Die Predigt der Pinguine
Die Tierdoku «Die Reise der Pinguine» ist ein Kinoerlebnis. Unverhoffter Nebeneffekt: Das berührende Paarverhalten der flugunfähigen Vögel sorgt für Diskussionen um Gott und die Moral.
Carole Huber; Rolf Höneisen
Fremd und unwirklich erscheint die bizarre Eislandschaft am Rand der Antarktis. Da – eine Pinguindame schnellt aus dem Wasser und lässt sich auf den weichen Schnee plumpsen. Sie bleibt nicht lange allein. Nach und nach gesellen sich Dutzende von Artgenossen zu ihr. Bald setzen sie sich in Bewegung und bilden Teil einer langen Kolonne von Hunderten von Tieren, die vom äusseren Rand des Packeises wochenlang landeinwärts zu ihrem Brutplatz marschieren.
Wie die Pinguine in der sich ständig ändernden Umgebung den Weg durch die eisige Wüste finden, ist Wissenschaftlern bis heute ein Rätsel. Dennoch treffen sie alle pünktlich für die folgende Paarungszeit ein. Bald ertönen in der ganzen Kolonie eigentümliche, ohrenbetäubende Duette. Hat sich ein Paar gefunden, beginnt nicht nur ein faszinierendes Balzballett, ebenso registrieren beide Tiere ganz genau die Stimme des Partners, so dass sie in den nächsten Monaten in der Lage sind, ihn unter Tausenden zu erkennen.
Ende Mai schliesslich legt das inzwischen um ein Drittel seines Körpergewichts abgemagerte Weibchen ein einziges Ei. Um es vor dem Kältetod zu schützen, hievt der Pinguin das Ei auf seine Füsse, legt die Bauchfalte darüber und beginnt zu brüten. Endlich ist es da – das Ei mit dem Nachkommen, dem von nun an die ganze Fürsorge der Eltern gilt.
Das Brutverhalten der Pinguine ist bewegend: Bei Temperaturen von bis zu minus 40 Grad und beissenden Schneestürmen, die Geschwindigkeiten bis zu 250 Stundenkilometern erreichen, hegen die Pinguinväter die Brut. Derweil machen sich die Mütter auf die lange und gefährliche Nahrungssuche. Sie kehren erst zurück, wenn die Jungen geschlüpft sind. Dann lösen die Mütter die Väter ab. Nun machen diese sich auf den beschwerlichen Weg zu den Fischquellen.
Der Biologe und Filmemacher Luc Jacquet gibt im Film drei Pinguinen eine Stimme und erzählt die Geschichte der jungen Vogel-Familie aus deren Perspektive. «Die Reise der Pinguine» wurde in den USA und in Frankreich zu einem riesigen Erfolg – mit Nebenwirkungen: Die Beobachtung der Kaiserpinguine lässt unweigerlich Vergleiche zum menschlichen Verhalten ziehen. Der Filmkritiker der «New York Times», Michael Meved, schrieb: «Dies ist ‘die Passion der Pinguine’. Der Film unterstreicht die traditionellen Werte leidenschaftlich.
Die Tiere zeigten beispielhaft «Aufopferung, Zusammenarbeit und Zuneigung», kommentiert Mari Helms im christlichen Internetportal «Christian answers.net». «Wir könnten von den Kaiserpinguinen vieles über Ausdauer lernen», meint Helms, die sich an die biblische Weisheitsliteratur erinnert sieht, insbesondere die dort als Beispiel genannten Ameisen: «Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh an ihr Tun und lerne von ihr. Wenn sie auch keinen Fürsten noch Hauptmann noch Herrn hat, so bereitet sie doch ihr Brot im Sommer und sammelt ihre Speise in der Ernte» (Sprüche 6,7 bis 8).
In dieser Haltung sollte man sich auch den Pinguinen nähern. Niemand müsse sie an ihre Aufgabe erinnern, sagt Mari Helms: «Sie wissen, was zu tun ist, und sie tun es.» In Sachen Freundschaft, Opferbereitschaft, Elternschaft, Liebe und Ausdauer seien die Pinguine für die Menschen allgemein, aber sicher für Christen und ihren Auftrag in der Welt, inspirierend und beispielhaft.
Für Filmkritikerin Mari Helms ist ein Jahr im Leben eines Kaiserpinguins ein starker Hinweis auf die Existenz und den Charakter Gottes. Die Worte des Apostels Paulus würden dies unterstreichen: «Denn Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit der Schöpfung der Welt ersehen aus seinen Werken, wenn man sie wahrnimmt, so dass sie keine Entschuldigung haben» (Röm. 1,20).
Eine amerikanische Hauskirchenbewegung, im Internet gemeinsam auftretend als «153 House Churches Network», rief ihre Mitglieder dazu auf, den Film mit der Familie anzuschauen, um von den Pinguinen zu lernen und das eigene Verhalten zu diskutieren. Auch Abtreibungsgegner wie Jill Stanek verweisen auf den Pinguinfilm und die Fürsorglichkeit dieser Tiere, wenn es um den Nachwuchs geht. Was zuerst nur in der christlichen Subkultur verbreitet wurde, fand inzwischen den Weg in die Massenmedien.
Denn jetzt schlagen die Kritiker zurück. Die Pinguine würden von «der religiösen Rechten» zu Unrecht vereinnahmt. Pinguinpaare seien sich lediglich für ein Jahr lang treu, es gebe unter ihnen homosexuelles Verhalten und ihr Wille zum Überleben sei ja wohl eher das Ergebnis von Evolution denn von Schöpfung. Weil der «Spiegel» einen Artikel von «Agence France Presse» übernahm, erregen die Pinguine nun auch im deutschsprachigen Raum Aufsehen. Das kann nur gut sein. Die Dokumentation über die tollpatschigen Vögel ist in jedem Fall sehenswert und wird beim Publikum sicher den richtigen Eindruck hinterlassen.
(factum 8/2005)
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