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«Vancouver, Vancouver, this is it!»

Am 18. Mai 1980 explodierte der Mount St. Helens. Rückblick auf ein Ereignis, das sich ­jederzeit wiederholen kann. Denn die «Heilige Helen» brodelt wieder.

Martin Ernst und Michael Kotulla

Sonntag, 18. Mai 1980. Noch vor Sonnenaufgang beginnt die tägliche Routine. Ein Flugzeug der «Oregon National Guard» überfliegt den Vulkan und macht Infrarotaufnahmen. Die Entwicklung der Filme und die Auswertung der relativen Temperaturverteilung der Oberfläche wird noch einige Stunden dauern; die Ergebnisse aber werden nicht mehr relevant sein. Die Seismizität* in den frühen Morgenstunden ist moderat, ohne besonderen Befund.

Am ständig besetzten Beobachtungsstützpunkt «Coldwater II», 9,2 Kilometer nordnordwestlich des Gipfels und innerhalb der Sperrzone, unternimmt der Geologe David Johnston seine morgendlichen Laser-Distanzmessungen von der sich in den letzten Wochen ständig weiter aufblähenden Nordflanke und sendet diese gegen 7 Uhr nach Vancouver: keine signifikanten Veränderungen.

Der Himmel über der Region ist wolkenlos. Hobby-Angler, einige Waldarbeiter und andere Frühaufsteher erfreuen sich der klaren Luft und einer warmen Brise aus Westen. Manche der Amateurbeobachter und -funker sind bereits auf ihren Posten, ausserhalb der roten Sperrzone. Unter ihnen Gerald Martin, einen Höhenzug weiter weg als Johnston, Position 11,5 km N, der Fotograf Reid Blackburn vom «Vancouver Columbian», der einen Auftrag für das Magazin «National Geographic» in der Tasche hat, Position 13,7 km NW, Robert Rogers und die Kearneys, allesamt Amateurfunker, Position 12,2 km W, sowie Gary Rosenquist, Amateurfotograf, und in seiner Nähe Keith Ronnholm, Geophysiker, Position 17,6 km NE.

Die Geologen Keith und Dorothy Stoffel, die gerade in der Gegend von Spokane arbeiten und an einer Konferenz in Yakima teilnehmen, entscheiden sich kurzfristig, nachdem ihnen eine Überflugerlaubnis erteilt wurde, den Vulkan aus der Luft zu beobachten. Um 7.15 Uhr chartern sie in Ya­kima ein Flugzeug.

Etwa um 7.50 Uhr dringen sie in den gesperrten Luftraum ein. Mehrmals umkreisen sie im Uhrzeigersinn die Gipfelregion und machen Beobachtungen und Fotos. Beim vierten und letzten Überflug gegen halb neun sehen sie zunächst, wie Fels- und Eisblöcke des Gipfels vom Rand in den Innenkrater stürzen. Sekunden später beobachten sie, wie die gesamte Nordflanke des Berges in Bewegung gerät, durchgeschüttelt wird, sich kräuselt und dann in nördlicher Richtung auf den Spirit Lake zu hinabgleitet. Sie hatten die Initialsekunden eines gigantischen Bergsturzes miterlebt. Jetzt folgen die ersten Eruptionswolken, zunächst am unteren Ende der nun exponierten Erdrutsch-Gleitfläche, dann weiter oben, unterhalb des Gipfels; sie wachsen extrem schnell zu unglaublichen Dimensionen heran.

Um 8.32 Uhr hat ein Erdbeben der Stärke 5,2 den Bergsturz ausgelöst. Etwa 20 bis 30 Sekunden später folgt die heftige, lateral nordwärts gerichtete Explosion. Am Boden ist Johnston mit der Erste, der den Bergrutsch wahrnimmt. Er schreit in sein Funkgerät: «Vancouver, Vancouver, this is it!» Ein weiterer Satz ist zu verstümmelt, als dass er verstanden werden könnte. Wegen atmosphärischer Störungen erreicht die Warnung nicht das Zentrum in Vancouver, andere Amateurfunker nehmen seine Nachricht auf.

Eine weitaus detailliertere Meldung kommt von Martin. Er berichtet vom Bergrutsch, der Eruption und der Ausbreitung der Explosionswolke. «The camper and the car just over the south of me [gemeint ist Johnston, Position Coldwater II] are covered. It [die Explosionswolke] is going to get me, too.» Martin sollte Recht behalten.

Die Stoffels drehten ihr Flugzeug rechtzeitig weg und brachen den Versuch ab, nach Yakima zurückzufliegen, nachdem der Pilot festgestellt hatte, dass seine Maschine mit der Geschwindigkeit der Ausbreitung der Explosionswolke nicht mithalten konnte. Sie landeten sicher in Portland. Rosenquist und Ronnholm waren im letzten Moment geflohen. Ihre Foto-Sequenzen im 2- bis 3-Sekunden-Takt gingen um die ganze Welt und erlangten Be­rühmtheit. Johnston, Martin und Blackburn hatten keine Chance zu überleben. Rogers und die Kearneys waren ausserhalb der kritischen Zone geblieben.

Es dauerte Monate, bis der gesamte Ablauf der Katastrophe rekonstruiert war und seine Bedeutung für die Geologie erfasst wurde.

Ein Naturlabor

Die katastrophischen Ereignisse und Prozesse rund um den Vulkanausbruch hinterfragen unsere Denkweise über das Erdgeschehen. Verändert sich die Erde durch langsame und graduelle Prozesse, die durch Akkumulation** im Verlauf langer Zeiträume kleine Änderungen bewirken? Oder haben rasche Prozesse innerhalb kürzester Zeit deutliche geologische Veränderungen hervorgerufen?

Die Geologie ist eine historische und keine exakte (Natur-)Wissenschaft. Die in der Vergangenheit abgelaufenen, grossräumigen oder gar globalen Prozesse der Veränderung der Erd­kruste wiederholen sich in den we­nigs­ten Fällen. Sie sind nicht reproduzierbar, wie wir es beispielsweise aus der Physik kennen. Auch gibt es kein Testlabor der Grösse Erde. Aber geologische Ereignisse wie der Ausbruch des Mount St. Helens haben die Funktion und Grösse eines Miniatur-Labors.

So gesehen ist der Mount St. Helens ein Anschauungsobjekt allererster Gü­te; doch nicht wegen seiner Eruption alleine, sondern wegen einer ungewöhnlichen Konzentration vielfältigs­ter und auch bis dahin nie in diesem Spektrum beobachteter rascher Erosions- und Sedimentationsprozesse und dem Wissen, wie diese abgelaufen sind.

Obwohl der Ausbruch erwartet worden war, haben viele Wissenschaftler und Behörden die Dynamik der Eruption und seine Folgen unterschätzt. 57 Menschen kamen ums Leben. Auch daraus lässt sich ableiten, dass die geologischen Erkenntnisse über katastrophische Vorgänge noch unzureichend sind und deren Auftreten in der Erdgeschichte noch nicht ausreichend erforscht ist.

Eine Kettenreaktion

Es glich einer Kettenreaktion: Eingeleitet wurde die Explosion des Mount St. Helens durch ein Erdbeben und einen Erdrutsch, bei dem rund 2 Kubikkilometer Material bewegt wurden. Das Abgleiten des Gipfels und des Nordhangs senkte den Druck innerhalb des Vulkans, wobei sich überkritisches Wasser schlagartig in Dampf um­wandelte. Die nordwärts gerichtete Dampfexplosion setzte ein Energie­äquivalent von 20 Millionen Tonnen TNT frei; dabei wurde eine Waldfläche von fast 400 km2 umgeknickt.

Die pilzförmig heranwachsende Eruptionssäule stieg bis in 20 Kilometer Höhe auf. Die Magmenkammer im gipfelnahen Reservoir wurde durch die pausenlos explodierenden und hochschiessenden Gas- und Aschesäulen nach und nach entleert.

Die nach Osten über mehrere Bundesstaaten driftenden Aschewolken verfinsterten im Laufe des Tages ganze Regionen. Rund 150 Kilometer vom Mt. St. Helens entfernt verfinsterte sich in der Stadt Yakima (Bundesstaat Washington) am 18. Mai um die Mittagszeit der Himmel. Die Strassenbeleuchtung schaltete sich automatisch an. Die erste Lage des Aschenregens bestand aus «Salz und Pfeffer». Das waren sandkorngrosse Teilchen von dunklem Gestein und helleren Feldspatfragmenten, über die sich eine dickere Schicht aus staubkorngrossen Glasteilchen legte.

30 Kilometer nördlich von Yakima lagerte sich die Asche mit ca. 20mm Mächtigkeit ab. In der 330 Kilometer entfernten Stadt Ridswill erreichte die Aschenlage über 70mm. Selbst in der 430 Kilometer vom Vulkan entfernten Stadt Spokane, wo lediglich 5mm Asche fielen, wurde es um 15 Uhr fins­ter, sodass die Sichtweite auf 3 Meter sank.

Schlammströme verwüsteten über Dutzende von Kilometern – auch weit abseits der Explosionszone – Flüsse und Täler.

Gegen Abend klang die Eruptionstätigkeit ab. Während des neunstündigen Ausbruchs hatte der Vulkan eine Energie freigesetzt, die 400 bis 430 Millionen Tonnen TNT entsprach. Das ist vergleichbar mit der Gewalt von 20000 Hiroschima-Atombomben. Die gesamte Nordflanke des Mount St. Helens war weggesprengt. Der Vulkan hat 400 Höhenmeter eingebüsst (von 2950 m auf 2550 m); ein Areal von 600 km2 war vollkommen verwüstet. Seither formt der Berg ein gigantisches Amphitheater.

Schlagartig verändert

Der Mount St. Helens dominierte die Morphologie des Gebiets schon vor dem Ausbruch. Die zentrische Form des konischen Stratovulkans bestimmt das gesamte Landschaftsbild und wesentlich auch das Entwässerungsnetz, zum Beispiel das System des Nordarms des Toutle River. Im Flusstal verlief eine Strasse bis zum Fusse des Vulkans. Der Wasserspiegel des Spirit Lake lag bei 975 Meter über Meer. Oberhalb der Goat Rocks, einer deutlich vorstehenden Erhebung, die während eines Ausbruchs um 1840 gebildet wurde, war die Stelle am Berg, die sich vor dem Ausbruch täglich durchschnittlich um einen Meter ausdehnte. Deshalb hatten sich auch viele Beobachter nördlich des Vulkans positioniert.

Nach dem Ausbruch hat sich die Landschaft drastisch verändert. Die Schutt- und Bimssteinablagerungen haben das alte Relief überschüttet und «eingeebnet», das Entwässerungsnetz zerstört und den Spirit Lake nach Norden weggedrängt. Dadurch hat sich die Wasserfläche des Sees fast verdoppelt und der Wasserspiegel um etwa 80 m auf 1058 Meter über Meer erhöht. Der neu benannte Johnston Ridge weist auf die Gegend des Beobachtungspunktes Coldwater II hin, wo Johnston umkam. Vor dem neu entstandenen Krater haben sich im weiteren Verlauf durch Schlammströme Canyons gebildet.

Nachdem ein Schlammstrom am 19. März 1982 in den Schuttablagerungen des Oberlauf des Toutle River unterhalb des Johnston Ridge tiefe Erosionsrinnen und Canyons schuf («Engineer’s Canyon» und «Little Grand Canyon»), konnte sich im Tal des Tout­le River wieder ein Entwässerungssys­tem ausbilden. Nach zwei Jahren sind einige bleibende morphologische Veränderungen festzustellen: der Vulkan­krater mit seinem gewaltigen Lavadom von etwa 1000 Meter Breite und 300 Meter Höhe, Step Canyon und Loowit Canyon, die neuen Seen Coldwater Lake and Castle Lake sowie die vergrösserte Seefläche des Spirit Lake. Der Spiegel des Spirit Lake wurde künstlich gesenkt; das Wasser wurde durch den Engineers’ Canyon abgepumpt, später wurde der Abfluss konstant gehalten, indem man einen Entwässerungskanal durch Harry’s Ridge bohrte. Die Höhe des Sees wird nunmehr bei 1050 Meter über Meer gehalten. Weitere Massnahmen in der Explosionszone waren in der Folge die Anlage von Strassen und Wegen im Zusammenhang mit der Errichtung des Mount St. Helens Volcano National Monument.

Ablagerungen rasch gebildet

Auf vielfältige Weise sind seit 1980 am Mount St. Helens Sedimentgesteine neu entstanden; besonders auffällig sind deren rasche Bildungsgeschwindigkeiten und Mächtigkeiten. Die unterschiedlichen Ablagerungen entstanden aus den anfänglichen Auswurfprodukten, pyroklastischen Strömen und Bims- und Ascheregen sowie Erdrutschen, der ausgelösten Wasserwelle, Schlammströmen und immer wieder auch durch strömendes Wasser. Die Sedimente erreichen Mächtigkeiten bis zu 180 Meter.

Besondere Aufmerksamkeit gilt den Bildungen der pyroklastischen Ströme, über den Boden fegende (fliessende), turbulente und glühendheisse (bis 950 Grad Celsius) Gemische aus Wasser­(dampf) und feinem vulkanischen Material, die mit grosser Geschwindigkeit (über 150 km/h) durch den Kollaps einer Eruptionswolke von der Flanke des Vulkans herabströmten.

Ihre Ablagerungen bestehen aus fein laminierten Bimsstein-Aschen mit Lagen von etwa 1 mm Dicke bis hin zu solchen von über 1 Meter Dicke; jede Lage wurde innerhalb nur einiger Sekunden oder Minuten abgelagert (Abb. 17).

Das mittlere Drittel von Abb. 17 zeigt 7,5 Meter der geschichteten Ablagerungen solch eines pyroklastischen Stromes, der am 12. Juni 1980 entstand und die in weniger als einem Tag gebildet wurden. Die Schichten sind sehr ausgedehnt und enthalten feine Lamellen und Kreuzschichtung. Ein Ausschnitt an anderer Stelle (Abb. 18) zeigt einige der dünnen Lamellen.

Unser Verstand kann es kaum fassen, dass ein einziges Ereignis von der Gewalt eines Hurrikans diese feine (und geordnete) Schichtung hinterliess! Der Mechanismus ist bis heute nicht abschliessend erforscht; scheinbar ist es aber so, dass die grob- und feinkörnigen Partikel eines pyroklastischen Stroms durch die Fliessprozesse unterschiedlich zoniert und damit in unterschiedlichen Lagen abgesetzt werden.

Normalerweise deuten Lamellen oder Lagen auf längere saisonale Veränderungen hin oder auch auf jahreszeitliche Wechsel. Da sich solche Ablagerungen gewöhnlich langsam bilden, ist das die typische uniformitaristische Interpretation. Ausserdem stellen wir uns katastrophische Ablagerungsprozesse so vor, dass Material unterschiedlicher Korngrösse homogenisiert wird und keine sichtbare Schichtung zeigt. Der Mount St. Helens lehrt uns, dass Schichtung auch sehr rasch durch Fliessprozesse entstehen kann.

260 Meter hohe Welle

Nur wenige Sekunden nach 8.32 Uhr stürzten ein halber Kubikkilometer der Schuttlawine vom Gipfel und dem Nordhang des Vulkans in das Becken des «Spirit Lake» und löste damit eine Wasserwelle von 260 Meter Höhe aus. Die aus Gesteinsfragmenten, vulkanischem Material und Eis bestehende Lawine wuchtete das Wasser aus dem See; ein oder mehrere Wellen wurden ausgelöst, das Wasser schoss in die auslaufenden Täler und die Hänge hinauf und riss alles mit sich.

Es gibt keine Bilder und keine Augenzeugenberichte, die dieses Ereignis dokumentierten. Alle Kameras waren ausschliesslich auf den Vulkan gerichtet. Stumme Zeugen sind etwa eine Million mitgerissener Baumstämme, die durch die zurückschwappende Welle im «Spirit Lake» zusammengespült oder in den Seitentälern und am Seerand sogleich einsedimentiert wurden.

Die genaue Beobachtung der Erosionserscheinungen zeigt zudem, dass nicht nur die gesamte Vegetations­decke, sondern auch die Bodendecke abrasiert und darüber hinaus sogar das anstehende Gestein des Untergrundes besonders durch die in der Flutwelle angereicherte Sedimentfracht erodiert, ausgekolkt und abgehobelt wurde.

Eine sichtbare Linie hoch oben auf dem Hügel markiert die Höhe und Grenze, bis zu der die Wasserwelle Boden und Bäume wegrasiert hat. So konnte eine maximale Höhe von 260 Metern am Nordufer des Sees bestimmt werden. Ein anderer Teil der flüssigen Schuttlawine hatte genug Schwung, um das nördlich des Sees gelegene Tal und den daran angrenzenden 360 Meter höheren Bergrücken zu überfahren.

Die Beschaffenheit des Lake Spirit wurde in nur wenigen Minuten schlagartig verändert. Die neuen Ablagerungen, die nun den Grund des Sees bilden, sind durchschnittlich etwa 90 Meter mächtig. Der nach Norden gedrängte See ist heute flacher (34 m anstelle 46 m), die Oberfläche fast doppelt so gross (etwa 10 km2) und der Wasserspiegel liegt 75 m höher.

Dampfexplosionen

Während der neunstündigen Eruption am 18. Mai wurden am nördlichen Fusse des Vulkans insbesondere durch pyroklastische Ströme mehrere Zehner Meter mächtige vulkanische Aschen über den Sedimenten der Schuttlawi­ne abgelagert. Dieses Gebiet nannten die Geologen kurzerhand «Bimsstein­ebene». Mit der Schuttlawine wurden auch Eismassen vom Gipfel des Vulkans gerissen, sodass eine Durchmischung mit Eis und Wasser erfolgte. Darauf nun lagerten die Bimsstein-Aschen, deren Temperatur nach einigen Tagen noch 300 Grad Celsius betrug.

Einige Tage nach dem 18. Mai war die Bimssteinebene von Kratern übersät, die durch heftige Dampfexplo­sionen infolge der Erwärmung des ­eingeschlossenen Eises und Wassers entstanden. Der grösste Dampfexplosionskrater-Krater hatte nach fünf Tagen zunächst ein Loch von 38 m Tiefe gesprengt, dann stürzte Material nach und erweiterte ihn zu einer Ausdehnung von 700 mal 300 Metern.

Das Foto vom 18. Juni 1980 (Abb. 19) zeigt die Dimension des «grossen Dampfkraters». Die auffälligen Strukturen des Kraterrandes, Schluchten und Rinnsale, sind Folgen des rückschreitenden Einsturzes des Kraterrandes (Schwerkraft) innerhalb der ersten Tage und nicht einer Wassererosion. Später sind die Krater durch Schlammströme verfüllt, wegerodiert oder durch andere Erosionsereignisse nahezu unkenntlich gemacht worden.

Schlammströme

Sechs der etwa ein Dutzend den ­Mount St. Helens umgebenden Flusssysteme wurden am 18.Mai durch Schlammströme erheblich zerstört; die Zerstörungen betrafen auch Gebiete weit ausserhalb der Explosionszone. Die entstandenen Schäden, die mit einer Milliarde Dollar beziffert wurden, waren weitaus grösser als die des eigentlichen Ausbruchs am 18. Mai. Dies macht die Zerstörungsgewalt fliessender und schiessender Schlammmassen deutlich.

Die Schlammströme entwickelten ausserordentliche Kräfte und bewirkten bemerkenswerte Erosionserscheinungen. Die Schlammströme entstanden, als durch die Hitze der Dampfexplosion Schnee und Eis schmolzen und sich das mobile Wasser mit den vulkanischen Lockerablagerungen zu Schlamm vermischte, der sich sodann in Bewegung setzte und die Steilhänge mit bis zu 150 km/h hinunterschoss.

So schürfte ein Schlammstrom das Flusstal des Muddy Creek bis zum anstehenden Gestein in zehn Metern Tiefe aus. Ein anderer Schlammstrom riss auf der durch die Explosion unversehrten Südost-Seite des Berges (am Shoestring Gletscher) eine deutliche Kerbe in die Gipfelregion. Auch festes Gestein an den Flanken des Vulkans war erodiert worden.

Schlammströme traten auch bei Ausbrüchen nach dem 18. Mai auf. So führten nach dem Sommer 1980 katastrophische Erosionsereignisse zur Aushöhlung des Step Canyon zu einer Schlucht mit bis zu 215 Meter Tiefe sowie des parallelverlaufenden Loowit Canyon (Abb. 22). In beiden Canyons ist auch hartes andesitisches Lavagestein von den Schlammströmen regelrecht herausgemeisselt worden.

Durch den Step Canyon entwässert der Step Creek. Dieser Bach hat sich sein (neues) Bett erst nach Entstehung des Canyons gesucht. Wenn wir die Ereignisse des Mt. St. Helens nicht hätten beobachten können, könnten wir vermuten, dass die Canyons über Jahrtausende hinweg infolge der abtragenden Tätigkeit des fliessenden Wassers entstanden wären.

Ein Canyon in 9 Stunden

Durch die Eruption am 18. Mai 1980 war der Oberlauf des Toutle River nördlich und westlich des Kraters zerstört worden. Fast drei Kubikkilometer Schutt bedecken dieses Gebiet auf einer Fläche von etwa 60 km2. Die Ablagerungen haben eine durchschnittliche Mächtigkeit von 45 Metern und bilden eine höckrige Oberfläche aus. Sie blockieren den alten Flusslauf des «Toutle River» und «plombieren» somit die Entwässerung zum Pazifik.

Die Ereignisse am 19. März 1982 beweisen jedoch erneut, dass sich das Landschaftsbild äusserst rasch ver­ändern kann. Ein kleinerer, explosi-
ver Ausbruch des Mount St. Helens schmolz ein dickes Schneebrett. Das dadurch gebildete Schmelzwasser schoss aus dem Kraterbereich heraus und riss Gesteinsmaterial mit sich, wodurch ein mächtiger Schlammstrom mit der Konsistenz etwa frischflüssigen Betons entstand. Der Schlammstrom durchbrach die Ablagerungen westlich des Gebietes von Langes Crest, bewegte sich weiter nach Westen über die höck­rige Schuttlandschaft, wo der Strom Kanäle und Wasserfälle erzeugte.

Wie man im Nachhinein feststellte, schürfte dieser Schlammstrom innerhalb von nur neun Stunden ein verzweigtes Entwässerungssystem aus und öffnete dadurch wieder den Weg des oberen Toutle River zum Pazifik. Die neu entstandenen Abflusskanäle waren bis zu 30 Meter tief und bildeten ein verzweigtes Schluchtensystem (Abb. 23). Ein Bereich davon wurde «The Little Grand Canyon»  des Toutle genannt, weil er wie ein verkleinertes Modell des «Grand Canyon» (etwa im Massstab 1:40) aussieht.

Diese spektakuläre «Eintages-Bildung» eines Canyons hinterfragt die allgemein anerkannten Theorien über die langsame Ausbildung von Can­yons. Denn der heute sichtbare Fluss hat den Canyon nicht geschaffen; vielmehr wurde der Canyon zuerst gebildet, den der Fluss in der Folge als Entwässerungskanal nutzt. Ohne diese Beobachtungen würde man beim Anblick dieser Landschaft vermuten, dass langsame Erosion diese Strukturen im Verlauf von vielen Jahrtausenden erzeugt hätten, wie es der herkömmlichen Lehrmeinung entspricht.

In Bezug auf die Entstehung des Grand Canyon in Arizona mutmassen viele Geologen (z.B. Ager 1993:80) schon länger, dass der Colorado River den Canyon nicht erzeugt haben kann. Der Grand Canyon durchschneidet ein Hochgebiet, das so genannte Kaibab Upward. Doch Flüsse weichen Bergen aus, sie gehen nicht über Berge hinweg. Einige Geologen vermuten demnach, dass ein rasches Durchbruchsereignis, z. B. die katastrophische Entwässerung eines Sees östlich des Grand Canyon den Canyon gebildet haben könnte.

Die Beobachtungen der Durchbruchsereignisse und Erosionsvorgänge am Mount St. Helens können unser Verständnis von der rätselhaften Erosion des «Grand Canyon» erheblich erweitern und erlauben gegebenenfalls interessante Analogieschlüsse (vgl. Stephan & Ernst 2002).

Der Spirit Lake

Durch die Flutwelle am 18. Mai 1980 wurden etwa eine Million Baumstämme von den Hügeln rings um den Spirit Lake abgetragen und in den See geschwemmt. Matten aus Baumholz bedecken heute noch immer Teile des verlagerten Spirit Lake. Nach zehn Jahren war bereits die Hälfte der Baumstämme abgelagert oder trieb unter der Oberfläche.

Besondere Aufmerksamkeit gilt den aufrecht im Wasser schwimmenden oder bereits aufrecht am Grund stehenden und zum Teil eingebetteten Baumstämmen. Nach Untersuchungen und Schätzungen der Mitglieder des Institute for Creation Research und Dr. Coffin vom Geoscience Research Institute befinden sich etwa 10 Prozent der abgesunkenen Stämme (Stand 1985) in aufrechter Stellung.

Bei den noch Wurzeln tragenden Bäumen, das ist die Mehrzahl, sind es wohl insbesondere die Wurzelknollen, die das Gleichgewicht kippen, sodass das mit Wurzeln versehene Ende die Baumstämme in die Tiefe zieht. Aber auch bei den Stämmen ohne Wurzelknollen kann eine vertikale Position beobachtet werden. Es mögen die jeweiligen spezifischen Eigenschaften sein, dass die Stämme zu unterschiedlichen Zeiten absinken und eingebettet werden, was dazu führt, dass ihre Wurzeln dann in verschiedenen Bodenhorizonten lagern. Wären sodann die Stämme vollständig zugedeckt und versteinert, könnte man sie als Abfolge verschiedener Wälder verstehen, deren Wachstum einige Jahrtausende erfordert hätte. Doch diese ungewöhnliche Einbettung von Baumstämmen im Spirit Lake erfolgte in nur wenigen Jahren, das Sterbensereignis sogar zur gleichen Minute.

Ein direkter Vergleich bietet sich mit den versteinerten Wäldern im Vulkangebiet des Yellowstone Nationalparkes an. In den vulkanischen Schichten am «Specimen Ridge» kann man aufrecht stehende, fossile Stämme von Rothölzern beobachten. Unter Zugrundelegung der evolutionistischen Sichtweise sollen diese Schichten den Beweis dafür erbringen, dass die Erde Millionen von Jahre alt ist und dass aufeinanderfolgende Wälder während zehntausenden von Jahren am Wuchs­ort (autochton) eingebettet wurden.

Sorgfältige Untersuchungen der Ablagerungen am Specimen Ridge zeigen, dass die Wurzeln selten spitz zulaufen. Die Wurzeln enden oft abrupt ungefähr einen Meter von der Basis des Baumstumpfes entfernt. Könnten die Beobachtungen am Spirit Lake dieses Phänomen nicht besser erklären? Könnte es sich dort ebenfalls um ein katastrophisches Ereignis handeln? (vgl. Coffin 1983b).

Eine weitere Erforschung «versteinerter Wälder» unter Berücksichtigung der Erkenntnisse der Mount St. He­lens-Eruption ist notwendig.

Torfablagerungen

Fossile Kohle besteht aus umgewandeltem pflanzlichen Material. Die konventionelle Erklärung geht davon aus, dass sich das pflanzliche Material sehr langsam in ausgedehnten Sumpfgebieten angesammelt hat. Das Sediment nennt man Torf. Die Ansammlung mächtiger Torflagen sollte nach der herkömmlichen evolutionistischen Sicht viel Zeit beanspruchen; die Umwandlung in Kohle soll sich über Millionen von Jahre erstrecken.

Heutige trockengelegte Sumpfablagerungen (z.B. entlang der Küste von Nova Scotia, Neufundland) zeigen, dass der Torf eine homogene, feinkörnige Struktur hat, die auf eine Durchwurzelung des Sediments zurückzuführen ist. Kohle enthält dagegen oft Rinde mit eher grobkörniger Struktur; Hinweise auf eine Durchwurzelung fehlen.

Die massenhaft auf dem Spirit Lake mattenartig treibenden Baumstämme sind frei von Ästen und Baumrinde. Taucher haben nachgewiesen, dass der Grund des Seebeckens von Baum­rindenstücken der Koniferen bedeckt ist; an Stellen, wo das nachgerutschte vulkanische Sediment entfernt wurde, waren zentimetermächtige Ansammlungen von Torf zu entdecken. Die ­gröberen Bestandteile des Torfes wie Rindenstücke, abgebrochene Äste und Wurzelmaterial verleihen dem Torf eine körnige Struktur und ein lagiges Auftreten.

Falls ein weiteres katastrophisches Ereignis den Torf zuschütten sollte, wären erste Voraussetzungen für die Bildung von Kohle geschaffen. Die Kohle wäre dann vorwiegend aus der Rinde von Bäumen gebildet worden und würde bestimmten Kohlenvorkommen im Osten der Vereinigten Staaten entsprechen.

Ist es denkbar, dass wir Zeugen des ersten Stadiums der Kohlebildung wurden? Viele Wissenschaftler der Schöpfungsforschung sind dieser Meinung. Ein anderes Modell der Schöpfungsforschung zur Kohleentstehung, welches sich auf die Bildung der deutschen Kohlevorkommen bezieht, wur­de von Scheven (1986, 1988) vorgeschlagen.

Geburt eines Gletschers

Im Krater des Vulkans wächst seit 1982 eine Schnee- und Eismasse heran, die inzwischen sowohl eine kritische Masse als auch Energie erreicht hat. Es ist nur noch eine Frage kurzer Zeit, wann die Eismassen sich richtig in Bewegung setzen werden, dabei wahrscheinlich den Lavadom erodieren werden und vielleicht erneut heftige Schlammströme auslösen.

Die klimatischen und morphologischen Verhältnisse haben zu diesem ungewöhnlich schnellen Eis-Wachstum geführt. Im Winter fällt mehr Schnee als während des Sommers schmilzt. Der amphitheatralisch nach Norden geöffnete Krater beschattet mit seinen hohen und steilen Kraterwänden die Schneemassen am Kraterboden. In den Krater stürzende Felsen isolieren zusätzlich die Schnee- und Eismassen. Der Druck der überlagernden Schneemassen verwandelt die tiefer liegenden Schichten in Eis.

Seit 1982, so schätzen die Wissenschaftler, hat die Dicke der Eismasse jährlich um etwa 15 Meter zugenommen, sodass an einigen Stellen inzwischen eine Eismächtigkeit von 200 bis 300 Meter Dicke vorliegt. Tiefe Spalten und Risse in der Oberfläche des Eises deuten auf eine zunehmende Mobilisierung hin; das ist die Geburt eines neuen Gletschers. Berechnungen zufolge sollen die Schnee- und Eismassen im Krater inzwischen ein Volumen angenommen haben, welches allen Gletschern des gesamten Vulkanes vor dem Ausbruch entspricht. Kein Wunder, dass Geologen die Entwicklung dieses jüngsten nordamerikanischen Gletschers sorgfältig beobachten.

Denn bei einem Ausbruch des Vulkans könnten erneut Schlammströme mit verheerenden Wirkungen entstehen. Der Vulkan ist nicht gänzlich zur Ruhe gekommen. Immer wieder treten Perioden erhöhter seismischer Aktivität auf. Zuletzt Ende September, anfangs Oktober, wo eine riesige Aschewolke in den Himmel schoss.

* Seismizität ist die räumliche, zeitliche und energetische Verteilung von Erdbeben eines bestimmten Gebietes.
** Vorgang und Produkt der Ablagerung von Sedimenten (z.B. Anhäufung von Ablagerungen z.B. Sanden und Schottern in Gewässern).

Die Autoren:
  • Dr. Martin Ernst, Lerchenfeldstrasse 47, DE-79199 Kirchzarten, info@geoexx.de; www.geoexx.de
  • Michael Kotulla, Ladislaus-Winterstein-Ring 10, DE-65795 Hattersheim, michael.kotulla@t-on line.de
Die beiden Diplom-Geologen sind Mitarbeiter der Studiengemeinschaft «Wort und Wissen» (www.wort-und-wissen.de). Sie haben eine Diamappe über den Mt. St. Helens zusammen­gestellt.  Dr. Martin Ernst hält auch Vorträge über den spektakulären Ausbruch des Mt. St. Helens von 1980.

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Öffentliche Internetseiten:
  • USFS – The Mt. St. Helens National Volcanic Monument Home Page [http://www.fs.fed.us/gpnf/ mshnvm/]
  • USGS – The Eruptions of Mt. St. Helens [http://pubs.usgs.gov/publications/msh/index. html]
  • USFS- Reflecting on 20 Years of Change- Mount St. Helens 1980 Eruption 20th Anniversary [http:// www.fs.fed.us/gpnf/msh_20/index.html]

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