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"Im Geist Chenrezigs getauft"

Martin Kamphuis
Kamphuis: "Anrufen von Nicht-Geistern."

Ex-Buddhist Martin Kamphuis über Nicht-Geister, das asiatische Lächeln und die buddhistische Illusion.

Factum: Im Oktober 2002 war die neue Stadthalle in Graz knapp fertig gebaut und schon reiste der Dalai Lama an, um sie mit einem Kalachakra-Ritual einzuweihen. Dasselbe geschieht jetzt in Zürich. Der Umbau des Hallenstadions ist kaum beendet und als erster Benutzer kündigt sich der Dalai Lama an. Offensichtlich sind ihm Einweihungen grosser Versammlungsorte wichtig oder ist das reiner Zufall?
Kamphuis: Durch die rituelle Einweihung oder Einsegnung von Gebäuden glauben tibetische Buddhisten, eine Veränderung im geistigen Kontinuum des Raums vorzunehmen. Sie rufen Beschützer des Dharma an. Diese sollen die Gedanken, auch diejenigen späterer Besucher des Hallenstadions, auf den buddhistischen Erleuchtungsgeist ausrichten. Segen oder Glück stehen für Buddhisten immer in Verbindung mit dem Ziel: die Leere, Buddha, Nirwana oder Erleuchtung.
Allein die Anwesenheit des Dalai Lama im erneuerten Hallenstadion ruft – nach buddhistischem Verständnis – dieses Bewusstseinskontinuum hervor, das in Verbindung steht mit dem Erleuchtungsgeist. «Zufälligkeiten» bei der Erstnutzung öffentlicher Gebäude bestehen für den Dalai Lama nicht. Er wird es als eine Ehre beschreiben, erster Nutzer des erneuerten Stadions sein zu dürfen. Vielleicht betrachten es die Verantwortlichen des Hallenstadions ebenfalls als ehrenvoll, die «segnende Wirkung» des Dalai Lama im Stadion zu erlauben.

Factum: Worin besteht ein buddhistisches Einweihungsritual? Wer wird da um Segen angerufen?
Kamphuis: Am 10. August wird der Dalai Lama laut Programm eine Chenrezig-Einweihung veranstalten. Chenrezig ist ein tausendarmiger Bodhisattva. In jeder seiner 1000 Hände ist ein Auge, was seine Allsehendheit bezüglich der Leiden aller Wesen ausdrückt. Er heisst «Bodhisattva des Mitgefühls» und der Dalai Lama soll eine Inkarnation Chenrezigs sein, wie er auch eine Inkarnation der aggressiveren Buddhaform Kalachakra sein soll. Für tibetische Buddhisten besteht darin kein Widerspruch.
In diesem Einweihungsritual werden Menschen spirituell in das geistige Kontinuum des mitfühlenden Buddhas eingeführt. Sie werden durch ein vorgeschriebenes Ritual sozusagen im Geist des Chenrezigs getauft. Dieser Geist wird um Segen angerufen, wobei er als Wesen aus der Buddhafamilie eigentlich keine Persönlichkeit, kein Geist, nach unserem Verständnis ist. Er ist ein Nicht-Geist oder – wie in der Bibel öfters erwähnt wird – ein Nicht-Gott, hinter dem eine dämonische Realität steckt.

Factum: Nimmt der westliche, am Buddhismus interessierte Mensch die dunkle Seite des buddhistischen Kults überhaupt wahr? Was für Christen Dämonenverehrung ist, beschreibt der Buddhist als «Manifestation des erleuchteten Bewusstseins». Wer kann die Geister unterscheiden?
Kamphuis: Die Unterscheidung der Geister ist erst demjenigen möglich, der den Geist Gottes empfangen hat. Dafür wird im Neuen Testament folgender Massstab gesetzt: «Jeder Geist, der Jesus Christus, im Fleisch gekommen, bekennt, ist aus Gott» (1. Johannes 4,2).
Der Mahayana-Buddhismus spricht zum einen von einem Erleuchtungsgeist und zum anderen davon, dass niemand diesen Geist wahrnehmen kann. Ein Meister oder Adept kann sich nur in diesem Geist verlieren. Dann wird niemand mehr da sein, der den Geist noch wahrnimmt. So kann Chenrezig zwar als «Manifestation des erleuchteten Bewusstseins» verehrt werden ...

Factum: Wie sieht eine solche Verehrung aus?
Kamphuis: ... beispielsweise so, dass ständig sein Mantra rezitiert wird. Doch anderseits soll Chenrezig als wesenlos, das heisst ohne eigenständige Existenz, gesehen werden. Jetzt muss man wissen, dass im christlichen Sinne alles Verborgene oder Getarnte, alles Okkulte Finsternis ist, also dämonisch. Nur was aufgedeckt oder offenbart ist, ist Licht. Gott hat sich sichtbar in seinem Sohn offenbart. Sogar der Geist Gottes erschien zu bestimmten Zeitpunkten sichtbar, z. B. in Form einer Taube oder als zerteilte feurige Zungen.

Factum: Der Buddhismus richtet sein Hauptaugenmerk nicht auf die Anbetung des Schöpfers, sondern sucht die Antworten im Menschen selbst. Damit kann diese Religion vom Grundsatz her nicht mit dem Christentum harmonisiert werden. Das scheint kaum bekannt zu sein. Fehlt es hier nicht an Aufklärung und Abgrenzung seitens der Kirchen?
Kamphuis: Der Dalai Lama hat die Unvereinbarkeit der beiden Religionen klar erkannt, indem er sagte: «Da jedoch der Buddhismus keinen Schöpfergott oder persönlichen Erlöser kennt, warne ich vor Leuten, die sich ‘buddhistisch-christlich’ nennen.» Umso verwunderlicher ist es, dass viele leitende Vertreter der Kirche diese klare Beobachtung nicht zu teilen scheinen. Da vergleicht man lieber Ähnlichkeiten zwischen den Tugenden und Praktiken der beiden Religionen, wie z. B. Geduld, Liebe, Gebet etc., als dass die unvereinbaren Ansätze und Ziele der Religionen klar herausgestellt und formuliert werden. Vielleicht brauchen viele Vertreter der Kirchen tatsächlich erst selbst Aufklärung über die Unterschiede der Religionen?

Factum: Während Staatsmänner und andere Religionsführer zum Teil massiver Kritik ausgesetzt sind, scheint der immer lächelnde, jetzt 70-jährige Dalai Lama davon ausgenommen. Wären alle so wie er – so meinen viele –, hätten wir Frieden auf Erden. Warum teilen Sie diese Meinung nicht?
Kamphuis: Aus zwei Gründen. Erstens: Lächeln ist in der asiatischen Kultur nicht unbedingt ein Zeichen von Frieden. Nach dem in Zürich zugrunde gelegten Lehrtext soll der Adept fortwährend bedenken, dass er ohne Selbst ist, einer Illusion gleich. Darin soll er geistige Freiheit erlangen, in der er andauernd lächeln und von Wut gezeichnete Züge vermeiden soll. Zweitens: In den Schriften des Kalachakra-Tantra steht, dass der Weltfrieden erst nach einem grossen Weltkrieg erreicht werden kann, aus dem ein buddhistischer König namens Rudra Chakrin siegreich hervorgehen und dann die Welt regieren wird. Buddhismus, vor allem in der Form des Kalachakra-Tantra, wird dann als Weltreligion eingeführt werden.
Weil der Dalai Lama das Kalachakra-Tantra als eines der wichtigsten Lehrsysteme anerkennt und er selbst eine Inkarnation Kalachakras sein soll, ist anzunehmen, dass er Frieden letztlich im Sinne dieses Textes sieht, also ein Friede unter Ausschluss anderer religiöser Vorstellungen, ganz sicher jener Religionen, welche die Existenz eines Gottes voraussetzen.

Factum: In einem Ihrer Bücher schreiben Sie, dass der Buddhismus gerade mit der friedvollen Fassade auch politische Machtansprüche geltend mache und seinen Einfluss weltweit verstärke. Die Situation des isolierten Tibets scheint Ihrer These allerdings zu widersprechen.
Kamphuis: Der Dalai Lama bedauert zwar ständig, nicht mehr in seinem Land leben zu können, aber er meint dann lächelnd, das hätte auch etwas Positives – dadurch habe er mehr von der Welt gesehen als alle seine Vorgänger. Tatsächlich wurde die Lehre des Buddhismus durch die erzwungene Flucht aus Tibet in alle Welt gebracht. Der Dalai Lama hielt viele Einweihungsrituale, gerade in der westlichen Welt. Diese tantrischen Rituale, die oft auch mit dem Legen von Mandalas zusammengehen, erheben auf magischer unsichtbarer Ebene einen Machtsanspruch über die Gegend, wo das Ritual stattfindet. Sie erwarten, dass dies zu gegebener Zeit auch politisch und religiös sichtbar wird.
Buddhisten erkennen wahrscheinlich bereits im grossen Interesse westlicher Politiker und der zunehmenden Popularität des Buddhismus eine transformierende Wirkung.

Factum: Die Begegnung mit dem Dalai Lama muss eindrucksvoll sein. Sie selbst schrieben: «Seine Ausstrahlung hob mich über jedes Realitätsbewusstsein hinaus». Das klingt doch ziemlich abgehoben ...
Kamphuis: Ja, es war abgehoben. Ich fühlte keine Schuld, kein Leid und keine Schmerzen mehr. Meine Alltagsprobleme schienen wie Schnee in der Sonne weggeschmolzen zu sein.

Factum: Wie erklären Sie sich diese Wirkung?
Kamphuis: Im buddhistischen Denken ist Realitätsverlust die Voraussetzung zur Erleuchtung. Alles, was wir in und um uns wahrnehmen, gilt als Illusion. Tiefste Ursache allen Leidens soll die falsche Annahme sein, dass Phänomene wirklich existieren. Die Gegenwart des Dalai Lama schien mich in das ersehnte Erleuchtungsbewusstsein hineinzuheben.
Doch schon bald nach der Begegnung mit ihm erloschen die abgehobenen Gefühle. Sie spornten mich aber an, so viel zu meditieren wie der Dalai Lama, in der Hoffnung, einmal für immer in diesem Zustand verweilen zu können.

Factum: Sie sind aus dem Buddhismus ausgestiegen. Wenn Sie drei Minuten Redezeit im Hallenstadion hätten, was würden Sie zu den 10 000 Dalai-Lama-Besuchern sagen?
Kamphuis: In der Annahme, dass viele Besucher noch keine überzeugten Buddhisten sind, würde ich zum Beispiel sagen, dass ich über sieben Jahre überzeugter Buddhist war und unter anderem auch vertrauensvoll in die Lehren des Dalai Lama und den Geist des Buddhismus eingetaucht war. Und das, obwohl der Buddha lehrte, dass wichtige Lehren und Aussagen wirklich geprüft werden müssen. Doch erst nachdem ich durch Jesus Christus die Realität Gottes kennen lernte, fing ein ehrliches Prüfen der Lehren des Buddhismus bei mir an. Am Anfang dachte ich noch, beide Religionen miteinander verbinden zu können. Je länger ich dies versuchte, umso mehr kam ich in einen Zwiespalt. Entweder war mein Ziel, mich in der Leere aufzulösen oder aber den lebendigen Gott anzuerkennen und mich in einer Beziehung zu ihm zu sehen.

Factum: Mit anderen Worten, Sie würden auf die Unterschiede zwischen Christentum und Buddhismus hinweisen?
Kamphuis: Ja. Als Buddhist wurde ich aufgefordert, meine Persönlichkeit völlig aufzugeben. Durch Christus stellte ich fest, dass mir als Geschöpf Gottes eine einmalige Persönlichkeit geschenkt worden war. Dies zu verleugnen, würde bedeuten, den Schöpfer zu verleugnen.
Buddhismus und Christentum sind zwei verschiedene Wege, mit zwei verschiedenen Zielen. Entweder sind wir tatsächlich Illusion und kommen durch das Entwickeln oder Empfangen von Erleuchtungsgeist zu jenem Punkt, wo wir uns selbst in der Leere auflösen. Oder wir sind Geschöpfe Gottes, die sich aus Liebe und Dankbarkeit zu ihm wenden und in ihm Befreiung finden. In der Person Jesus Christus ist Gott zu uns gekommen.

Factum: Wo stiessen Ihre Meditationsübungen auf dem buddhistischen Weg an eine Grenze?
Kamphuis: Obwohl ich versuchte, mich selbst aufzulösen und alles als Illusion zu betrachten, obwohl ich den Buddhawesen Opfer darbrachte und ihnen meine Sünden nicht verheimlichte, liess sich die Tatsache meiner Schuld nicht aus meinem Leben verdrängen. Erst die Gegenwart von Jesus Christus in meinem Leben liess einerseits die Tatsache meiner Schuld aufleuchten, andererseits sagte er aber: «Ich vergebe dir. Deine Schuld ist durch meinen Tod gesühnt.» Dann erst kam ich zur Ruhe.

Factum: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Interview: Rolf Höneisen

Martin Kamphuis war praktizierender Buddhist. Durch ein besonderes Erlebnis entschied er sich für ein Leben mit Jesus Christus. Im Buch «Buddhismus auf dem Weg zur Macht?» geht er zusammen mit seiner Frau Elke den buddhistischen Machtansprüchen vor dem Hintergrund des Tantra-Buddhismus nach. Martin und Elke Kamphuis geben Seminare, halten Vorträge und unterrichten an Bibelschulen. Ihre freiberufliche Tätigkeit wird durch den Verein «Gateway» unterstützt, den sie gemeinsam mit einer Gruppe von Christen gegründet haben. Gateway

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