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Der Mensch des Menschen Wolf

Thomas Hobbes

Thomas Hobbes (1588-1679): "Homo homini lupus", der Mensch des Menschen Wolf.

Eugen Schmid

Es erstaunt in unseren postmodernen Tagen, den Titel „Das Böse“ über einer Philosophie-Tagung zu lesen. Gibt es noch Menschen, die das Böse wahrnehmen und es auch so benennen? Der Philosoph Thomas Hobbes (1588-1679) hat unter dem Eindruck des Dreissigjährigen Krieges den Ausdruck geprägt: Homo homini lupus – der Mensch des Menschen Wolf. Heute, 350 Jahre später, sehen wir uns gerne als zivilisierter an, zumindest, was die Beziehung von Mensch zu Mensch angeht. Doch sind die Menschen wirklich keine Wölfe mehr für ihre Mitmenschen? Oder versucht man lediglich, die menschliche Bestie gezielter zu zähmen? Das waren die Ausgangsfragen der 3. Bieler Philosophietage.

Diese Philosophietage sind keine typischen für die Universitätsphilosophie, sondern sie stehen unter dem Zeichen der populären Version. Das Ziel ist, den „gewöhnlichen“ Menschen anzusprechen und zu ereichen. So finden die Veranstaltungen an öffentlichen Orten wie die Stadtkirche und das Stadttheater statt. Abends geht man sogar in Stadtkneipen in der Form eines Cafés philo mit Publikumsbeteiligung.

Wann und warum ist der Mensch gut oder böse? Das theologische und philosophische Thema „homo homini lupus“ setzt den Akzent auf die direkten Beziehungen zwischen Mensch und Mensch. Die grossen (globalen) Themen lassen sich dabei nicht ausgrenzen. Sie schimmern herein in die Orte, wo die Auseinandersetzungen über folgende Leitfragen stattfinden werden: „Inwieweit darf und kann der Mensch seine Mitmenschen beeinflussen und instrumentalisieren? Welche ethischen Grenzen werden ihm dabei (nicht) gesetzt? Ist Naivität die entscheidende Voraussetzung für einen liebevollen Umgang unter den Menschen?“

Thomas Hobbes hatte ein pessimistisches Menschenbild vertreten. Die Menschen seien nicht durch Beziehungen miteinander verbunden, sondern seien isolative Wesen. Der Kampf jeder gegen jeden liege in der Natur des Menschen. Die evolutionstheoretischen Verhaltensforscher versuchten diesem Gedanken eine empirische Basis zu geben. Und Adam Smith (1723-1790) benutzte das Prinzip der Durchsetzung von Eigeninteressen als Triebfeder für die Wirtschaft - die Marktwirtschaft wurde geboren. In der heutigen Globalisierung gilt auch der Kampf jeder gegen jeden, im Sinne von „Wer beherrscht den Weltmarkt?“.

Der biblische Vers aus dem Schöpfungsbericht „Macht euch die Erde untertan“ ist einer der meist missbrauchten aus der Heiligen Schrift. Denn man wirft dem Christentum vor, es habe die Gesellschaft angeleitet, die Natur zu kultivieren und die Ressourcen auszubeuten. Doch die skrupellose Einstellung, dass alles technisch machbar ist und alles den Interessen der Menschen unterzuordnen ist, ist ein Denken der Aufklärung und der Industrialisierung. Dahinter steckt die Idee, Wohlfahrt für alle zu schaffen. Dafür stehen die englischen Philosophen Adam Smith und Francis Bacon. Mit dem Bekenntnis „Wissen ist Macht“ wollte Bacon die chaotische Natur bannen.

Um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert entwickelte sich eine romantische Gegenbewegung. Durch die Spiritualisierung der Natur, einer vehementen Gesellschafts- und Modernismuskritik, wurde ein Gegenpol geschaffen. Aus dieser Bewegung heraus erwuchs das Gedankengut der nationalsozialistischen Bewegung. Interessant ist, dass wir heute auch wieder eine starke Spiritualisierung und eine ökologische Bewegung beobachten können - wobei beide meist kombiniert auftreten. Im Rahmen des New Age wird die männliche Rationalität, die für die Ausbeutung der Erde verantwortlich gemacht wird, angegriffen und abgewertet. Das New Age und die feministische Philosophie vertreten eine intuitive Haltung zur Natur und propagieren die Einheit des Menschen mit der Natur. Evolutionistische Verhaltensforscher thematisieren nicht nur Kampf und Gewalt in der Natur, sondern zunehmend wird auch die Fürsorge in der Tierwelt beobachtet.

Entscheidend in der pluralistischen Gesellschaft sind primär die Eigeninteressen, das Verhalten des Menschen, speziell das Kaufverhalten - oder kommen auch Werte zum Tragen, welche die Gruppe, die Gemeinschaft und die Gesellschaft betreffen? Erst wenn wir den anderen, die Gruppe und die Gesellschaft in unsere Entscheidungen mit einbeziehen, bekommt unser Menschsein eine eigentliche Tiefe und Wertigkeit. Diese wird auch besonders in der Bibel propagiert. Seinen Nächsten und auch seine Feinde zu lieben beinhaltet eine Ausrichtung unseres Verhaltens auf unsere Umwelt.

Beäugen wir uns kritisch, sehen wir im anderen einen potentiellen Angreifer oder einen potentiellen Freund? Wenn wir den anderen als potentiellen Freund ansehen würden, dann würden wir uns anders verhalten. Wir würden offener, freundlicher und mit Vertrauensvorschuss auf den anderen zugehen. Meint die Bibel mit der Feindes- und Nächstenliebe genau dieses Alltagsproblem? Ist der Nächste unser potentielle Feind oder unser potentielle Freund? Selbst solche Mitmenschen, die sich als unsere Feinde verhalten haben, oder die wir als unsere Feinde halten, sollen wir lieben! Ist das der Sinn der Feindesliebe, dass wir uns die Menschen nicht vom Leibe, auf Distanz halten?

Welche Normen leiten unser Handeln? Aus welchen ethischen Prämissen speisen sie sich ? Der Mensch kann sich im Unterschied zum Tier die unterschiedlichsten Normen für sein Handeln setzen. Nach der Aufklärung und somit der philosophischen Destruktion des christlichen Gottes- und Menschenbildes sind die christlichen ethischen Werte nicht mehr grundsätzlich gültig. Wenn wir einen persönlichen Gott anerkennen, kann er auch ethische Normen vorgeben. Erkennen wir ihn nicht an, dann gilt Nietzsches Wort: „Wer sich selber schafft, hat keine aussenstehenden Normen.“ Der Mensch kann sich dann die Werte setzen, die für ihn opportun erscheinen.

Treten Ideale - das können auch christliche sein – an die Stelle Gottes, so kann unser Gewissen sogar einen Terror der Tugend ausüben. Gewissen sind unterschiedlich gestaltet. So kann die Bibel davon sprechen, dass auf diejenigen Rücksicht zu nehmen ist, die ein sensibles Gewissen haben. Ist das Neue Testament vom Gesetz oder vom Evangelium geprägt? Denn das Gesetz fordert bis hin zum anklagenden Terror. In dieser Beziehung kann der Mensch zum Wolf seines Mitmenschen werden. Oder ist das Prägende des Neuen Testaments das Evangelium, die frohe Botschaft für unsere Seele, die Erlösung von unserer Schuld, die uns somit nicht mehr anklagen kann in Form eines schlechten Gewissens. Durch das Evangelium kann unser Gewissen in Gott ruhen.

Im Stadttheater von Biel wurde ein Theaterstück aufgeführt von Neil LaBute, einem Autor, der zur Zeit in Amerika sehr populär ist. Das Stück heisst „Das Mass der Dinge“. Welches Mass legen wir an unser Verhalten gegenüber dem Mitmenschen an? Inwiefern können wir unsere Mitmenschen manipulieren? Auf der Bühne wird eine Beziehung zwischen einem jungen Mann und einer jungen Frau gezeigt, die sich in einer Kunstausstellung kennen lernten. Bald stellt sich heraus, dass die Frau, Kunststudentin, den Mann masslos beeinflusste und veränderte in seiner äusseren Erscheinung bis hin zu seinem Verhalten. Sie sah ihn nicht als eigenständigen Menschen, sondern als Kunstobjekt für ihre Gestaltungsmöglichkeiten.

Manipulieren und verändern auch wir unsere Mitmenschen? Nehmen wir unseren Mann oder Frau, Freunde und Bekannte als eigenständige Personen wahr, oder versuchen wir sie nach unseren Interessen zu formen? Gross ist die Versuchung sicher in der Ehe. Doch auch in der Kindererziehung muss auf den Unterschied zwischen der legitimen Formung und einer Bevormundung bis hin zur Entmündigung geachtet werden. Wird der Partner, das Kind und der Freund noch in seinem Eigenwert gesehen?

In der modernen Kosum- und Mediengesellschaft werden wir masslos manipuliert. Welche Vorstellungen der Weltinterpretation, der sozialen Welt und der Selbstwahrnehmung werden uns eingeimpft? Wie setzen sich Christen mit solchen Beeinflussungen auseinander? Da der Mensch nicht so ist, wie er eigentlich sein sollte, wird an ihm herummanipuliert. Da die Kinder in der Schule zunehmend Konzentrationsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten zeigen, versucht man durch das Psychopharmaka Ritalin die Kinder ruhig zu stellen. In einzelnen Staaten der USA wird Ritalin schon an ganze Schülergruppen verabreicht. Mit den verschiedensten Psychopharmaka versucht man den Menschen zu manipulieren. Das Antidepressivum Prozac kann Persönlichkeitsveränderungen auslösen. Gesellschaftlich relevante Verhaltensmuster wie Depression, Aggressivität und Selbstmordneigung können damit behandelt werden. Da Frauen häufiger unter Niedergeschlagenheit und geringer Selbstachtung leiden als Männer, ist Prozac in den USA zu einem Symbol des Feminismus geworden. Gefährlich werden die Psychopharmaka, wenn ganze gesellschaftliche Gruppen aus sozialpolitischen Gründen manipuliert werden sollten.

Mit der Biotechnologie verändert man nicht nur genetische Bedingungen der Pflanzen, sondern man beabsichtigt in der Zukunft auch das genetische Material des Menschen zu manipulieren. Zuerst wird mit einer bestimmten Auslese begonnen. Mit der Präimplantationsdiagnostik (PID) lässt sich die genetische Ausstattung der Kinder umfassend kontrollieren. Risikogruppen können so selektiert werden. Eine Frau könnte aus bis zu hundert Embryonen ihr Wunschkind aussuchen. Wir sind auf dem Wege, Designerbabys zu entwerfen.

Der Mensch gerät heute in Versuchung, durch technische Mittel den Menschen zu verändern.
Man konstruiert den sich wohlfühlenden und schmerzfreien Menschen. Christen wissen aber, dass die Menschen nicht das Paradies auf Erden errichten können, sondern erst Jesus Christus wird dieses Ziel erreichen. Vor der Realisierung „des neuen Himmel und der neuen Erde“ wird es auf dieser Erde noch das Tausendjährige Reich geben, in dem Jesus Christus und die Christen regieren werden. Es wird Frieden auf der Erde herrschen und das Böse wird abwesend sein. Doch diesen Zustand kann nur Jesus Christus herbeiführen und nicht das „Christus-Bewusstsein“, wie es heute in den verschiedensten esoterischen Richtungen propagiert wird.

Im Matthäusevangelium 7, 15 steht: „Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen! Inwendig aber sind sie reißende Wölfe.“Hat Thomas Hobbes die Bezeichnung des Menschen als Wolf von dieser Bibelstelle abgeleitet? Die Bibel beschreibt Menschen, die äusserlich so zahm, friedlich und einfältig wie ein Schaf wirken, doch innerlich sind sie reissende Wölfe. Und diese Art von Menschen wollen auch noch Propheten sein. Die Bibel meint mit falschen Propheten religiöse Menschen, die den Menschen innere Heilung, Frieden und Liebe auf Erden versprechen. Und diese falschen Propheten verleugnen, dass Jesus als Sohn Gottes auf die Erde kam, um uns von den Sünden zu erlösen. Sie geben vor, friedliebend zu sein und für die Welt den Frieden zu bringen. Doch Jesus Christus allein kann den Frieden für das menschliche Herz bringen und das Friedensreich auf der Erde errichten (Offb. 20) Die grösste religiöse Manipulation, die es je gegeben hat, erleben wir heute.

Wenn heute Theologen auftreten, die nicht mehr von Schuld und Sünde und somit auch nicht mehr von der Versöhnung Jesu Christi am Kreuz reden, so gehen sie am biblischen Christentum vollkommen vorbei. Das Böse wird in seiner Substanz nicht mehr ernst genommen. Zu diesen Theologen zählen Hans Küng, Karl Rahner und Anselm Grün. Hans Küng verkündet primär ein soziales Evangelium, Karl Rahner ein philosophisches Christus-Bewusstsein und Anselm Grün ein humanistisch-gnostisches Christentum. Es werden andere lebensverändernde Konzepte angeboten als die Versöhnungstat Jesu Christi.

Doch alle manipulativen Anstrengungen des Menschen können den Menschen in seinem Herzen, in der Mitte seiner Persönlichkeit, in seiner Gesinnung nicht verändern. Eine grundlegende Veränderung, eine Bekehrung und Wiedergeburt lehrt die Bibel. Die Bibel schildert den Menschen als böse. „Denn aus dem Herzen kommen hervor böse Gedanken, ...“ (Matth. 15,19) Äusseres Verhalten kann man durch bestimmte Mittel manipulieren, aber die Regungen des Herzens nicht. In der heiligen Schrift ist das Böse im individuellen wie auch im gesellschaftlichen Bereich eine Realität. Doch heute wird darüber nicht gerne geredet, selbst bei Theologen ist dieses Thema nicht gerne gesehen. Deshalb erstaunt es um so mehr, dass auf dieser Philosophietagung das Böse des Menschen behandelt wurde.

Die Bibel lehrt folgenden Weg, wie mit dem Bösen umgegangen werden soll: „So tut nun Busse und bekehrt euch, dass eure Sünden ausgetilgt werden“ (Apg. 3,19) Busse heisst, dass ich mich schuldig sehe gegenüber Gott wegen meiner Sünden und ich mich von meinem falschen Handeln abwenden will. Als Folge der Sündenerkenntnis kann die Bekehrung erfolgen. Und dann erfolgt erst die Taufe. Die Kindertaufe ist etwas anderes, als im biblischen Kontext die Taufe geschildert wird. Allenfalls kann die Kindertaufe als Segnung verstanden werden.

Wir werden heute von verschiedenen Seiten instrumentalisiert und manipuliert. Die Wirtschaft versucht uns Bedürfnisse einzureden, die wir nicht haben, die Wissenschaft versucht uns ein Weltbild zu repräsentieren, das nicht dem biblischen entspricht. Die New Age Bewegung versucht, uns ein neues spirituelles Gottes- und Menschenbild zu vermitteln, das Theologen aufgreifen und mit dem Christentum vermischen. Wir werden von verschiedenen Ideologien und Lebensbewältigungskonzepten betrogen, da sie uns eine heile Welt versprechen. Doch die Kraft und Macht, die Verhältnisse auf dieser Erde grundlegend zu ändern, hat nur Jesus Christus, da er die Macht des Todes und des Bösen besiegt hat. Deshalb seien wir achtsam und beobachten wir die Zeichen der Zeit.

(erschienen in: FACTUM 6/2005)

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