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Fenster in die Vergangenheit
In Bernstein eingeschlossene Lebewesen künden von einer vergangenen Zeit. Für die Wissenschaft ist der geheimnisvolle Bernstein eine Herausforderung mit vielen offenen Fragen.
Thomas Lachenmaier
Bernstein ist schön anzuschauen und fühlt sich angenehm an. Die warmen Farbtöne wirken harmonisch, Bernstein ist teilweise transparent. Im Gegenlicht sind vielschichtige Strukturen und Schlieren erkennbar. Zugleich ist Bernstein ein geheimnisvolles Fenster in die Vergangenheit. Es ist rätselhaft und regt die Fantasie an, dass in dem seidig glänzenden Material häufig Insekten eingeschlossen sind. In welcher Zeit haben sie gelebt, wie wurden sie eingeschlossen, was waren die Umstände ihres Todes? Von welcher Zeit legen sie Zeugnis ab, so schön und unvollständig zugleich? Bernstein stellt mehr Fragen, als er Antworten gibt.
Auch Naturwissenschaftler können sich hier an das Pauluswort (1. Kor. 13, 12) erinnern lassen, in dem die «stückweise» Erkenntnis mit dem Blick in einen trüben Spiegel verglichen wird.
Der Begriff Bernstein ist irreführend, weil es sich nicht um einen Stein handelt, sondern um ein festes Harz. Das zeigt sich schnell, wenn ein brennendes Streichholz unter einen Bernstein gehalten wird: Bernstein brennt und daher hat es auch seinen Namen, der sich aus dem niederdeutschen «börnen», brennen, ableitet.
Das erste grosse Rätsel, das Bernstein aufgibt, ist die Tatsache, dass es davon so viel gibt. Bernstein ist kein seltenes Material. Es wird sogar industriell abgebaut und verwertet. Man findet es in Spanien ebenso wie in England, in der Dominikanischen Republik oder in den Schweizer Alpen. Grosse Vorkommen gibt es beispielsweise in der südlichen Ostsee. Das Kaliningrader Bernsteinkombinat Jantarnyi fördert jedes Jahr 650 Tonnen des versteinerten Harzes. Es sollen noch 600 000 Tonnen hier in der Erde liegen.
Das Material wird nicht nur zu «baltischen Brillanten», zu Bernsteinschmuck, verarbeitet. Es findet auch als Isoliermaterial und Schleifmittel eine industrielle Verwendung und man stellt Naturlacke daraus her. In Litauen und Polen sind schätzungsweise mehrere zehntausend Menschen im Bernsteingewerbe tätig. Viele von ihnen als Schleifer, die aus matten Bröckchen ansehnliche Stücke machen, die dann an Touristen verkauft werden.
Mit etwas Glück finden Spaziergänger am Strand der Ostsee Bernsteinstücke, das «Gold der Ostsee». Das hängt auch mit den Besonderheiten des Materials zusammen: Bernstein ist sehr leicht, ein Kubikzentimeter wiegt gerade einmal ein Gramm. Da es nur wenig dichter als Wasser ist, schwimmt es auf Salzwasser. Besonders nach schweren Stürmen werden Strandsucher an der Ostsee fündig.
Der «Bernsteintest» ist vor Ort schnell gemacht: Wenn das Fundstück brennt und dabei einen angenehm würzigen Duft verströmt, dann ist es Bernstein. Dieses Wohlgeruchs wegen wird Bernstein auch in grossen Mengen nach Indien verkauft, wo es bei Beerdigungszeremonien Verwendung findet und mit den Toten verbrannt wird.
Wie lassen sich solch grosse Vorkommen erklären, wenn es sich um Harz handelt, das von Bäumen getropft ist? Auf diese Frage findet sich bislang keine befriedigende Antwort. Rätselhaft ist auch die Entstehung sehr grosser Einzelstücke. In Sarawak auf Borneo wurde ein zehn Meter grosser Bernstein entdeckt.
Heute gibt es nirgendwo auf der Welt frisches Baumharz in einer Menge, wie sie zu einer Umwandlung zu Bernstein notwendig wären. Die Entstehung von Bernstein kann nirgends beobachtet werden. «Die Wahrscheinlichkeit, dass sich tropfendes Baumharz in Bernstein verwandelt, ist offensichtlich nicht sehr gross», folgert der Chemiker Dr. Harald Binder, der sich intensiv mit Bernstein befasst hat.
Der Schluss liegt nahe, dass die Umweltbedingungen gänzlich anders als heute gewesen sein müssen, als der Bernstein entstand. Es müssen grosse Mengen an Harz in kurzer Zeit entstanden sein und auch die Organismen sind offensichtlich schnell in das Harz eingebettet worden. Harald Binder hält es deshalb für denkbar, dass sich Bernstein im Zuge eines katastrophischen Geschehens gebildet hat. Ein möglicher Hinweis darauf könnte auch sein, dass Bäume unter Stressbedingungen stärker harzen.
In Bernstein sind Lebewesen aus verschiedensten Naturräumen eingeschlossen. Auch das spricht aus Sicht des Naturwissenschaftlers für katastrophische Bedingungen.
Im November diesen Jahres entdeckten Paläontologen der Universität Göttingen unter Leitung von Dr. Alexander Schmidt in einem Stück Bernstein aus Südwestfrankreich neben waldbewohnenden Insekten und Pflanzenresten auch Mikroorganismen aus dem Meer, Algen, den Stachel eines Seeigels und Federn. In dem nur fünf Zentimeter grossen Bernsteinstück, das die Forscher in 30 dünne Scheiben zersägten, identifizierten sie die meist mikroskopisch kleinen Inklusien (Einschlüsse) von rund achtzig verschiedenen Arten an Pflanzen und Tieren!
Unter welchen Umständen sich diese merkwürdige Grabesgemeinschaft zusammengefunden hat, darüber kann nur spekuliert werden. Für Harald Binder sind sie ein möglicher Hinweis auf «chaotische Zustände» bei ihrer Entstehung.
Ein Problem sind für ihn auch die sehr langen Zeiträume, die der Bernstein der gängigen Theorie nach überdauert hat. Es gibt Bernsteine, denen ein Alter von 35 Millionen Jahren zugemessen wird. Ein so hohes Alter ist insofern erstaunlich, als Bernstein äusserst unbeständig ist und schnell verwittert. So ist es beispielsweise ein grosses Problem, wie besonders wertvolle Fundstücke im Museum vor dem Verfall bewahrt werden können.
Licht, Sauerstoff und organische Prozesse setzen Bernstein stark zu und zerstören ihn innerhalb kurzer Zeiträume. Unter Luftabschluss oder unter Wasser wird dieser Prozess verlangsamt. Dennoch bleibt die Annahme, dass Bernstein mehrere Millionen Jahre alt ist, erklärungsbedürftig.
Harald Binder hat sich in seiner Arbeit für die evolutionskritische «Studiengemeinschaft Wort und Wissen» immer wieder damit befasst, dass biologische Prozesse auch in sehr kurzen Zeiträumen ablaufen können. Die Tatsache, dass Bernstein häufig in kohleführenden Erdschichten gefunden wird, ist für ihn kein zwingender Beleg für sehr lange Zeiträume. Unter Laborbedingungen lässt sich Kohle sehr schnell herstellen: «Wenn Druck und Temperatur stimmen, ist die Umwandlung organischen Materials in Kohle eine Sache von Stunden.» Auch die künstliche Polymerisation von Terpenen, aus denen Bernstein besteht, ist ein Prozess, der in rascher Zeit abläuft.
Dr. Binder sieht die Tatsache, dass Bernstein in einer nach wie vor rätselhaften Art und Weise von einer lange vergangenen Zeit kündet, auch in einem biblischen Licht. Bei Vorträgen zum Thema Bernstein zitiert er gerne Psalm 111, Vers 4, in dem es heisst: «Er hat ein Gedächtnis gestiftet seiner Wunder, der gnädige und barmherzige Herr.»
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