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Chinas heimlicher Bestseller

In keinem Land auf der Erde werden so viele Bibeln gedruckt wie in China. Der Eigenbedarf ist sehr gross. Aber die Heilige Schrift ist auch ein ­Exportschlager.

Thomas Lachenmaier

Das hätte Mao nicht gefallen: China ist inzwischen der Staat, in dem so viele Bibeln gedruckt werden wie in keinem anderen Land der Erde. 2008 wurden in China zehn Millionen Bibeln gedruckt, das ist rund ein Drittel der weltweit hergestellten Bibeln. Die Gesamtauflage der chinesischen Bibel kommt bald an die der roten Mao-Bibel heran, die in keinem chinesischen Haushalt fehlen durfte.

Die chinesischen Bibeln werden von der Firma Amity Printing hergestellt, einem Joint Venture-Unternehmen, an dem auch der in England beheimatete Weltbund der Bibelgesellschaften beteiligt ist. Das Unternehmen mit Sitz in Nanking beschäftigt 300 Mitarbeiter. Sie produzieren an sechs Tagen in der Woche rund um die Uhr Bibeln. Die Produktionsanlage wird gerade auf 48 000 Quadratmeter Produktionsfläche erweitert. Es ist die wahrscheinlich grösste Anlage ihrer Art in der Welt.

Die Bibel ist Chinas heimlicher Bestseller, die Nachfrage nach druckfrischen Bibeln ist riesengross. Bemerkenswert ist, dass die Bibelfabrik nicht für Profit arbeitet. Es geht darum, so Qiu Zhonghui vom Vorstand des Unternehmens, den Bedarf von Chinas Kirchen zu decken. Die meisten der Bibeln sind für den chinesischen Bedarf.

2007 gratulierte der oberste Religionsbeauftragte der kommunistischen Partei Chinas dem Unternehmen zum Druck der 50 000 000. Bibel. Es mache ihn «froh zu sehen, wie hier Bibeln  gedruckt werden». Jeden Monat laufen in Nanking eine Million Bibeln vom Band.

Inzwischen werden auch immer mehr Bibeln exportiert. Der Exportanteil der Bibelfabrik in Nanking stieg mittlerweile auf 45 Prozent. Von 1988 bis Oktober 2008 habe die Amity Printing insgesamt 59 Millionen Bibeln gedruckt, 45 Millionen davon für China. Die Grossdruckerei stellt Bibeln für 60 Länder in 75 Sprachen her, auch in der Blindenschrift Braille.

Daraus, dass in China so viele Bibeln gedruckt werden, darf man nicht auf den Stand der Religionsfreiheit schliessen. Die Bibel darf nicht in staatlichen Buchhandlungen verkauft werden. Staatlich zugelassene Einrichtungen, dazu gehören auch die zugelassenen Kirchen, dürfen sie aber über ihre Institutionen vertreiben. Die evangelischen Kirchen haben ein eigenes Vertriebssystem geschaffen. Hier kann jedermann Bibeln kaufen, sofern er von dieser Möglichkeit erfährt.

Offiziell leben in China 20 Millionen Protestanten und knapp sechs Millionen Katholiken. Mit den Gläubigen der Hauskirchen, die noch immer halb im Untergrund existieren, gibt es aber wahrscheinlich drei Mal so viele Christen in China.

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