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Das digitale Wahrheitsministerium

Google digitalisiert das Weltwissen. Kritiker warnen vor einer «Informationsdiktatur im demokratischen Kleid». Das informationelle Selbstbestimmungsrecht wird dadurch gefährdet.

Thomas Lachenmaier

Google, einer der grössten Anbieter für Internetdienste in der Welt, begann 2004 damit, die Bücher amerikanischer Bibliotheken zu scannen – mit dem Ziel, die Werke ins Internet zu stellen. Der erklärte Anspruch ist, sämtliche Bücher zu scannen, die jemals gedruckt wurden. Die deutsche «Verwertungsgesellschaft Wort», die sich um die Rechte von Autoren kümmert, schätzt, dass Google bereits sieben Millionen Bücher eingescannt hat – ohne einen einzigen Autor oder Verlag um Erlaubnis gebeten zu haben.

Google’s Projekt einer digitalen Bibliothek kommt einer universalen Enteignung gleich und ist ein Frontalangriff auf die Freiheitsrechte und Eigentumsrechte von Autoren und Wissenschaftlern. Die amerikanische Rechtsprofessorin Pamela Samuelson warnt, Google schaffe ein «Monopol der Bewusstseins­industrie». Der Börsenverein des deutschen Buchhandels sagt, Google trete an, die weltweite Wissens- und Kulturverwaltung zu übernehmen.

Buchautoren wehren sich. Es gelang amerikanischen Autoren aber nur, mit dem Weltkonzern einen Vergleich abzuschliessen, das «Google Book Settlement», in dem festgehalten wird, dass sie eine (minimale) Entschädigung erhalten. Der Germanist Roland Reuss wertet diese Zahlungen als «lächerlich, ein Schweigegeld, mit dem eine kriminelle Aktion grossen Ausmasses nachträglich legalisiert werden soll». Die Digitalisierung ohne Zustimmung sei mit «der Plünderung der Lagerräume» eines Fabrikbesitzers vergleichbar.

Fast 1600 Autoren haben einen «Heidelberger Appell» unterzeichnet, in dem sie gegen Google protestieren. Zu dem Recht jedes Autors gehört es normalerweise, darüber zu entscheiden, ob, wann, wo, in welchem Umfeld und zu welchen Bedingungen ein Werk von ihm veröffentlicht wird. Diese Freiheit ist durch die Google-Praxis abgeschafft. Diese Missachtung des Rechts auf geistiges Eigentum und des Urheber-Rechtes nimmt den Autoren auch die Möglichkeit, für ihr Werk entlöhnt zu werden. Das Prinzip des «Open Access» sieht vor, dass die Werke im Internet zugänglich gemacht werden.

Wenn sich erst einmal das E-Book durchgesetzt hat, ein Kleincomputer, auf den man Buchtexte herunterladen und lesen kann, dann werden sich viele Leser Bücher schwarz kopieren – so wie es schon jetzt mit Musik geschieht.

Was sich zunächst nach einem demokratischen Zugang für jedermann anhört, läuft auf die Abschaffung der Autorenschaft hinaus. Niemand, der einen Text aus dem Internet herunterlädt, wird sicher sein können, dass er tatsächlich das liest, was der Autor geschrieben hat, meint die Schriftstellerin Julia Franck. Aus Google’s Digitalisierung könne eine «Informationsdiktatur im demokratischen Kleid» werden.

Diese Befürchtung ist nicht von der Hand zu weisen. Das informationelle Selbstbestimmungsrecht kann mit den digitalen Möglichkeiten abgeschafft werden:
  • Konzentration des Wissens und der Information in einer Hand.
  • Die Reglementierung des Zugangs zu Wissen: Wer zu welchen Informationen Zugang bekommt, kann gesteuert werden.
  • Kontrolle der Wissensnutzung: Wer interessiert sich für was?
  • Information kann verfälscht werden. Die digitale Technologie macht es leicht, Texte nach bestimmten Kriterien zu durchforsten und zu verändern.
George Orwell beschrieb diese Praxis in «1984». Allerdings war das da noch ein unendlich aufwendiges Verfahren. Jedes Buch wurde vom «Wahrheitsministerium» kontrolliert und der Inhalt entsprechend der offiziellen Doktrin gefälscht.

Im Gegensatz zu einer Zeitung oder einem (guten) Buch liefert das Internet kein Wissen, sondern «lediglich Information», sagt Heinz Bude, Professor für Soziologie, an der Uni Kassel. «Ohne Autor gibt es kein Wissen», so der Germanist.

Der Name des Autors «markiert die Stelle, an der aus dem Meer der Informationen eine Insel des Wissens entstanden ist». Der Autor mache sich durch seine Bewertungen, durch seine kreative Leistung angreifbar, «aber genau dadurch beglaubigt er Wissen». Erst «der Akt der Bewertung» mache Information zu Wissen, so Bude. Durch den Autor werde eine Bewertung «kenntlich». Erst «bewertetes Wissen», für das bestimmte Autoren oder eine vertrauenswürdige Redaktion mit ihrer Seriosität bürgen, ist ein Wissen, das Wert hat.

Durch das Internet wird die Autorenschaft – und auch die redaktionelle Verantwortlichkeit – faktisch aufgehoben. Die Digitalisierung der Information beraubt sie ihrer Beglaubigung. Das gilt übrigens auch für die Fotografie. 

Durch die beliebige Veränderbarkeit der Texte entsteht das Potential zu einer «totalitären Propaganda», schreibt ein Autor, der den Heidelberger Appell unterstützt. Es besteht die Gefahr einer Monopolisierung des Weltwissens.

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