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Das heimliche Aussterben

In Deutschland und anderen europäischen Staaten sterben mehr Menschen als geboren werden. Und keiner weiss den Trend zu stoppen.

Elisabeth Niejahr greift zu einembildhaften Vergleich, um die Leserschaft der “Zeit” auf eine im Stillen verlaufende Entwicklung aufmerksam zu machen: “Deutschland schrumpft und altert leise. Mit dem demografischen Wandel verhält es sich wie mit einem Kind. Seine Familie sieht es wachsen, aber das geschieht langsam und beständig, so dass es nicht auffällt. Es sind Aussenstehende, Besucher, die sagen: ‘Mein Gott, ist der aber gross geworden!’ Wer den Wandel täglich erlebt, hält ihn für selbstverständlich. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass die Deutschen so merkwürdig desinteressiert sind an dem Prozess, der das Land in den kommenden Jahren radikal verändern wird.”

Nach Prognosen, welche die Vereinten Nationen für jedes Land der Welt erstellten, schrumpft die Bevölkerung Deutschlands jährlich um rund 200 000 Einwohner. In anderen europäischen Ländern ist das Szenario ganz ähnlich. Die Schweizer Bevölkerung beispielsweise soll sich von7,1 Mio. im Jahr 2000 auf 5,6 Mio. im Jahr 2050 verringern. Das wird Folgen haben.

Rainer Münz, Professor für Bevölkerungswissenschaft (Humboldt-Universität Berlin) hält sich an den Zynismus. Von ihm ist bekannt, dass er seinen Studenten jeweils vorhält, sie würden das Problem niedriger Geburtenraten wahrscheinlich erst im Rollstuhl erkennen – wenn niemand mehr da sei, um sie zu schieben. Ein Autor der “Süddeutschen Zeitung” fragt voller Selbstmitleid: “Wer wird uns anlächeln, wenn wir achtzig sind?” Singles und kinderlosen Paaren macht der Lebensabend im Pflegeheim besonders Angst.

Über das Altwerden wird kaum gesprochen. Dabei zeigt das von R+V ermittelte Angstbarometer, dass eine Verhaltensänderung und Überprüfung der Strukturen und Einrichtungen dringend ist. 38 % aller Deutschen fürchten sich nämlich davor, im Alter zum Pflegefall zu werden. Bei den über 50-Jährigen ist das gar die Hauptangst vor allen anderen Angstthemen wie Arbeitslosigkeit, Verschlechterung der Wirtschaft oder steigende Lebenshaltungskosten.

Gefordert ist eine neue Haltung zum Alter. Diese sollte schon früh eingeübt werden. In den göttlichen Lebensgeboten ist das so formuliert: “Ehre deinen Vater und deine Mutter” (2. Mose 20,12). “Zeit”-Autorin Niejahr empfiehlt richtigerweise, “schon heute die Tonart anzuschlagen, in der man selber in Zukunft angesprochen werden will”.
Rolf Höneisen

(c) factum online 24. Februar 2003

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