Arte-Report hat erste Konsequenzen
(22. September 2006) – Eine heftige Kontroverse hat der Fernsehsender Arte mit einem Themenabend über christlichen Fundamentalismus ausgelöst. Evangelische Weltanschauungsexperten und Vertreter der evangelikalen Bewegung kritisieren insbesondere den Beitrag „Von Göttern und Designern – ein Glaubenskrieg erreicht Europa“. Inzwischen entschuldigte sich einer der Filmemacher, falls "falsche Assoziationen gemacht worden sein sollten". Trotzdem wird jetzt einem christlichen Lehrer ein Maulkorb umgebunden.
Rolf Höneisen
Nach Darstellung der Filmautoren Peter Moers und Frank Papenbroock gibt es christliche Fundamentalisten nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Die Verfechter der Schöpfungslehre würden auch hierzulande immer mehr Einfluss gewinnen.
In ihrem Beitrag "Von Göttern und Designern" beschrieben sie unter anderem das von Wissenschaftlern des Discovery Institute geförderte Modell des "intelligenten Designs" aufgrund eines internen Strategiepapiers des Instituts als Speerspitze, der in die Wissenschaftswelt hineingetrieben werde, um die Meinungen zu spalten. Dramatisch dargestellt, als handelte es sich hier um eine Weltverschwörung, gingen die vernünftigen und hoffnungsvollen Überlegungen, die mit "Intelligent Design" verbunden sind, in den düsteren Moderationstexten unter. Immerhin wurden Ausschnitte aus dem inzwischen auch in deutscher Synchronfassung erhältlichen Film "Dem Geheimnis des Lebens nahe" gezeigt. Dieser Film belegt, dass "Intelligent Design" wissenschaftlich begründet sein kann und ohne jegliche religiöse Verknüpfung auskommt. Dieser Umstand wurde im Arte-Beitrag nicht diskutiert.
Dafür wurde über die Organisation „Answers in Genesis“ berichtet, die in Cincinnati, im US-Bundesstaat Ohio, für 20 Millionen Euro aus Spenden ein Schöpfungsmuseum errichtet. Die Ausstellungsobjekte veranschaulichen die Darstellung des biblischen Schöpfungsberichts. So etwa den Umstand, dass Dinosaurier und Menschen nach der Chronologie der Bibel gemeinsam gelebt haben. Diese radikale Umsetzung der biblischen Beschreibung löst bei Europäern offenbar Entsetzen aus. Genauso die Tatsache, dass Schöpfungskongresse in England vor allem unter Jugendlichen grosses Interesse auslösen.
Die Filmemacher berichteten dann auch über die Lage in Deutschland. Als wäre es ein Verbrechen, stellten sie heraus, dass Lehrer an zwei Gießener Schulen Schöpfungslehre als Alternative zur Evolution im Fach Biologie unterrichteten: an der staatlichen Liebig-Schule und an der privaten August-Hermann-Francke-Schule. Elternproteste seien bisher erfolglos geblieben.
Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW), eine Einrichtung der EKD, kritisierte die undifferenzierte Bezeichnung „christlicher Fundamentalismus“. Anhänger der biblischen Schöpfungslehre pauschal so zu benennen, sei „unsäglich“. „Das zeugt von Unwissenheit“, so EZW-Referent Michael Utsch (Berlin). Aus seiner Sicht gibt es in der Evolutionstheorie „empfindliche Erklärungslücken“, die kritische Rückfragen zuliessen. Solche Lücken gebe es auch im Kreationismus. Es sei aber falsch zu behaupten, der Kreationismus gehöre ins Mittelalter. Vielmehr biete er „viele interessante Erklärungsansätze“.
Utsch wandte sich auch dagegen, die Anhänger freier christlicher Schulen als „biblische Fundamentalisten“ zu bezeichnen. Diese Schulen vermittelten eine an Werten orientierte Erziehung. Deshalb seien sie an vielen Orten „der Renner“. Von einem Fundamentalisten könne man eventuell dann sprechen, so Utsch, wenn dieser behaupte, im alleinigen Besitz einer geistlichen Wahrheit zu sein und die Bibel buchstabengetreu auszulegen: „Gott hat uns doch nicht ohne Grund mit einem Verstand ausgestattet.“
Der wissenschaftliche Mitarbeiter der Studiengemeinschaft „Wort und Wissen“, Reinhard Junker (Baiersbronn/Schwarzwald), bezeichnete den Film als „Polemik gegen Christen, für die die Bibel eine realistische Informationsquelle ist“. Die Sendung habe Ängste geschürt: „Hierzulande ist die Gefahr eines christlichen Fundamentalismus, wie er im Film heraufbeschworen wurde, weit weg von der Realität.“ Junker kritisierte ferner, dass weder Schüler, Eltern noch aktive Lehrer der August-Hermann-Francke-Schule authentisch zu Wort gekommen seien, sondern nur Aussteiger und ein ehemaliger Lehrer.
Der Biologe Reinhard Junker ging allerdings auch gegenüber den im Film dargestellten Kreationisten in den USA auf Distanz: Es habe ihn erschreckt, wie selbstsicher sich die Anhänger der Schöpfungslehre gegeben hätten und auch „vage Modellvorstellungen“ über die Entstehung der Erde als biblisch und wissenschaftlich solide begründet dargestellt hätten. Auch Anhänger der Schöpfungslehre wie die Studiengemeinschaft „Wort und Wissen“ hätten offene Fragen. Dies habe der Film aber ebenso ausgeblendet wie die zahlreichen naturwissenschaftlich begründeten Kritikpunkte an der Evolutionstheorie. Aus diesem Grund ist davon auszugehen, dass auch die amerikanischen Statements Kürzestversionen waren, herausgeschnitten aus langen Interviews und mitgefilmten Referaten.
Der Leiter der kritisierten August-Hermann-Francke-Schule Lothar Jost wies die Darstellung im Film als tendenziös zurück. Eine sachgerechte Auseinandersetzung sei offenbar „nicht gewünscht und möglich“. Sein Ziel sei es nun vor allem, die Schule vor unsachlichen Kampagnen zu schützen.
Andreas Dippel vom christlichen Medienmagazin "Pro" kommentierte: "Fakt ist: Die christliche Privatschule, Biologielehrer Meyer und die Studiengemeinschaft 'Wort und Wissen' wurden in der Reportage als Belege dafür präsentiert, wie weit 'christliche Fundamentalisten' schon bei ihrer 'Unterwanderung deutscher Schulen' vorangeschritten sind." Christen seien wie selten zuvor in eine Ecke mit Sektenmitgliedern, Fanatikern, Spinnern gerückt worden, schreibt "Pro". Und: "Dass Lehrer ihren Schülern beibringen, auch die Evolutionstheorie kritisch zu hinterfragen, gilt den Reportern schon als Beleg für Fanatismus."
Auf der Webseite Jesus.de wehrt sicher einer der Autoren des Films "Von Göttern und Designern - Ein Glaubenskrieg erreicht Europa" gegen diese Vorwürfe. Frank Papenbroock hält fest, dass von der christlichen Privatschule niemand zu Wort gekommen sei, weil sich niemand dazu bereit erklärte: "Wir haben versucht mit dem Vorstand, dem Schulleiter und einem Lehrer zu sprechen, doch dies wurde schulseitig abgelehnt."
Es stimme auch nicht, dass Christen in eine Ecke mit "Sektenmitgliedern, Fanatikern, Spinnern gerückt" worden seien. Papenbroock: "Wir haben alle Betroffenen zu Wort kommen lassen. Wir haben zu keinem Zeitpunkt von 'Fanatikern' gesprochen. Es waren die betroffenen Eltern, die von 'Sektierern' und 'fundamentalistischem Gepräge' sprachen."
Mit dem Wort "Glaubenskrieg" im Titel habe man niemanden verletzen wollen, sondern die Vehemenz illustriert, mit der diese Debatte geführt werde, schreibt der Filmemacher. Das sei im Film am Beispiel des Salzburger Symposiums deutlich geworden. "Sollten damit falsche Assoziationen erzeugt worden sein, so bedauern wir dies sehr und möchten uns dafür aufrichtig entschuldigen", so Frank Papenbroock.
Der Film sorgte für Reaktionen in der Politik. Zwei hessische SPD-Landtagsabgeordnete, Heike Habermann (Offenbach) und Thorsten Schäfer-Gümbel (Gießen), forderten Kultusministerin Karin Wolff (CDU) zu einer Stellungnahme auf. Es wäre ein „unhaltbarer und inakzeptabler Vorgang“, wenn die Arte-Recherchen zuträfen. Die Ministerin müsse darlegen, „wie diese Vorgänge sofort abgestellt und welche Konsequenzen für die betroffenen Lehrkräfte gezogen werden“. Das Ministerium kündigte eine dienstrechtliche Überprüfung an. "Wir werden den Fall dienstrechtlich untersuchen", bestätigte Heinz Kipp vom hessischen Kultusminsterium. Der Stadtschülerrat fordert sogar die Suspendierung des Biologielehrers, meldet der „Giessener Anzeiger“. Christine Kunz (Vorsitzende des Stadtelternbeirats) und Mehmet Tanriverdi (Landeselternbeirat) zeigen sich als Elternvertreter "überrascht und verärgert". In einer gemeinsamen Erklärung schreiben sie: "Die strikte Trennung der Religion und der Naturwissenschaften darf nicht in Frage gestellt werden."
Dr. Heidrun Sarges, Leiterin der Liebigschule, betonte gegenüber dem Anzeiger: "An dieser Schule werden keine Schüler indoktriniert." Sie würden vielmehr zur Abwägung und freien Meinungsbildung in jeder Weise aufgefordert. Zugleich verweist sie auf die lange naturwissenschaftliche Tradition der Schule. "Die Lehrpläne im Fach Biologie werden zweifelsfrei eingehalten, dies betrifft auch das Thema Evolution im Jahrgang 13." Wolfgang Meyer sei seit 30 Jahren an der Liebigschule tätig und gehöre der evangelischen Freikirche an. "Dies wirkt sich auch auf Betrachtungen über die Evolution aus", erläutert die Schulleiterin. Es sei ihm ein Anliegen, Schüler auch mit anderen Betrachtungsweisen bekannt zu machen und zur Abwägung aufzufordern. "Der zeitliche Umfang solcher Darstellungen ist eng begrenzt." Den Schülern werde deutlich erklärt, dass es sich dabei um seine persönliche Stellungnahme handele. Obwohl diese Verfahrensweise in den letzten Jahren zu keinerlei Beschwerden geführt hatte, wurde Lehrer Meyer jetzt zurückgebunden. Und das an einer Schule, die gemäss ihrer Leiterin betont, „geistige Offenheit in kontroversen Diskussionen zuzulassen“.
Der Film und die Berichterstattung darüber haben inzwischen dazu geführt, dass an der staatlichen Liebig-Schule ab sofort die Schöpfungslehre nicht mehr im Fach Biologie unterricht werden darf. Der 55-jährige Lehrer Wolfgang Meyer sei entsprechend angewiesen worden und habe der neuen Regelung zugestimmt, sagte Schulleiterin Heidrun Sarges gegenüber idea. Nach ihren Angaben sind alle Lehrpläne eingehalten worden. In ihnen sei die Behandlung des Themas Evolution vorgeschrieben. Über die Schöpfungslehre habe Meyer als einziger Lehrer ausschliesslich mit Schülern der 13. Klasse im Rahmen einer persönlichen Stellungnahme diskutiert: „Es hat keine schulbezogene Indoktrination gegeben.“ Doch auch diese Praxis halte man inzwischen für verfänglich. „Wir sind sensibler geworden“, sagte die Schulleiterin unter Hinweis auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 und der aktuellen Kontroverse um die Islam-Zitate von Papst Benedikt XVI. Zugleich bedauerte die Schulleiterin, dass Meyer ohne Genehmigung der Schule Arte ein Interview gegeben habe.
Lehrer Meyer darf jetzt gegenüber Medien keine Stellungnahme zu dem Fall mehr abgeben. Wie die Schulleiterin laut dem „Giessener Anzeiger“ sagte, habe Herr Meyer zudem erklärt, „sich in Zukunft im Unterricht persönlicher Stellungnahmen dieser Art zu enthalten."
Anfangs dieses Jahres hatte Lehrer Meyer noch an einem Gespräch mit dem Magazin "Pro" teilgenommen und darin seine Haltung in Bezug auf den Biologieunterricht erklärt. Er wünsche sich, sagte Meyer damals, "dass Evolution und Schöpfungslehre gleichwertig behandelt werden. Es sollte deutlich werden, dass beide Theorien auf weltanschaulicher Basis beruhen. Die Schüler sollen erkennen, welche Kritikpunkte es jeweils gibt und wo Grenzüberschreitungen stattfinden, damit sie sich ein eigenes Urteil bilden können. Dementsprechend sollten auch die Schulbücher geändert werden." Des Lehrers Wunsch wird nicht in Erfüllung gehen. Durch die Arte-Reportage öffentlich thematisiert, wurde ihm jetzt ein Maulkorb umgelegt.
Anders der Hamburger Filmemacher Frank Papenbroock. Er wird jetzt zu Fachgesprächen über Evolution und Schöpfung eingeladen. So demnächst an der Katholischen Akademie Hamburg, wo er am 28. September in der Kirche Trinitatis Ausschnitte aus seinem in Arte gezeigten Film zeigt. Thema des Abends ist "Darwins Reise und die gegenwärtige Diskussion um Evolution und Schöpfung".
Der Christliche Medienverbund KEP (Konferenz Evangelikaler Publizisten) kritisiert die Autoren des Arte-Films heftig: „Der provokante Titel dieses Beitrags ist bereits eine Beleidigung für gläubige Christen“, erklärte KEP-Geschäftsführer Wolfgang Baake (Wetzlar). Der Begriff „Glaubenskrieg“ im Filmtitel setze stillschweigend Christen mit islamischen Fundamentalisten gleich und unterstelle Christen, ihre Überzeugungen mit Gewalt durchsetzen zu wollen. Der Film habe sie ausserdem als Menschen ohne Verstand und Gegner der Moderne dargestellt: „Es war in dem Beitrag die Rede davon, dass Christen das Denken des Mittelalters herbeiführen wollen. Das ist doch völliger Unsinn.“ Baake rief dazu auf, bei Arte zu protestieren: „Es kann doch nicht sein, dass wir mit unseren Rundfunkgebühren Beleidigungen an Christen mitfinanzieren.“
Obwohl der Moderator der Sendung gute Fragen stellte, gab er seinen Studiogast, dem Wiener Physiker und Philosophen Herbert Pietschmann in allen dessen Äusserungen Recht. Auch als Pietschmann kreationistisches Verständnis als Dummheit abtat und eine Diskussion darüber als unter seiner Würde erklärte. Gleichzeitig bezeichnete er sich als gläubigen Christen. Auch Kardinal Christoph Schönborn zeigte Flagge, in dem er kreationistische Schöpfungsinterpretationen als quasi lächerlich bezeichnete. Wieso wählte Arte Gesprächspartner, die gar nicht bereit waren, über die Thesen des Kreationismus zu diskutieren und ausser Spott und Häme nichts zur Versachlichung beitrugen?
Der Themenabend bei Arte bestand aus zwei weiteren Reportagen. Eine über Kirchen im Kongo, die mit magischen Praktiken Kinder missbrauchen (Titel: "Hexenkind - Folter im Namen Gottes") und eine über die Jugend-Bewegung "Jesus Revolution Army". Bei der Kongo-Reportage fragte man sich mit allem Ernst, was diese haarsträubenden Praktiken mit biblischem Christentum zu tun haben sollen. Allerdings schürte gerade dieser Report Ängste, die der uneingeweihte Betrachter beim Mitverfolgen des anschliessenden Films über die radikale "Jesus Army" immer noch im Kopf hatte. Natürlich müssen sich bekennende Christen auch selbstkritisch mit Exzessen und Extremen auseinandersetzen und womoglich davon distanzieren. Dass evangelikale Christen bei Kindern den Teufel mit Salben, Fusstritten und Rasierklingenschnitten "austreiben", gehört massiv verurteilt!
Anders bei der "Jesus Revolution Army". Aus der nötigen Distanz betrachtet und Stil-, Methoden und Lehrfragen einmal weggelassen: Haben diese jungen Menschen irgend etwas Schlechtes getan, sind sie für irgend jemanden eine Gefahr - mal abgesehen davon, dass sie mutig und radikal das Evangelium verkündigen?
Zudem wurde eine Frage während des ganzen Themenabends nie gestellt: Wie wird man eigentlich Christ und was zeichnet einen Christen aus? Offenbar gehen die Arte-Mitarbeiter immer noch davon aus, dass man als Christ geboren wird - es sei denn man komme in Saudi-Arabien zur Welt.
|