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Frieden oder Friedhofsruhe?
Die Wörter sind die gleichen. Aber meinen alle dasselbe, wenn sie von Freiheit, Respekt, Frieden und Toleranz reden? Vom Umgang mit Sprache in einer multikulturellen Gesellschaft.
Thomas Lachenmaier
Nur Menschen sprechen. Sprache ist mit dem Menschsein untrennbar verbunden. Sprache ermöglicht das Geben von Information, das Empfangen von Wissen. Sprache stiftet Gemeinschaft. Sprache ist die Voraussetzung des menschlichen Zusammenlebens und der wichtigste Träger jeder Kultur. Es ist falsch, anzunehmen, Sprache sei ein «objektives» Medium. Sprache ist auf das Engste mit dem Wertesystem einer Gesellschaft und der Befindlichkeit des individuellen Menschen verbunden.
In Deutschland etwa leben 15 Millionen Menschen aus anderen, meist islamischen Ländern. Was bedeutet es in diesem Zusammenhang, dass Sprache nicht objektiv ist, sondern Überzeugungen die Bedeutung der Worte prägen? Das ist keine Frage für das linguistische Akademikerstübchen. Sie beeinflusst die gesellschaftliche Wirklichkeit und die Politik mehr, als einem um die demokratische Verfasstheit unseres Gemeinwesens besorgten Menschen lieb sein kann.
Worte sind der kleinste Baustein der Sprache und in einer heterogenen Welt konkurrieren verschiedene Bedeutungen derselben Wörter. Nehmen wir als Beispiel das Wort «Freiheit». Nicht jeder versteht dasselbe darunter. Das kann problematisch werden. Womöglich, im schlimmsten Fall, passt sich der Zustand der Freiheit dem Wortverständnis an, das der Gesprächspartner aus seiner Kultur mitgebracht hat.
Das ist keineswegs weit hergeholt, wie das Beispiel zeigt. Das abendländische Verständnis gründet auf der christlich-jüdischen Vorstellung, dass Freiheit sehr eng an individuelle Selbstverantwortung gekoppelt ist. Freiheit ist hier als der Raum definiert, in dem man sich bewegen und entscheiden kann – sofern man den anderen nicht zu dessen Nachteil anrempelt. Freiheit ist also die Wahlmöglichkeit zwischen verschiedenen Optionen, dies aber in individueller, einsichtiger Verantwortung. Erst dadurch wird diese Freiheit zu dem kostbaren Juwel, das sie ist.
Die Freiheit eines Muslim ist aus einem anderen Glaubensgebäude entstanden. Das Wort «Islam» bedeutet bereits Unterwerfung, Hingabe. Freiheit kann hier nur bedeuten, sich in das vorgegebene Raster zu begeben und diesen (engen) Raum zu bespielen. Die Soziologin Necla Kelek hat die Freiheit der gläubigen Muslime als die bewusste Entscheidung definiert, «den Vorschriften des Islam zu gehorchen».
Beispiel «Respekt». Im Deutschen ist das Geltenlassen des Anderen, die Rücksicht auf das Andere gemeint, was ein bestimmtes Mass an Selbstbescheidung einschliesst. Es schwingt auch eine gewisse Hochachtung dem Fremden gegenüber mit.
Respekt kann man sich nach unserem Verständnis auch verdienen. Ein Handwerker, der eine währschafte Arbeit abliefert, sauber und solide, der hat Respekt verdient. Er hat es weniger deshalb verdient, weil er in der Handwerksrolle eingetragen ist, sondern seiner persönlichen, ehrbaren Auffassung wegen.
Wenn Muslime Respekt einfordern, dann liegt dem ein fast gegensätzliches Verständnis zugrunde. Wenn der Mann Respekt von der Frau einfordert, die Familie vom Familienmitglied, der Imam vom Gläubigen, dann bezeichnet «Respekt» die Demutsgeste, mit der sich der Einzelne dem hierarchisch Höheren unterwirft.
Beispiel «Frieden». «Islam ist Frieden» meint einen gesellschaftlichen Zustand, in dem das islamische Verständnis von Freiheit, Toleranz und Respekt keinen Widerspruch mehr findet. Aber das ist, aus christlich-abendländischer Sicht, nicht Frieden, sondern Friedhofsruhe.
Beispiel «Toleranz». Eigentlich bedeutet dieser Begriff, im Bewusstsein des Eigenen (der eigenen Werte, Ansichten) dem Anderen das Andere (an Werten, Ansichten) zu lassen. Inzwischen setzt sich mehr und mehr ein Verständnis durch, das die eigene Wert- haftigkeit preisgibt und so tut, als sei alles nicht nur gleichwertig, sondern in gewisser Hinsicht auch «egal». Wenn sich die Mehrheitsgesellschaft diesen Toleranzbegriff zu eigen macht, dann liefert sie sich dem Verständnis der Minderheit von Toleranz, Respekt und Freiheit aus.
Die Tendenz dazu lässt sich in Europa beobachten: Muslime fordern Toleranz ein und meinen damit, dass ihr Wertesystem hier Anwendung finden soll. Wo Muslime in der Mehrheit sind, führt das dazu, dass es mit Freiheit und Respekt im Sinne des abendländischen Verständnisses schnell sein Ende hat. Der Beleg für diese These findet sich in der gesellschaftlichen Wirklichkeit jedes einzelnen muslimisch dominierten Landes auf dieser Erde. Keines von ihnen, kein einziges, ist nach unserem Verständnis frei, tolerant oder respektvoll gegenüber politischen und religiösen Minderheiten. In Klarheit von einer Sache reden: Das ist heute eine Herausforderung – und eigentlich auch eine geistliche Angelegenheit.
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