmenschen gegenüber verhalten kann», so Philipp Möller, Pressesprecher der deutschen Buskampagne. Auch gehe es ihnen darum, eine Diskussion über die Aussage «Werte brauchen Gott» zu entfachen.

Mitinitiatoren waren der «Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten» sowie die atheistische Giordano-Bruno-Stiftung.

Diese Buskampagne hat ihren Ursprung in England («Atheist Bus Campaign»), die auf religiöse Werbung in der Öffentlichkeit reagiert hat. Spanien, Italien, die USA, Kanada, Australien und nun auch Deutschland folgten dem Beispiel. Inzwischen hat sich die Kampagne auf weitere Länder ausgeweitet. Die Kampagne weckt zum gegenwärtigen Zeitpunkt den Eindruck, hier handle es sich um eine harmlose Angelegenheit, nach dem Motto: Tust du mir nicht weh, dann tu ich dir auch nicht weh.

Doch es ist nicht nur ein netter Gedankenaustausch über unterschiedliche Auffassungen und es geht auch nicht um Lebensstilfragen. Wenn es um die Frage nach Gott geht, dann geht es immer um alles oder nichts. Und Toleranz wird dort ihre Grenze haben, wo es um konkrete Forderungen und mehr Einfluss und Rechte in der Gesellschaft geht. Spätestens dann hat das Geplänkel ein Ende. Es ist deshalb dringend und nötig, die Atheismus-Kampagne kritisch und mit wachen Augen zu begleiten. Und dazu ist es wichtig zu wissen, was genau ihre Anliegen sind und worauf die Kampagne letztlich abzielt.

In Interviews haben die Initiatoren darauf hingewiesen, dass diese Aktion erst ein Anfang ist. Grundsätzlich ist die Kampagne nicht anti-religiös ausgerichtet, sondern pro-atheistisch. Erklärtermassen geht es nicht darum, Christen vom Glauben abzubringen.

So lassen sich die Ziele wie folgt zusammenfassen:
  • Den Atheismus bekannt machen und Menschen für ein Leben ohne Gott zu interessieren, entsprechend der Devise: «Gottlos glücklich. Ein erfülltes Leben braucht keinen Glauben».
  • Gleichgesinnte, also Nicht-Reli­giöse aller Couleur, zu sammeln und ihnen eine öffentliche Stimme zu geben: ­Atheisten, Agnostiker, Konfessionslose, Humanisten, Freidenker, Skeptiker.
  • Netzwerke bilden, um eine Atheisten-Lobby zu schaffen. Wer heute in der Gesellschaft Einfluss nehmen und etwas entscheidend verändern will, braucht viele Gleichgesinnte, die sich zusammentun.
  • Menschen zum Outing ermutigen, denn wenn man voneinander weiss, kann man sich auch gegenseitig helfen und Schlüsselposten in der Gesellschaft besetzen.
  • Der organisierte Atheismus soll, vergleichbar der Homosexuellen-Bewegung, zu einer einflussreichen Kraft in der Politik und den Medien werden.
Die Atheismus-Kampagne zeigt eines ganz deutlich: Die Frage nach Gott brennt auch heute noch den Menschen unter den Nägeln und ist aktuell wie eh und je.
Wenn Gott tot wäre, wäre das Thema schon längst abgehakt. Aber dem ist eben nicht so. Gott ist nicht totzukriegen durch flotte Gott-ist-tot-Sprüche und auch nicht durch atheistische Werbekampagnen. Gott ist in dieser Welt gegenwärtig und er ist sogar quicklebendig. Das erfahren täglich unzählige Menschen aus allen sozialen Schichten in allen Ländern dieser Welt.

Einen Vorwurf wird man künftig nicht mehr nur Christen machen können: dass sie missionieren. Denn diese Werbekampagne der Atheisten war im Grunde nichts anderes als eine «Missionsreise in Sachen Unglaube und Gottlosigkeit».

Die Atheisten warben mit dem Tour-Spruch: «Der Bus kommt.» Christen können mit dem ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Gustav Heinemann sagen: «Die Herren der Welt gehen, unser Herr kommt!»

Das aktuelle Heft:
factum 1/2012


factum 1/2012
factum-Abo
efactum-App
Mithelfen und fördern!
ethos – suchen, finden, leben