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Die Nacht ist vorgerückt
Endzeiterwartungen spielen in Medien und Politik eine grosse Rolle – sie ängstigen und verwirren viele Menschen. Die Bibel zeigt auf, was geschieht und wo die Hoffnung, die Rettung ist.
Thomas Lachenmaier
Die Welt ist untergangsbewusst geworden. Es gab schon häufig in der Geschichte Gruppierungen, Sekten oder religiöse Minderheiten, die von einem nahen Weltende ausgingen. Neu ist, dass die Vorstellung, die Erde taumle einer wie auch immer gearteten Katastrophe entgegen, global virulent ist.
Der Gedanke an eine Apokalypse ist Allgemeingut geworden – in den verschiedensten Ausprägungen: esoterisch, islamisch, buddhistisch, christlich, ökologisch-politisch. Der Glaube an ein drohendes ökologisches Welten-Desaster ist integraler Bestandteil des postmodernen Bewusstseins und der Weltpolitik geworden.
Die andere apokalyptische Version, die grosse politische Wirksamkeit hat, liefert der politische Islamismus der Schiiten, wie er im Iran gelehrt wird. Demnach muss die Wiederkunft eines verheissenen Imams und die Schaffung eines muslimischen weltweiten Friedensreiches durch die Anzettelung von Chaos und Krieg beschleunigt werden.
In vielen der kursierenden Endzeit-Vorstellungen spielt die Offenbarung des Johannes eine Rolle, vielfach werden aber nur Teile daraus verwendet und dann mit anderen Vorhersagen vermischt.
Die zeittypische Lust an der Sensation und am Erschrecken (die auch ein gutes Geschäft ist), aber auch geistliche Orientierungslosigkeit und die tatsächliche Verunsicherung vieler Menschen durch eine alarmistische Medienlandschaft – die nicht müde wird, ökologische Desaster aller Art und Pandemien an die Wand zu malen – nähren die Zukunftsangst und die Nachfrage nach Vorhersage und «Geheimwissen».
Der amerikanische Autor Tim LaHaye ist mit Romanen reich geworden, in denen er seine Sicht der biblischen Apokalypse präsentiert. In Sachbüchern liefert er detaillierte Chronologien des von ihm Erwarteten nach. Besonders geschickt hat es der Hollywood-Regisseur Roland Emmerich verstanden, den Nervenkitzel mit der Zukunftsangst der Menschen, ihren Umweltphobien und ihrem Aberglauben zu einem Riesengeschäft zu machen. In dem Film «2012 – Das Ende aller Zeiten» nutzt er diese Befindlichkeit der Menschen und ihre religiöse Ansprechbarkeit geschickt, indem er seinen Film auf Maya-Hieroglyphen basieren lässt. Ein Kalender der Mayas endet, so die Annahme,* am 22. Dezember 2012 – für Hollywood Anlass genug, für diesen Tag die Weltkatastrophe zu erwarten und fürs Kino zu orchestrieren.
Am Ende werden die Kulturindustrie und die Medienmaschine die Menschen aber nicht für ihr grösstes individuelles Problem – ihre Gottferne – sensibilisiert haben. Vielmehr lassen sie den Menschen vereinzelt in seinen Ängsten zurück, als Objekt der Unterhaltung und des Kommerzes missbraucht. Zurückbleiben wird auch weitere Verunsicherung, Aberglaube, Zynismus und verstärkter Fatalismus.
Mit der zunehmenden Globalisierung scheint manchen das «Ende der Geschichte» heraufzudämmern, von dem der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama schon nach dem Fall der Mauer sprach. Dass scheinbar stabile historische und politische Konstellationen von globaler Relevanz gleichsam über Nacht zusammenbrechen, ist die prägende Erfahrung unserer Zeit. Der Fall der Berliner Mauer und der darauf folgende Zusammenbruch der Sowjetunion war, nach Jahrzehnten politischer Stagnation, das erste Ereignis dieser Art. Der 11. September 2001 ein weiteres. Jeder Tag kann den nächsten Paukenschlag bringen. So bizzar die Vermarktung verschiedenster Endzeit-Phantasien auch ist, so spiegelt sie doch auch Empfindungen, für die es einen Grund gibt.
Nach alten rabbinischen Vorstellungen zählt die Welt 7000 Jahre. Auf die ersten 2000 Jahre «Wirrnis» folgten 2000 Jahre «Weisung», gefolgt von einem 2000 Jahre währenden «messianischen Zeitalter». Nach dem jüdischen Kalender leben wir gegenwärtig im Jahr 5770, dieses messianische Zeitalter neigt sich dem Ende zu. Der messianischen Zeit folgen 1000 Jahre Ruhe. Unter gläubigen Juden in Israel, wie auch unter messianischen Juden (die in Jesus Christus den Messias erkannt haben) gibt es eine starke Erwartung, dass das Kommen des Erlösers in nicht allzu ferner Zeit geschieht oder nah bevorsteht.
Die Bibel ist das Buch der Erinnerung an den Weg, den Gott mit seinem Volk und den Menschen gegangen ist. Er hat «ein Gedächtnis gestiftet» und hilft uns, indem er die Erinnerung an das, was im Vergangenen wirklich wichtig war, wach hält. Und doch lesen wir in der Bibel auch von einer Zeit, in der gelten wird: «... Denkt nicht an das Frühere, und auf das Vergangene achtet nicht! Siehe, ich wirke Neues! Jetzt sprosst es auf. Erkennt ihr es denn nicht?» In dieser Zeit leben wir heute.
Die Fülle an biblischen Aussagen, die sich erst in einer globalisierten Welt erfüllen konnten – und vielfach erfüllt haben – , weist deutlich darauf hin, dass wir in einer aussergewöhnlichen Zeit leben. Es ist eine Zeit der Erwartung, des Advent. Bereits die heute zu beobachtende weltweite Verunsicherung und Angst, die sich durch Studien ebenso belegen lässt, wie sie sich in Alltagserfahrungen zeigt, steht in Verbindung mit dem biblischen Wort.
In den Endzeitreden des Neuen Testaments wird Angst als globales Phänomen als Kennzeichen einer bereits weit fortgeschrittenen Heilsgeschichte genannt. Dieses Zeitzeichen Angst wird eine dramatische Steigerung erfahren, wenn kosmische Ereignisse und Weltgeschehen als Teile eines zusammenhängenden Geschehens offenbar werden.
Von «Angst der Nationen in Ratlosigkeit» ist in Lukas 21,25 die Rede. Die Menschen werden «verschmachten vor Furcht und Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen, denn die Kräfte der Himmel werden erschüttert werden» (aus Luk. 21,26). Die kollektive Befindlichkeit, die man heute weltweit feststellen kann, ist bereits ein deutlich erkennbarer Vorläufer dieser Zeit.
Ein Weiteres ist, dass heute Gottes Wort tatsächlich bis an die Enden der Welt verkündet wird, wie es die Bibel, etwa in Matthäus 24,14, verheissen hat. Die Missionsgeschichte ist Teil eines heilsgeschichtlichen Geschehens, eines Ausreifens, das sich in unseren Tagen erfüllt.
Das Gleiche gilt für die staunenswerte Sammlung der Juden aus den Völkern, die einzigartige Renaissance der hebräischen Sprache und die nationale Wiederherstellung Israels. Vielfach ist dies in der Heiligen Schrift geweissagt worden. Auch wie sich die Welt gegen diese wiedergeborene Nation stellt, beschreibt die Bibel. Täglich deutlicher werden wir Zeuge dieses Vorgangs.
Noch ist die Menschheit in der Hyb-ris des «Yes, we can!» gefangen, und doch: Auch hier kippt die Waagschale von der trügerischen Allmachtsphantasie zum Ohnmachtserleben, deutet sich der geweissagte Epochenwandel bereits an. Und so schwindet – obwohl der Mensch in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft ungebrochen Allmachtsphantasien auslebt – das Vertrauen, dass der Mensch die Dinge tatsächlich noch im Griff hat. Niemand geht mehr, wie noch in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, davon aus, dass alles im Wesentlichen bleibt, wie es ist – abgesehen von der steten Zunahme an Wohlstand und technologischem Fortschritt.
Der Hunger in der Welt, neue Seuchen wie etwa Aids (das ganze nationale Gesellschaften in Afrika zerstört) und die von Wissenschaftlern erwarteten («früher oder später») verheerenden Pandemien, die zunehmende Durchsetzung von Unrecht als Norm und das damit einhergehende «Erkalten der Liebe» (Matth. 24,12), die Kriege und der Terror: All das wird vollends die Angst und die Verzweiflung zur globalen Emotion machen. Es werden (2. Tim. 3,1– 4) «schwere Zeiten eintreten», weil die Menschen in der Gottferne lieblos werden.
Was die Bibel beschreibt, ist ein Ausreifen. Die Waagschale des Bösen wird nur solange gefüllt, bis sie sinkt und offenbar macht, dass die Saat längst grünt und aufwächst.
Das Eintreffen dessen, was die Bibel verheisst, hat jemand mit dem Bau des ersten Tempels verglichen. Kein Hammerschlag war von der Baustelle zu hören. Überraschend und wie im Handumdrehen entstand mit dem Tempel eine neue Wirklichkeit. Aber ein lange andauerndes Geschehen ging dem voraus. Geduldig und in lange währender, wenig aufsehenerregender Arbeit waren die grossen Steinquader geformt worden, bereits im Steinbruch. An Ort und Stelle mussten sie nur noch zueinandergefügt werden. So wird es auch mit dem Ereignis der Wiederkunft Jesu sein.
Wo wir nur das Böse in der Welt sehen, wird – vor unseren Augen und doch so wenig wahrgenommen – Gottes Wille Gestalt. Mitten im Sichtbaren, Endlichen keimt die Saat Gottes auf, das Unsichtbare, Ewige. Die Überraschung über ihr Aufbrechen wird nicht geringer sein als die über den «Dieb in der Nacht» – obwohl es 2000 Jahre vorbereitet und im Detail angekündigt wurde.
Die Bibel ist nicht nur deshalb eine prophetische Schrift, weil es in ihr längere prophetische Textstellen gibt und mit der Offenbarung des Johannes ein ganzes Buch, das von Ereignissen spricht, die zur Zeit ihrer Erstellung in weiter Ferne lagen. Vielmehr ist die Bibel durch und durch ein prophetisches Buch. Man kann die Texte, seien sie im so genannten Alten Testament oder dem jüngeren Testament, immer unter verschiedenen Blickwinkeln, mit einem je unterschiedlichen Erkenntnisinteresse lesen. Und so kann ein und derselbe Text zugleich ein historischer und ein prophetischer Text sein. Die Schilderung einer vermeintlich ganz einfachen Begebenheit kann zugleich eine prophetische Dimension haben, ein Bericht zugleich auf ein künftiges Geschehen verweisen. Eindrückliche Beispiele dafür sind die Psalmen. Sie sind Gebete, reiche Informationsquellen, poetische Wunderwerke und häufig zugleich auch prophetisches Wort.
Biblische Vorhersage kann für Christen keine schlechte Nachricht sein. Sie ist vielmehr der Gipfel der guten Nachricht, die das heilsgeschichtlich angekündigte Kommen Jesu ankündigt, das sich in Wehen vollzieht, welche die ganze Welt und jeden Menschen erschüttern. Weil es aber neues Leben ist, das hier in die Welt kommt, können Christen – inmitten der schweren Zeit – eine spezifische Unbesorgtheit an den Tag legen. Wo die Menschheit wie im Taumel um sich selbst kreist und Menschen als Herrscher und Stars bewundert, die sich in narzistischer Egomanie verloren haben und sich darin gefallen, da dürfen Christen im Vertrauen den Perspektivenwechsel wagen: Sie müssen nicht im Blick auf die Katastrophe und in der Spekulation über das Kommende verharren.
«Glückselig, der liest und die hören die Worte der Weissagung und bewahren, was in ihr geschrieben ist!», steht zu Beginn der Offenbarung (Off. 1,3). Damit ist nicht das vermeintliche Glück dessen gemeint, der sich in wunderfitziger Spekulation ergeht, die Nachrichten des Tages in seine Zukunftserwartungen einbaut, Institutionen, Regierungen und Prominente einer Weltverschwörung bezichtigt. Im dritten Jahrhundert nach Christus warnte der Rabbiner Schmuel Nachmani vor Berechnungen eines Endzeittermins. Seine Aussagen waren nie so aktuell wie heute. Man solle vielmehr jeden Tag so Gott wohlgefällig leben, dass der Messias kommen kann, wann er will, ohne uns zu überraschen, so der Rabbi.
Die Bibel zeigt uns die Geschichte als Heilsgeschichte, damit wir dieses Wissen nutzen und die Geschichte des eigenen Lebens zur Geschichte des persönlichen Heils werden lassen. Der Glaube an das Wort Gottes rettet, nicht der Glaube an diesen oder jenen Ablauf der endzeitlichen Geschehnisse. Das letzte Wort Gottes an die Menschheit heisst Jesus Christus: «Nachdem Gott in vergangenen Zeiten vielfältig und auf vielerlei Weise zu den Vätern geredet hat durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn» (Hebr. 1,3). Das hatten die Verfasser der Barmer Erklärung inmitten schwerster Bedrängnis in der Zeit des Nationalsozialismus formuliert und hochgehalten: «Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.»
Warum wird der Leser der Offenbarung glückselig genannt, wo doch Dinge verkündet werden, die so schrecklich sind, wie sie «von Anbeginn nicht waren»? Deshalb, weil in Anbetracht dessen, der kommt, das Wort der Bibel gilt und nicht menschliche Rede: «Denn das schnell vorübergehende Leichte unserer Bedrängnis bewirkt uns ein über die Massen überreiches, ewiges Gewicht von Herrlichkeit, da wir nicht das Sichtbare anschauen, sondern das Unsichtbare; denn das Sichtbare ist zeitlich, das Unsichtbare aber ewig» (2. Kor. 4,18).
Deshalb kann Lukas in seiner Endzeitrede (Luk. 21,28) auch sagen: «Wenn aber diese Dinge anfangen zu geschehen, so blickt auf und hebt eure Häupter empor, weil eure Erlösung naht.»
Wir sollen schon heute im Licht des anbrechenden Tages leben. Paulus schreibt vom «aufstehen vom Schlaf». Seinen Weckruf begründet er mit entwaffnender Logik, denn unser Heil ist jetzt «näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden» (Röm. 13,11).
* Vgl. dazu den Brennpunkt auf Seite 9. Der Film «2012» und die Berichterstattung darüber geht offenbar von einer falschen Datierung der Mayakultur aus.
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