Zeus zur Ehre
Die Griechen kultivierten 1200 Jahre lang den Sport und veranstalteten grosse Wettkämpfe zu Ehren des Gottes Zeus. Dann liess ein christlicher Kaiser den Zeustempel in Olympia schliessen. Zwei Erdbeben liessen die Anlage einstürzen. 1896 wurden die Olympischen Spiele wieder ins Leben gerufen.
von Rolf Höneisen
Bereits im 8. Jahrhundert vor Christus machten sich in der Arena von Olympia Läufer bereit zum Start. Seit 776 v.Chr. versammelten sich hier alle vier Jahre im Sommer Sportler aus nah und fern zum Kräftemessen. Teilnehmer und Besucher waren auf ihrer An- und Rückreise vor Überfällen sicher. Der olympische Friede garantierte ihnen sicheres Geleit und einen entspannten Aufenthalt am Wettkampfort. Eine Stadt, die ein Kultfest abhielt, wurde nicht angegriffen. So lautete ein ungeschriebenes Gesetz. Zeus galt als Schirmherr. Ihm zur Ehre stand inmitten der Sportstadien in Olympia ein Tempel mit Altar und einer riesigen Statue seiner selbst. Eine Mauer umgab den Tempelbezirk und markierte den „heiligen Hain“.
Sport und Religion waren im antiken Griechenland eng verknüpft. Der alle vier Jahre in Olympia stattfindende Anlass war kein Sportfest, sondern religiöser Kult, in dessen Rahmenprogramm auch sportliche Wettkämpfe stattfanden. Die Spiele galten nicht dem Sport, sondern den Göttern.
Das Kultfest war allerdings weniger Gottesdienst als vielmehr Volksfest. Dazu massen sich die Teilnehmer nicht nur im Sport, sondern auch in Musik, Dichtung und Tanz. Solche Treffen waren in Griechenland ganz und gar nicht auf den kleinen Ort Olympia beschränkt. Forscher gehen davon aus, dass in rund 300 griechischen Heiligtümern sportliche Wettkämpfe durchgeführt wurden. Eine herausragende Bedeutung erhielt Olympia schliesslich deshalb, weil sich der Sitz des Orakels des obersten griechischen Gottes Zeus dort befand.
Der im 5. Jhr. v.Chr. sechstägige olympische Anlass verlief nach folgendem Schema:
1. Tag: Eid der Wettkämpfer und Trainer vor der Statue des Zeus, Einteilung der Wettkämpfer und Pferde in Altersklassen, Wettkampf der Trompeter und Herolde 2. Tag: Wettbewerbe der Knaben und Jugendlichen 3. Tag: hippische Bewerbe (Pferde- und Wagenrennen; griech. hippos = Pferd) am Morgen; Fünfkampf am Nachmittag; Totenopfer für Achilleus und Pelops am Abend 4. Tag: Prozession und Opfer für Zeus, Festmal im Prytaneion (Vollmondtag) 5. Tag: Laufwettbewerbe vormittags; Kampfsportarten und Waffenlauf nachmittags 6. Tag: Siegerehrung vor dem Zeustempel und Bewirtung der Sieger am Abend
Nur der erste Platz zählte. Ab dem zweiten Rang gab es nur noch Verlierer. Das war bei den Spielen in Olympia genauso wie bei den Isthmischen Spielen in Korinth. Weil diese Regel landläufig bekannt war, zog der Apostel Paulus damit einen Vergleich: „Wisst ihr nicht, dass die, welche in der Rennbahn laufen, zwar alle laufen, aber nur einer den Preis erlangt? Lauft so, dass ihr ihn erlangt! Jeder aber, der sich am Wettkampf beteiligt, ist enthaltsam in allem – jene, um einen vergänglichen Siegeskranz zu empfangen, wir aber einen unvergänglichen“ (1. Kor. 9,24 und 25).
Die Griechen teilten die Disziplinen des Wettkampfsports in zwei Gruppen: die gymnischen und die hippischen Bewerbe. Zu den gymnischen Sportarten zählten die Leichtathletik sowie Ringen und Boxen. „Gymnisch“ wurden sie genannt, weil sie nackt ausgeübt wurden (griech. gymnos = nackt). Das Gymnasion war der Trainingsplatz der Leichtathleten. Warum die Athleten Diskusse und Speere nackt warfen, weiss niemand so richtig. Die nackten Sportler sind ein Rätsel.
Die hippischen Disziplinen galten als eigentliche Attraktion der olympischen Spiele. Der Pferdesport umfasste diverse Disziplinen. Hier waren auch Frauen als Teilnehmerinnen zugelassen, allerdings nur Unverheiratete. Verheirateten blieb der Zutritt in die Stadien verwehrt.
Der Ort Olympia entwickelte sich vom kleinen Zeus-Heiligtum zur grössten Sportstätte der Antike. Das Tal der Priester und Athleten umfasste in seinen Glanztagen eine Fläche von 30 Hektaren mit über zwei Dutzend Gebäuden: Tempel, Stadien, Rennbahnen, Badehäuser, Tribünen und Herbergen. Inmitten der Kultstätte ragte eine zwölf Meter hohe Zeus-Statue gen Himmel. In ihrem Schatten ehrten die Priester die Wettkampfsieger. Bis zu 60000 Besucher soll es jeweils nach Olympia gezogen haben.
Die Sportler kamen aus allen Teilen des griechischen Weltreichs. Sie traten zu Ehren von Zeus an, um sich im Wettkampf zu messen. Ihre körperlichen Anstrengungen galten als göttliche Leistungen. Die Olympischen Spiele der Antike waren keineswegs dem Sport geweiht, sondern den Göttern. Das steht hinter dem „olympischen Geist“ und dem körperbetonten Leistungsstreben.
Das Ziel, in Olympia zu siegen, verführte damals wie heute zu falschen Prioritäten. Das Volk der Spartaner soll beispielsweise alle Knaben ab sieben Jahren in ein eisernes Trainingsprogramm eingespannt haben. In den Gymnasien drillten Privattrainer Disziplin und Muskelkraft mit dem Rohrstock. Durchtrainierte Muskelpakete waren nicht nur potentielle Sieger in Olympia, sondern auch die besten Soldaten.
Im Jahr 520 v.Chr. wurde der .36.Hoplitenlauf.37., ein eigentlicher Militärwettmarsch, olympische Disziplin: Die Teilnehmer rannten schwer bewaffnet und an den Beinen beschient, um die Wette. Krieg und Sport reichten sich die Hände. Es war die Zeit der Bedrohung durch die persischen Heere. Griechenland geriet unter Druck und verlor die Kolonien in Kleinasien: Ephesus und Milet fielen an den persischen Erzfeind. .Die orientalische Macht drang vor bis ins Herz Griechenlands, bis 40 Kilometer vor Athen. Erst hier wurden sie in den berühmten Schlachten von Marathon, Salamis und Platäa (480/479 v.Chr.) zurückgeschlagen.
Der militärische Sieg führte zu einer Euphorie in Griechenland. Mit Geldern aus der Kriegsbeute wurde auch die Anlage in Olympia erweitert. Deren Zeus-Statue erhielt einen Mantel aus Gold, Glas und edlen Steinen. Ein Athener Politiker sagte damals über den Ort, in Olympia würde die Nation ihre Körperkraft und ihre Schönheit zur Schau stellen.
Der Massenzulauf an Athleten und Besuchern führte schliesslich zum organisatorischen Beinahe-Kollaps. Die Spieldauer wurde verlängert, ein olympischer Rat eingeführt, ein Organisationskomitee bestimmt und Schiedsrichter eingesetzt.
Der religiöse Kult fand seinen Höhepunkt jeweils in der Schlachtung von 100 Rindern, Opfer für den obersten der Götter. Aus dem Gebrüll der verängstigten Tiere dampfte das Blut der Erstochenen. Die Schenkel der Rinder wurden auf dem Altar verbrannt, das restliche Fleisch zubereitet und gegessen. Nach einer Überlieferung soll sich in spätrömischer Zeit der Aschekegel beim Hauptaltar in Olympia bis in eine Höhe von sieben Metern aufgetürmt haben.
Wer in Olympia siegte, erhielt „ewige“ Ehre. Im heiligen Tempelbezirk durfte er eine Statue aufstellen. Auf deren Sockel eingraviert war sein Name. So etwas war sonst den Göttern vorbehalten. Das bedeutete Unsterblichkeit. In ihren Heimatorten waren sie Stars auf Lebzeiten mit diversen Privilegien. Steuerbefreiung und Logenplätze im Theater waren nur zwei von vielen.
Über 1200 Jahre flogen in Olympia Diskusse und Speere, fuhren Pferdegespanne um den Sieg und boxten Athleten um Lorbeerkränze. Und das selbst in Zeiten des Krieges zwischen Hellas und Sparta ((431 bis 404 v.Chr.). Selbst die Eroberung durch die Römer bedeutete nicht das Ende der Olympischen Spiele, dafür das Ende der Nacktauftritte. Im römischen Imperium galt wieder „Hosen an!“
Rom investierte in Olympia. Toiletten, Bäder und Herbergen wurden auf römisches Geheiss errichtet. Kaiser Diokletian renovierte noch im Jahr 300 n.Chr. die Wasserleitung. Doch zu jener Zeit hatten die Spiele ihren Höhepunkt längst überschritten.
Der Siegeszug des Sports in Verbindung mit Religion wurde nicht von einer Militärmacht gestoppt, sondern von sich rasch und kraftvoll ausbreitenden Christentum. Das Evangelium von Jesus Christus nahm dem Körper- und Götzenkult den Wind aus den Segeln. Tertullian verurteilte Ringen wie Boxen als unmenschlich. Man muss wissen, dass damals andere Regeln galten. Ziel im Wettkampf war die Vernichtung des Gegners. Dazu war fast alles erlaubt. Das verraten Regelerlasse und Strafentscheide: 520 v.Chr. wurde das Fingerbrechen im Ringkampf verboten; 490 v.Chr. wurde ein Faustkämpfer zu einer hohen Geldstrafe verurteilt, weil er seinem Gegner den Brustkorb aufgerissen hatte; um 420 v.Chr. stach ein Boxer dem Gegner die Finger in die Seite und riss Gedärm heraus. Sein Sieg wurde annulliert.
Die olympische Friedfertigkeit ist ein Mythos. Von Fairness konnte in der Antike keine Rede sein. Die Wettkämpfe verliefen unvergleichlich härter. Beim Faustkampf wurde immer wieder auf den Kopf geschlagen. Homer schreibt: „Gänzlich zerschlag ich den Mann und hau ihm die Knochen zusammen! Mögen die Leichenbestatter versammelt am Platz nur bleiben, wegzuschaffen den Mann, sobald meine Faust ihn bezwungen.“ Beim Ringen waren Luftabdrücken und Gelenkeverdrehen erlaubte Kampfpraktiken.
Die Kirchenführer attackierten den heidnischen Körperkult immer lauter. Schliesslich war es der römische Kaiser .36.Theodosius.37., der sich ab 390 nach Chr. erfolgreich bemühte, den Kult in Olympia zu unterbinden. Die letzten Kultspiele in Olympia fanden 393 n.Chr. statt. Der heidnische Muskelevent wurde von frommem Mönchsgebaren abgelöst. Da die sportbegeisterten Griechen die Stadien weiterhin für Wettkämpfe benutzten, liess Kaiser Theodosius II. im Jahr 426 n.Chr. den Zeustempel in Olympia ganz schliessen. Die ungenutzte und nicht mehr gepflegte Anlage begann zu zerfallen. Das grosse Erdbeben von 551 und ein zweites Beben im Anschluss beschleunigten deren Zerstörung zusätzlich.
In der Folge versank der olympische Gedanke für über 1300 Jahre in der Vergessenheit. Es war der französische Aristokrat .36.Pierre de Coubertin.37. (1863–1937), der die Olympischen Spiele aufgrund seiner Überzeugung, nach der sportliche Ausbildung unumstösslicher Bestandteil der Erziehung sein müsse, wieder ins Leben rief. 1896 fand die erste Olympiade der Moderne an ihrem Ursprungsort statt – in Athen.
108 Jahre später treffen sich Sportler aus aller Welt wieder in Athen. Während zwei Wochen kennen sie nur einen Leitsatz citius, altius, fortius – schneller, höher, stärker. Und schon wieder werden die Olympischen Spiele überhöht. Der 17-Jährige griechische Schwimmsportler Dionyssis Pappas, der die Fackel mit dem olympischen Feuer eine Strecke lang tragen durfte, sagte: „Ich danke meiner Stadt, die mir die Gelegenheit gab, das stärkste Symbol des Friedens und der Freundschaft zu tragen.“ Olympia trug und trägt religiöse, mythische Züge. Nicht mehr Zeus, dafür der Mensch selbst und seine Kraft und Schnelligkeit werden bejubelt. Sportlerinnen und Sportler wollen von den Augen der Welt als die schnellsten und stärksten gesehen werden. Sie wollen zeigen, was ein eisern gewillter und trainierter Mensch zu leisten im Stande ist.
Wie kein anderer Austragungsort Olympischer Spiele zuvor knüpft Athen 2004 Verbindungen zur Antike. Symbolisch werden die Wettkämpfe in Stadien aus drei Epochen durchgeführt. Im antiken Stadion von Olympia aus dem 5. Jhr. v.Chr., im Panathinaiko-Stadion von 1896 sowie im neu gebauten Stadion.
Thomas Hanimann weist in „ideaschweiz“ zu Recht darauf hin, wie in Griechenland der Stolz auf die Antike das kulturelle Leben prägt und nicht der Stolz auf das Evangelium: „Der unbekannte Gott, den Paulus vor dem griechischen Gericht auf dem Areshügel in Athen vorstellte, ist leider bis heute vielen Griechen unbekannt geblieben. Kein Wunder, dass hier auch die evangelischen Gemeinden schwach sind.“ Gerademal 15000 Griechen sind in einer evangelikalen Gemeinde. Sie brauchen Unterstützung für ihre evangelistischen Bemühungen. Zumindest während der Olympiade werden sie diese von Grossorganisationen erhalten.
Es war wie ein Zeichen: Als am 25. März 2004 eine Griechin im Priestergewand die olympische Gasfackel in einem von der Sonne glühend heissen Hohlspiegel mit den Worten „Apollo, schick uns deine Strahlen!“ entzünden wollte, verdunkelte sich der Himmel. Die Entfachung des Feuers vor laufenden Kameras gelang nicht. Doch nicht genug der Peinlichkeit. Auf ihrem Weg um die Erde blies der Wind die „ewige“ Flamme fast 30-mal aus.
HINTERGRUND
Die Spiele im antiken Olympia waren ein Kultfest zu Ehren des Gottes Zeus. Der noch heute beschworene „olympische Geist“ war religiöser Natur. Das religiöse Ritual bestimmte den Sport. Solche Feste gab es damals an vielen Orten in Griechenland. Dem Sieger winkte ewige Ehre. Gekämpft wurde auf Biegen und Brechen. Sport war Religion.
Es verwundert nicht, dass die römischen Besatzer den griechischen Sportkult nicht unterbanden, sondern mitmachten. Auch sie lebten in einer heidnischen Weltanschauung unter einem Vielgötterhimmel. Der Weg von Zeus zu Jupiter war kurz.
Erst eine andere Geistesströmung, das Christentum mit der neuen Botschaft von der Errettung aus Gnade aufgrund des Sühneopfers durch den Gottessohn, nahm dem Körperkult den Schwung . Zuvor war das Kultfest zu Olympia während 1200 Jahren alle vier Jahre gefeiert worden!
Nachdem der Apostel Paulus an Timotheus geschrieben hat, er solle „unheilige Altweiberlegenden“, die Mythen, abweisen, fordert er ihn auf: „Übe dich aber in Gottesverehrung (od. Gottseligkeit, Gottesfurcht), denn die leibliche Übung ist zu wenig nütze, die Gottseligkeit aber ist zu allen Dingen nütze, weil sie die Verheissung des Lebens hat, des jetzigen und des zukünftigen“ (1. Tim. 4,8 und 9).
Das apostolische Wort ist kein Sportverbot. Körperliches Training hat seinen Wert, allerdings auf den Körper beschränkt, während des irdischen Lebens. Geistliches Training hingegen nützt für Zeit und Ewigkeit und ist deshalb wichtiger. Jede Minute des Bibellesens, des Betens, des Hörens auf Gott, des Dienstes am Nächsten, der Selbstbeherrschung und des Gehorsams sind Trainingsrunden für das neue Leben aus Gott. Lebendiges Christsein wird im Alltag vollzogen. Es ist nötig, Frömmigkeit bewusst zu lernen, einzuüben. Christus selbst will in unserem Leben „Gestalt gewinnen“ (Gal. 4,19). Unter Gottes Geistführung kristallisiert sich das neue, geschenkte Leben zum Zeugnis für andere aus (vgl. 1. Kor. 9,24-27).
Vor dem Hintergrund des religiös verbrämten griechischen Sportkults legte der Apostel die Prioritäten fest: Das Training des Körpers hat nicht den ihm im griechischen Denken zugesprochenen Wert „göttlicher Übungen“. Sport darf keine Ideologie, keine Letztbestimmung des Lebens sein. Es gibt eine Grenze, wo eine Tätigkeit dem Leben nicht mehr dient, sondern dieses beherrscht. Christen sollen deshalb ihre Zeit und Kraft nutzen, um im Glauben stärker zu werden. Gott soll geehrt und ihm gedient werden! Wahrer Gottesdienst ist ganzer Lebenseinsatz für Gott (vgl. Röm. 12,1 und 2). Das Ergebnis ist Gewinn sowohl in diesem Leben als auch für die Ewigkeit. Rolf Höneisen
(c) factum 17. August 2004
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