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Der Terror und die westliche Welt

Die islamische Weltsicht unterscheidet sich radikal von der des Westens. Der Prophet Mohammed ruft alle Menschen auf, sich dem Islam zu unterwerfen.

von Christine Schirrmacher

Wer in den letzten Wochen muslimische Stimmen zu den Anschlägen gehört hat, welche die Anschläge nicht verurteilten, der hat wahrscheinlich auch verwundert festgestellt, dass es auf islamischer Seite ernsthaft vorgebrachte Erklärungsmodelle gibt, nach denen die Anschläge vom "Weltzionismus", vom "Mossad" oder "von der CIA" oder der "amerikanischen Mafia" verübt worden seien. "Sie wollen jetzt die Katastrophe der arabischen Welt anhängen", äusserte ein Ägypter in einem Interview. Dies ist keine Aussenseiterposition, sondern die Ansicht vieler Muslime im Nahen und Mittleren Osten. Sie sagen, Amerika oder Israel hätten die Anschläge selbst inszeniert, um auf militärischem Wege gegen die islamische Welt vorgehen zu können.

Die islamische Weltsicht unterscheidet sich radikal von der des Westens. Schon im Koran findet die sich von Juden und Christen abgrenzende Auffassung, Muslime seien "die beste Gemeinschaft, die unter den Menschen entstanden ist" (3,110). Muhammad, "das Siegel der Propheten", verkündige den Islam, der auch schon von Adam, Abraham, Mose und Jesus verkündigt wurde. Muhammad rief alle, auch die Christen, zum wahren Glauben, dem Islam, zurück. Der Islam wird als Urreligion der Menschheit aufgefasst, als Religion also, die von Ewigkeit bestand und in Ewigkeit als Einzige bestehen wird, denn: "Die Religion bei Gott ist der Islam" (3,19).

Wer islamistischem Gedankengut folgt und die Aufrichtung der islamischen Ordnung auf der ganzen Erde auch mit Gewaltanwendung für gut heissen will, der findet dafür im Koran und in der islamischen Geschichte entsprechende Anweisungen und Beispiele. Der Begriff "Islam" ist nicht mit "Frieden" zu übersetzen, sondern bedeutet "Unterwerfung", "Ergebung", "Auslieferung". Ein "Muslim" ist ein Mensch, der sich Gott und seinem Willen unterwirft. Eine Verbindung von "Islam" mit "salam" (Frieden) ist trotz der gleichlautenden arabischen Radikale(s-l-m) inhaltlich nicht zu belegen. Wenn Muslime auf diese vermeintliche Verbindung hinweisen, ist das als "Da’wa" zu bewerten. "Da’wa" bedeutet "Ruf" oder "Einladung" zum Islam und bezeichnet das missionarische Bemühen im Islam, das zu seiner Ausbreitung beiträgt. Dazu gehört auch, dem Islam ein positives Image im Westen zu verschaffen, bzw. gegen negative Darstellungen zu protestieren.

Für politisch denkende Muslime ist es unannehmbar, dass der Westen und nicht die islamische Welt die wirtschaftliche und militärische Vorherrschaft innehat. Die westliche Welt hat aus dem Blickwinkel islamistischer Kräfte dazu weder die religiöse noch die moralische Berechtigung. Das mit dem Westen identifizierte Christentum gilt als vorübergehende Erscheinung. Der Islam gilt als die beste, vernünftigste, reinste, gottgefälligste und moralischste Religion der Erde.

In moralischer Hinsicht besitzt der Westen diese Berechtigung deshalb nicht, weil Islamisten sich intensiv mit der allgegenwärtigen und – aus ihrer Sicht verabscheuungswürdigen – Unmoral (Homosexualität, Prostitution, Abtreibung, Scheidung, Zerfall der Familie u. a. m.) des Westens auseinander setzen. Sie schliessen daraus, dass der Islam für diese sinnentleerte, orientierungslose, pluralistische, gottlose Gesellschaft, die sich selbst immer mehr in den Abgrund reisst, die Antwort sei. Der Westen ist in den Augen vieler islamistischer Gruppierungen reif für die Übernahme durch den Islam. Nur in den Mitteln, wie dies geschehen soll, unterscheiden sich die unterschiedlichen islamischen Gruppierungen: Manche betreiben friedliche Mission, andere kämpfen für die Anerkennung und Gleichberechtigung des Islams neben den christlichen Kirchen; wieder andere sind der Auffassung, es sei an der Zeit, die "ungerechte" und "unrechtmässige" Herrschaft des Westens abzulösen, zur Not auch durch bewaffneten Kampf.

Eine weitere, weitgehend unbekannte Denkvoraussetzung islamistischer wie terroristischer Kräfte liegt im tief empfundenen Gefühl der Unterlegenheit und des Gedemütigtseins der islamischen Welt durch die westliche Welt. Noch geprägt von der Zeit des Kolonialismus, der als unmittelbare Fortsetzung der Kreuzzüge empfunden wurde, sind heute viele Muslime der Auffassung, dass die USA auf mancherlei Weise diese Eingriffnahme in die islamische Welt wiederholt und fortsetzt. Diese Auffassung scheint bestätigt zu werden, wenn die USA z. B. durch Waffenlieferungen an untereinander verfeindete islamische Gruppierungen in innerislamische Konfliktherde eingreift, wie es zur Zeit der sowjetischen Invasion in Afghanistan geschah, als die USA die Taliban unterstützte, die sie jetzt bekämpft. Aber auch wirtschaftliche und infrastrukturelle Hilfs- und Aufbauleistungen werden von vielen vorwiegend als Demütigung empfunden.

Ein Höhepunkt dieser fortgesetzten Demütigung war die Unterstützung Saudi-Arabiens im Golfkrieg 1991. Dass überhaupt eine westliche Militärmacht den Boden Saudi-Arabiens betreten durfte, ausgerechnet jenes Land, das die beiden heiligen Stätten Mekka und Medina beherbergt, versetzte der saudi-arabischen Bevölkerung, die von der Aussenwelt, insbesondere der westlichen Welt, nach wie vor sehr abgeschieden lebt, einen Schock.

Die amerikanischen Soldaten kamen als Nichtmuslime, als Christen, die Bibeln besassen, deren Besitz in Saudi-Arabien verboten ist, die vielleicht Blut, Schweinefleisch und Alkohol mit sich führten, die das Land rituell verunreinigten, in unehelichen Beziehungen lebten, die saudi-arabischen Kleidungsvorschriften nicht beachteten und sogar Frauen als Soldatinnen mitbrachten, die Auto fuhren, was saudischen Frauen damals völlig verboten war. Saudi-Arabien befand sich in dem Dilemma der Hilfsbedürftigkeit gegenüber dem Westen und dessen gleichzeitigen moralischen Verurteilung.

In derselben Zwickmühle befindet sich jetzt Pakistan. Pakistans Regierungschef Perwez Musharraf sucht den Anschluss an den Westen, muss aber dem eigenen Volk und einer grossen islamistischen Mehrheit erklären, warum er die Verbrüderung mit einer westlichen Regierung der islamischen Brüderlichkeit mit Afghanistan den Vorzug gibt.

Osama Bin Laden äusserte sich folgendermassen zum amerikanischen Eingreifen im Golfkrieg: "Zweifellos ist dieser hinterhältige Überfall ein Beweis dafür, dass Grossbritannien und Amerika im Auftrag Israels und der Juden handeln und den Juden den Weg ebnen, die moslemische Welt erneut zu spalten, sie zu versklaven und zu plündern ... Nun trifft man in dem Land, wo Mohammed geboren und ihm der Koran offenbart wurde, überall auf Ungläubige. Die Situation ist sehr ernst. Die Regierenden haben ihre Macht verloren. Moslems sollten daher tun, was ihre Pflicht ist, denn die Regierenden dieser Region haben sich mit der Invasion ihrer Länder abgefunden. Doch gehören diese Länder dem Islam und nicht denen, die dort herrschen." Aus diesen Worten spricht die Ohnmacht des Gedemütigten angesichts der "Invasion" einer unrechtmässigen Herrschermacht.

Kein Wunder, dass aus muslimischer Sicht Israel als jüdischer Staat vor dem Hintergrund der Verachtung des Korans für die Juden, die unter dem Schutz der Weltmacht Amerika stehen, ein Dorn im Auge ist. Es formieren sich Weltverschwörungstheorien, die, isoliert betrachtet, unerklärlich scheinen, aber aus der Weltsicht islamistisch-extremistischer Gruppen nachvollziehbar werden.

Die westliche Überlegenheit und die Hilfsbedürftigkeit der islamischen Welt wird dort weithin als Gesichts- und Ehrverlust empfunden. Wodurch die Ehre eines Menschen in der islamischen Welt bedroht wird und was es dort bedeutet, seine Ehre zu verlieren, kann hierzulande kaum nachvollzogen werden. Die Ehre zu wahren ist wichtiger als das eigene Leben. Die Frauen einer Familie sind die Trägerinnen der Ehre einer Familie. Durch ihr Verhalten wahren oder gefährden sie deren Ehre. Hat eine Frau die Ehre der Familie beschmutzt, kann sie selbst nichts dazu tun, ihre Ehre wiederherzustellen. Der Mann muss die Ehre wiederherstellen und dies durch von aussen erkennbare drastische Massnahmen, die bis zur Tötung der Frau reichen können.

Eine vor diesem Hintergrund passierte Reaktion zeigte ein Interview mit dem Vater eines der mutmasslichen Terroristen der Anschläge auf das World Trade Center, Muhammad al-Atta. Es wurde berichtet, dass der Vater al-Attas, der zu seinem Sohn bereits eineinhalb Jahre keinen Kontakt mehr hatte, aufs Äusserste erregt und aufgebracht die Beschuldigungen von sich wies, sein Sohn könnte mit der Entführung der Flugzeuge etwas zu tun gehabt haben. Er sei am Vorabend der Anschläge in einer Bar beim Alkoholkonsum gesehen worden? Undenkbar! "Das wäre genauso, als ob eine gläubige verschleierte Jungfrau Prostituierte nach Ägypten einschleusen würde!"

Dieser Wortgebrauch aus dem Bereich der Sexualität macht für arabische Ohren unmissverständlich deutlich, dass hier Ehre verletzt wurde. Muhammad al-Attas Vater hatte durch die direkten Beschuldigungen sein Gesicht gewissermassen vor der Weltöffentlichkeit verloren. Öffentliche Blossstellung durch eine Anklage durch den Westen – hierauf folgt unweigerlich eine überaus heftige Reaktion.

Da in der islamischen Welt eine Familie alles daran setzt, ihre Ehre nicht einzubüssen, ist einer der Abwehrmechanismen die Abweisung der Schuld und der Verweis auf andere. Die Verursacher der überall im Nahen Osten gegenwärtigen innerislamischen Krisen (Arbeitslosigkeit, Bildungsmisere, fehlende Infrastruktur, Überbevölkerung, Korruption, wirtschaftliche Ineffizienz) werden in der Existenz, ja der "Verschwörung" der westlichen Welt gegen die islamische Welt gesehen, die alles versuche, der islamischen Welt zu schaden, ja, sie zu vernichten. Daher die Verschwörungstheorien für die Terroranschläge, die Nichtmuslimen so unerklärlich erscheinen.

Auch Osama Bin Ladens Äusserung ist in diesem Zusammenhang zu verstehen, wenn er referiert, "dass die Muslime in Palästina seit über einem halben Jahrhundert abgeschlachtet, angeklagt und ihrer Ehre und ihres Besitzes beraubt" würden. Dort würden Muslime getötet und "unsere Ehre und Würde beschmutzt". "Wenn wir gegen diese Ungerechtigkeit mit nur einem Wort protestieren, werden wir als Terroristen bezeichnet."

Auch das westliche Ansinnen der Auslieferung Bin Ladens an Amerika ist vor dem Hintergrund der ungeschriebenen Gesetze des Nahen Ostens problematisch. Zum einen ist da der Wert des Gastrechts, das nicht einfach verletzt werden kann, zum zweiten Familienbande (man glaubt, dass Osama Bin Laden in vierter Ehe mit einer Tochter Mullah Muhammad Omars, des Führers der Taliban, verheiratet ist), zum dritten ist aber auch die Auslieferung eines gläubigen Muslims – selbst wenn man nicht mit allen seinen Handlungen einverstanden ist – an sich schon eine Unmöglichkeit. Es widerspricht dem muslimischen Loyalitätsdenken, aus der brüderlichen Verbundenheit der umma (Weltgemeinschaft aller Muslime) ein Mitglied auszustossen. Der Taliban-Botschafter in Pakistan sagte: "Wir würden den Islam beleidigen, wenn wir Osama an Amerika übergeben oder aus Afghanistan ausweisen würden."

Es ist eine Tatsache, dass auch im Namen des Christentums zahlreiche Verbrechen verübt, andersdenkende, unschuldige Menschen umgebracht wurden und die Kreuzzüge stattfanden. Immer liefen und laufen solche kriegerischen Attacken der Botschaft der Bibel zuwider und dem, der sich selbst als "Friedefürst" bezeichnet hat. Christliche Mission hätte – richtig verstanden – nie etwas anderes sein dürfen, als durch Wort und Tat bezeugte Nächstenliebe, um Menschen auf den hinzuweisen, der der Ursprung aller Liebe ist. "Wer das Schwert nimmt, wird durchs Schwert umkommen", "Stecke dein Schwert in deine Scheide" (Matth. 26,52). Das sind nicht nur programmatische Abschiedsworte Jesu bei seiner Gefangennahme, sondern sie unterstreichen die christliche Botschaft, für die Gewaltlosigkeit, die Achtung des anderen, ja, mehr noch: Die Höherachtung des anderen ist Grundkonzept und Programm.

Als Christ muss man manchem islamischen Denker in der Analyse der westlichen Gesellschaft leider Recht geben. Frieden in einer Gesellschaft kommt jedoch nicht durch Herrschaft mit dem Schwert, durch Unterdrückung von Minderheiten und der Aufrichtung der islamischen Ordnung, sondern nur dadurch, dass Menschen mit Gott und sich selbst und dann auch mit ihrem Nächsten zum Frieden finden.

Im Unterschied dazu ist es für terroristische Gruppen durchaus möglich, in bestimmten Passagen des Korans und im Verhalten Muhammads gegenüber seinen Feinden Rückhalt für ihr skrupelloses Handeln zu finden. Gegenwärtig spielt sich für radikal-islamistische Gruppierungen eine "Neuauflage" der Demütigung der islamischen Welt ab. Dafür soll der dekadente Westen nun zur "Rechenschaft" gezogen werden.

Solange der Westen nicht versteht, in welchen Denkschemen Islamisten leben, werden kaum die richtigen Massnahmen getroffen werden können. Wir haben uns in den vergangenen 40 Jahren, seitdem muslimische Arbeitskräfte in Deutschland angeworben wurden und zahlenmässig durch Familiennachzug und hohe Geburtenzahlen zu einer Zahl von 3,3 Mio. Menschen anwuchsen, viel zu wenig mit den unterschiedlichen Gruppierungen und ihrer Weltsicht beschäftigt, aber auch zu wenig in zwischenmenschliche Begegnungen investiert.

Zu Beginn verhinderte das Konzept des "Gastarbeiters", der über kurz oder lang in sein Heimatland zurückkehren würde, weit reichende Integrationsbemühungen, aber auch, als deutlich wurde, dass die Mehrheit der in den 80er und 90er Jahren in Deutschland aufwachsenden zweiten und dritten Generation der Muslime in Deutschland bleiben würde, wurde nicht umgedacht, während gleichzeitig muslimische Gruppen sich ihrerseits immer mehr zurückzogen und sich von der deutschen Mehrheitsgesellschaft abkapselten.

In Grossbritannien ist bereits eine Parallelgesellschaft entstanden, die die Anwendung islamischer Gesetze auf muslimische Staatsbürger – also die rechtliche Ungleichbehandlung nach Religionszugehörigkeit – fordert. Die Integration scheint dort gescheitert.

Es ist dringend geboten, dass in neuen Kategorien gedacht wird und neue Lösungsansätze für das Zusammenleben gesucht werden. Christen sollten ihrerseits darüber nachdenken, wie sie der Herausforderung Islam in Europa begegnen können, nämlich indem sie zwischenmenschliche Begegnungen pflegen, sich fundiert über den Islam informieren und muslimische Mitmenschen vermehrt zur Begegnung mit dem Friedefürsten einladen.

© factum, 29. Oktober 2001

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