Die vorderste Front
Der Konflikt zwischen Israel und radikal-islamischen Gruppen wird vor dem Westen nicht Halt machen. Was der zweite Libanonkrieg mit uns zu tun hat.
Rolf Höneisen
Was war das für ein Krieg? Ein israelischer Kommentator schrieb: «Der 2. Libanonkrieg war anders als die früheren Kriege Israels, anders als es in den Büchern der Kriegsführung steht, anders als erwartet. Ein gerechtfertigter, notwendiger Krieg mit vielen Erfolgen, aber auch ein verwirrter, bitterer Krieg mit vielen Opfern.»
Warum vermochte die israelische Armee die Hisbollah-Milizen nicht aufzulösen? Weil sie unsichtbar, gut ausgebildet und bestens bewaffnet sind. Unsichtbar sind sie, weil sie ihre Uniformen nur nachts, zur Tarnung, tragen. Tagsüber sind sie unsichtbar, weil sie Zivilkleidung tragen und sich unters Volk mischen. Das verleiht ihnen einen entscheidenden Vorteil. Die Hisbollah-Leute entscheiden, wann sie Soldaten sind und wann sie Zivilisten sind.
Noch etwas anderes machte die Hisbollah kaum erkennbar: Sie verfügt über ein weit verzweigtes Tunnelsystem, von den Israelis übernommen und ausgebaut. So tauchten die Kämpfer wie aus dem Nichts auf, feuerten ihre Panzerfäuste ab und verschwanden wieder unter der Erde. Die Hisbollah schoss im Laufe eines Monats fast 4000 Raketen gegen Israel, ohne dass es der israelischen Armee gelungen wäre, die Raketenwerfer zu stoppen. Die Hisbollah ist nicht zu vergleichen mit einer Miliz, die sich aufmacht, um ihr Land zu verteidigen.Allahs Kämpfer griffen den Nachbarstaat an, um ihn herauszufordern, zu zermürben, zu zerstören. Noch ist das nicht gelungen. Die schiitische Hisbollah (Partei Allahs) entstand 1982 mit iranischer Unterstützung während der israelischen Besetzung Libanons. Iran schickte damals mehrere hundert Angehörige revolutionärer Garden nach Libanon, «um gegen die Zionisten zu kämpfen». Die ostlibanesische Bekaa-Ebene mit dem Hauptort Baalbek wurde ihre Hochburg.
Ab 1985 trat die Hisbollah mit Anschlägen in der israelischen Sicherheitszone im Südlibanon in Erscheinung. Hunderte Mitglieder der früheren pro-israelischen Miliz der Südlibanesischen Armee (SLA) und israelische Soldaten kamen bei Hisbollah-Anschlägen bereits ums Leben. Immer wieder schlugen Katjuscha-Raketen und andere Geschosse im Laufe der Jahre in nordisraelischen Siedlungen ein.
Die Kämpfer der Hisbollah werden schon in den Schulen rekrutiert. In abgegrenzten Schulhöfen erhalten Kinder Kampfunterricht. Später werden die Ausgewählten in Trainingscamps im Iran und in Syrien trainiert. Rund 3000 gut ausgebildete Soldaten sollen die Hisbollah-Miliz anführen, die auf an die 5000 Mann geschätzt wird. Es ist Israel schon früher nicht gelungen, die Hisbollah zu ersticken. Im Gegenteil, die Anwesenheit israelischer Truppen im Libanon und der Wille, diese zu vertreiben, machte die ideologisierten Milizionäre nur stärker. Den Abzug Israels feierte die Hisbollah als Sieg. Sofort visierte die Nasrallah-Truppe ein neues, altes Ziel an: die Vertreibung Israels aus der Region.
Die radikalen Islamisten haben sich ganz dem Kampf gegen Israel bis zur Herrschaft des Islam über Jerusalem und bis zur völligen Vernichtung des jüdischen Kleinstaates verschrieben. Irans Präsident Ahmadinedschad spricht offen von der Zerstörung Israels, Syriens Präsident Assad tut das Seine, indem er die Hisbollah mit Waffen beliefert.
In den letzten sechs Jahren rüsteten die schiitischen Kämpfer für Allah mit Kriegsmaterial aus Syrien und dem Iran auf. Wie der israelische Geheimdienst sagt, hätten die Feinde Israels nicht einmal Skrupel gehabt, Flugzeuge aus Syrien, die nach dem grossen Erdbeben im iranischen Bam mit rund 35 000 Toten im Dezember 2003 Hilfsgüter ins Krisengebiet flogen, vollgeladen mit modernen Waffen zurückkehren zu lassen. Unter anderem seien so Langstreckenraketen nach Syrien gebracht worden, von wo aus sie an die Hisbollah weitergeschoben wurden.
Beim israelischen Militär sind auch die russischen Anti-Panzer-Raketen gefürchtet. Sie haben eine grosse Schlagkraft und die Hisbollah versteht deren Handhabung. Auch diese Waffe gelangt über den Iran und Syrien zur Hisbollah. Russland spielt als Waffenlieferant eine wichtige Rolle.
Syriens Armee ist fast vollständig mit russischem Material ausgerüstet, darunter mit den modernsten Jagdbombern MiG-29 und Su-27 und rund 1000 Anti-Panzerraketen «Kornet E». Diese gefürchtete Laser-Lenkwaffe trifft ihr Ziel aus einer Distanz von über fünf Kilometern. Was in Vergessenheit geraten ist: Zehntausende Syrer haben an russischenHochschulen studiert, Tausende von Offizieren erhielten den letzten Schliff an Militärakademien in Russland. 2000 russische Militärberater sollen in syrischen Diensten stehen.
Auch der Iran ist Grosskunde der russischen wie auch der chinesischen Rüstungsindustrie. Es verwundert nicht, wenn sich Russland als ständiges Mitglied des Weltsicherheitsrates gegen jegliche Resolution stellt, die auch nur den Anschein macht, Israel zu bevorteilen. Obwohl die aktuelle UNO-Resolution Nr. 1701 die Entwaffnung und Auflösung der Hisbollah fordert, war schon kurze Zeit nach Beginn der Waffenruhe klar, dass Allahs Kämpfer ihre Waffen höchstens verstecken, aber niemals freiwillig abgeben werden. Für den Hamburger Politologen Matthias Küntzel hängt diese Weigerung mit der Ideologie der Hisbollah zusammen. «Der Dschihad gegen Israel ist die Grundlage ihrer Existenz. Für sie ist Israels Zerstörung nicht verhandelbar, sondern eine religiöse Pflicht. Hisbollah beugt sich nur der Gewalt.»
Ende Juli sagte der Al-Qaida-Mann Al-Zawahri laut und deutlich, dass der Kampf der Hisbollah und der Palästinenser gegen Israel nicht durch einen Waffenstillstand oder ein Abkommen beendet werde. Es sei ein «Heiliger Krieg» für die Sache Allahs, der erst zu Ende sei, wenn ihre Religion gesiegt habe, «von Spanien bis zum Irak». Sind UNO-Truppen in der Lage, die Waffen der Hisbollah einzusammeln? Wenn, dann wäre das eine grosse Überraschung. Zwei Selbstmordattentate der Hisbollah im Jahr 1983 hatten ausgereicht, um die USA und Frankreich zu vertreiben. Die Unifil-Truppen, seit bald sechs Jahren im Südlibanon stationiert, machten kaum Anstalten, die Resolutionen durchzusetzen. Die UNO hatte in der Vergangenheit null Chance gegen die Hisbollah. Dank Israels Mut, die Hisbollah-Stellungen unter hohem Verlustrisiko zu bekämpfen und erfolgreich zu schwächen, hätten die internationale Gemeinschaft und die libanesische Armee jetzt die Möglichkeit, neue Verhältnisse zu schaffen.
Der Waffenstillstand rettete die Hisbollah. Sofort verkündigte ihr Führer Nasrallah den grossen «Sieg». Dann versprach er den Wiederaufbau der zerstörten Häuser, finanziert von der Hisbollah. Das Geld aus dem Iran ist ihm dafür so sicher wie der nächste Angriff auf Israel.
Nach dem Rückzug von Israel aus dem Südlibanon und aus dem Gazastreifen wurde offensichtlich, dass nicht die israelische «Besetzung» dieser Gebiete Grund für den Terror ist. Es geht nur vordergründig um Libanon, Gaza und die Palästinenser. Die aggressiven, totalitären Islamisten wollen nicht nur eine Veränderung von Israels Politik, sondern die Zerstörung des jüdischen Staates – und ihre Ambitionen reichen weit darüber hinaus.
Die europäische Missbilligung von Israels Feldzug als «unverhältnismässig» zeigt, dass wir nicht begreifen wollen, worum es im Nahen Osten geht: Israel soll vernichtet werden. Darauf hat Israel – mit Recht – heftig reagiert. Immer deutlicher werden nun aber die warnenden Stimmen, die beschwören, dass hinter der Kulisse des Libanonkriegs sich etwas weit Grösseres, weit Dramatischeres verberge. Als der iranische Präsident Ahmadinedschad im Oktober 2005 den Holocaust leugnete und die Eliminierung Israels erstmals lautstark propagierte, fügte er hinzu: «Wir stehen inmitten eines historischen Krieges, der seit Hunderten von Jahren andauert.» (Anmerkung: Das heisst nicht erst seit der Staatsgründung Israels 1948!) «Der gegenwärtig in Palästina stattfindende Krieg», so Ahmadinedschad, sei nichts weiter als «die vorderste Front der islamischen Welt gegen die Welt der Arroganz». Und er fährt fort: «Wir müssen uns die Niedrigkeit unseres Feindes bewusst machen, damit sich unser heiliger Hass wie eine Welle immer weiter ausbreitet.»
Thomas Küntzel ist überzeugt: «Dieser ‹heilige Hass› ist bedingungslos. Er lässt sich durch keine Variante jüdischen oder nicht-jüdischen Verhaltens – sofern es sich nicht um die totale Unterordnung unter Scharia und Koran handelt – abmildern. Diesem ‹Hass› ist mit Israels Vernichtung kein Genüge getan. Auch die Welt des Unglaubens – die Welt der ‹Arroganz› gegenüber Gott – soll daran glauben. Der genozidale Hass soll sich unaufhaltsam wie eine Welle und ‹immer weiter›, letztlich global, verbreiten. Als Hilfsmittel kündigt die iranische Führung die Entsendung Tausender schiitischer Selbstmordattentäter in alle Himmelsrichtungen an.»
Wer bereit ist, dem iranischen Präsidenten zu glauben – und wir tun gut daran –, dann waren es die israelischen Streitkräfte, die sich unter hohem Risiko diesem Welteroberungsprogramm an vorderster Front entgegenstellten. Etwas mehr Solidarität mit Israel würde Europa gut anstehen.
In einem Essay unter dem Titel «Wir kapitulieren!» denkt Henryk M. Broder laut über eine Frage nach, die man bislang wegen politischer Inkorrektheit nicht stellen durfte: «Sind Respekt, Rücksichtnahme und Toleranz die richtigen Mittel im Umgang mit Kulturen, die sich ihrerseits respektlos, rücksichtslos und intolerant gegenüber allem verhalten, was sie für dekadent, provokativ und minderwertig halten, von Frauen in kurzen Röcken bis hin zu Karikaturen, von denen sie sich provoziert fühlen, ohne sie gesehen zu haben?»
Broder erinnert damit an den «Karikaturenstreit», in dem europäische Länder erstmals dem Druck islamischer Proteste nachgaben.5 Im Kontext des «Kampfes der Kulturen» sei dies eine Probe für den Ernstfall gewesen: «Die Muslime haben bewiesen, wie schnell und effektiv sie Massen mobilisieren können, und der freie Westen hat gezeigt, dass er der islamischen Offensive nichts entgegenzusetzen hat – ausser Angst, Feigheit und der Sorge um seine Handelsbilanz. Nun wissen es die Islamisten, dass sie es mit einem Papiertiger zu tun haben, dessen Gebrüll nur vom Band kommt.» Träfen Fundamentalisten nicht auf Widerstand, würden sie immer entschlossener auftreten. Deshalb hielten die muslimischen Fundamentalisten den Westen zu Recht für schwach, dekadent und nicht einmal bedingt abwehrbereit.
Es sei nicht der Respekt vor anderen Kulturen, der das Verhalten der Menschen bestimme, schreibt Broder, sondern «das Wissen um die Rücksichtslosigkeit der Fanatiker, mit denen man es zu tun hat. Je wilder und brutaler sie auftreten, umso eher verschaffen sie sich Gehör und Respekt». Und die Europäer gingen dem Ärger eben lieber aus dem Weg, ein Verhalten, das in diesem Fall fatal enden könnte. Jedes Zurückweichen werde von den Dschihadisten unter Europas Muslimen «als Zeichen der Schwäche einer dekadenten, sturmreifen Zivilisation» betrachtet.
Hisbollah-Führer Nasrallah wollte mit seiner provokanten Raketensalve vom 12. Juli zeigen, dass die satte israelische Gesellschaft mit ihrem Wunsch nach Ruhe und Wohlstand nicht mehr gewillt ist, einen Krieg zu riskieren. Er lag falsch. Israel bewies erneut Stärke und Mut, indem es scharf auf die Bedrohung des Landes reagierte. «Unproportional» lautete der europäische Kommentar. Proportional wäre eine zahlenmässig gleich grosse israelische Raketensalve gewesen, die ohne Rücksicht in libanesische Wohnviertel gejagt worden wäre. Wie hätten dann die Schlagzeilen gelautet?
Lesen Sie den ganzen Artikel in der Printausgabe von FACTUM 6/2006.
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