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Gottlos im Seelenlabyrinth

Zum 150. Geburtstag Sigmund Freuds erscheinen unzählige Artikel und Bücher über sein Leben und sein Werk. Wird Freud wieder aktuell?

Klaus Rudolf Berger

Sigmund Freud ist der Begründer des postmodernen Identitätsverständnisses, das immer anderen die Schuld für eigenes Versagen gibt, weil es die Fähigkeit verloren hat, zur eigenen Schuld zu stehen. Doch wie soll eigenes Schuldgeständnis möglich sein, wenn das Gegenüber abgeschafft ist, das einzig Anwalt der Schuld und Anwalt der Gnade ist? Für Freud ist Religion eine Illusion, weil sich ihre Glaubenssätze, etwa die des Christentums nicht rational belegen lassen.

Wer Gott abschafft, verliert den Bezugspunkt zur Schuldfrage, die für uns Menschen nur im allmächtigen, guten, gerechten und unfehlbaren Gott selbst zu finden ist und in der Tatsache, dass er es ist, der seine Geschöpfe ins Leben rief.
 
Der Jude Freud bezeichnete Gott offen als Einbildung, Religion als Wahnidee: „Wenden wir uns (...) wieder zu den religiösen Lehren, so dürfen wir wiederholend sagen: Sie sind sämtlich Illusionen, unbeweisbar, niemand darf gezwungen werden, sie für wahr zu halten, sie zu glauben. Einige von ihnen sind so unwahrscheinlich, so sehr im Widerspruch zu allem, was wir mühselig über die Realität der Welt erfahren haben, dass man sie - mit entsprechender Berücksichtigung der psychologischen Unterschiede - den Wahnideen vergleichen kann. Über den Realitätswert der meisten von ihnen kann man nicht urteilen. Sowie sie unbeweisbar sind, sind sie auch unwiderlegbar. Mit anderen Worten: Der Mensch sehnt sich nach einem unfehlbaren Vater - und erkennt am Ende seiner Kindheit, dass der eigene, menschliche Vater diese Sehnsucht nicht erfüllen kann. Also denkt er sich einen himmlischen, allmächtigen Vater - und glaubt an ihn.“

Freud war einer der ersten, der den Glauben an Gott offen als Einbildung bezeichnete. Entsprechend wird der Erfinder der Psychoanalyse heute gerne von der modernen Hirnforschung zitiert.

Ein ausführlicher Artikel zum 150. Geburtstag von Sigmund Freud steht in FACTUM 5/2006.

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