Vom Umgang mit Macht
(11. November 2006/factum) - Gott gab dem Menschen Macht, die er nutzen soll. Wir stehen in der Spannung zwischen Machtstreben und Machtgier. Macht kann missbraucht werden. Und – wie begegnet man den Machtmenschen in der eigenen Umgebung?
Martina Kessler
Gott gab den Menschen als seinem Ebenbild Macht (1. Mose 1,28). Die Menschen sollen als Stellvertreter Gottes die Erde beherrschen. «Macht haben» ist hier positiv belegt. Auch wenn von Jesus berichtet wird, er habe Macht und Vollmacht, ist beides positiv gemeint.
Um zu verstehen, wie es zu Machtgier kommen kann, müssen wir uns zuerst mit Macht im allgemeinen auseinandersetzen. Noch einmal: Gott hat dem Menschen Macht gegeben (1. Mose 1,28). Er wollte, dass die Menschen unter seiner Herrschaft Macht ausleben zur Gestaltung der Erde. Im grossen Brockhaus-Lexikon wird Macht wie folgt definiert: «Die Summe aller Kräfte und Mittel, die einem Akteur (…) gegenüber einem anderen Akteur zur Verfügung stehen.» Diese Definition ist wertneutral. Die Tatsache, dass Gott den Menschen Macht gab, ist ebenfalls wertfrei. Psychologische Untersuchungen, die auf Freud und Erikson zurückgehen, erkennen in der Persönlichkeitsentwicklung vier Erscheinungen von Macht: Phase 1: Wer in diesem Stadium verharrt, erlebt Macht von aussen. Phase 2: Macht wird als Selbstverwirklichung erlebt. Phase 3: Macht wird als Einflussnahme auf andere erlebt (negativ als Ausbeutung, positiv als Bereitschaft zur Hilfe). Phase 4: Höhere Autorität ist die Quelle der Macht (z. B. bei charismatischen Führern).
Nietzsche spricht vom «Willen zur Macht». Er sieht darin den Versuch, nach Geltung zu ringen, sie sogar erzwingen zu wollen. Das geschieht aus einer Sphäre der Unsicherheit und des Minderwertigkeitsgefühls heraus mit dem Willen, eine gottähnliche Herrschaft über die Umgebung zu erlangen.
C. G. Jung sagt, dass der «Machtwille ein ebenso grosser Dämon wie der Eros und ebenso alt und ursprünglich» sei. Hat Freud überall den Eros am Werk gesehen, so sah Alfred Adler (1870–1937) die Macht am Werk. Er sah den Willen zur Macht eng verknüpft mit dem Kampf ums Dasein. Dabei dient der Machtwille der Selbsterhaltung. Adler ist dabei nicht einseitig auf Machtwillen festgelegt. Ihm geht es gerade um die Überwindung der Macht, des Ich, durch die nicht minder starke soziale Grundeinstellung. Sein Ziel ist die Gemeinschaft aller Menschen und Völker, hin zum anderen. Er sucht ein Miteinander von Gemeinschaft und Macht.
Alle zitierten Psychologen sind sich darin einig, dass Menschen nach Macht streben. Die Ursache für das Machtstreben der Menschen sehen sie jedoch unterschiedlich. Das Ziel in der von Adler entwickelten Individualpsychologie ist der bedingungslose Abbau des Machtstrebens und die Entfaltung des Gemeinschaftsgefühls. Demnach ist alles Verhalten eines Menschen durch ein Ziel festgelegt: dem Ziel der Überlegenheit, der Macht, der Überwältigung des andern. Daraus resultiert die grundsätzliche Anfälligkeit eines jeden Menschen für Machtgier.
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