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Oswald Heer folgte Darwin nicht
Vor 200 Jahren wurde der Schweizer Naturforscher Oswald Heer geboren.
Darwins Werk «The Origin of Species» hat er genau gelesen und
kritisiert.
Rolf Höneisen
Oswald Heer gilt als Mitbegründer der
Archäobotanik, Paläontologie und Pflanzengeografie. Der Brieffreund von
Charles Darwin hat der ETH Zürich einen Schatz hinterlassen: Fossilien
von 2700 Pflanzen- und Insektenarten, die er erstmals beschrieben hat.
Ausgegraben hat er sie in Öhningen am Bodensee. In diesem Jahr wäre
Heer – zusammen mit Darwin – 200-jährig geworden.
Der
Schweizer Pfarrerssohn Oswald Heer (1809–1883) lebte ab seinem zweiten
Lebensjahr im Dorf Matt im Kanton Glarus. Hier im Sernftal sammelte er
Pflanzen und Insekten, durchkletterte die Bergwelt und führte schon in
jungen Jahren Tagebuch über die Witterungsverhältnisse. Heer sollte
später zu einem der renommiertesten Paläobotanikern seiner Zeit werden.
Sein Denkmal steht gleich beim Haupteingang zum Völkerkundemuseum der
Universität Zürich. Heer war einer der ersten naturwissenschaftlichen
Professoren, die sowohl an der ETH Zürich als auch an der Universität
Zürich lehrten, wo er auch Gründungsdirektor des Botanischen Gartens
war.
Die Biografien von Heer und Darwin weisen Parallelen auf:
Beide wurden im selben Jahr geboren, studierten zunächst Theologie,
veröffentlichten neben wissenschaftlichen Abhandlungen auch Bücher für
ein breites Publikum und beeinflussten sich gegenseitig über
Briefkontakte. Die ETH schrieb als Titel über einen Online-Artikel:
«200. Geburtstag des Schweizer Darwins»*. Doch diese Bezeichnung führt
die Leser zu einem falschen Schluss. Denn Oswald Heer verwarf Darwins
Theorie, wonach die Arten durch natürliche Auslese entstehen. Vielmehr
glaubte Heer, so schreibt die ETH, «an eine nicht näher beschriebene
Umprägung der Arten durch einen Schöpfer».
Darwin hatte sein
damals höchst umstrittenes Buch «The Origin of Species» mit einer
handschriftlichen Widmung persönlich an Heer geschickt. Heer las
Darwins Schrift sehr genau durch und brachte darin zahlreiche kritische
Randbemerkungen an, wie zum Beispiel «sehr schwach». Heer folgte
Darwins Theorie nicht, sondern glaubte an den Schöpfer. Zwar anerkannte
er Veränderungen innerhalb der Arten. Doch hielt er diese Umprägungen
als schöpfungsgemäss, ohne sie aber näher zu beschreiben. 1865 lehnte
Oswald Heer in seinem populärwissenschaftlichen Standardwerk «Die
Urwelt der Schweiz» den Darwinismus ab.**
Der Historiker Urs
Leu bemerkte sehr richtig: «Wäre die Evolutionstheorie
naturwissenschaftlich so absolut klar gewesen, wie das heute immer
wieder behauptet wird, hätte kein Forscher gezögert, ihr
beizupflichten. Doch das Gegenteil war der Fall. Viele haben sie als
unwissenschaftlich abgelehnt.»*** Unter ihnen solche Kapazitäten wie
Oswald Heer.
«Bis heute dienen Oswald Heers Bücher mit den
ausführlichen Beschreibungen und hochwertigen Abbildungen
Wissenschaftlern als Forschungsgrundlage», sagt Milena Pika-Biolzi,
Geologin am ETH-Departement Erdwissenschaften und Kuratorin der
Heer-Sammlung. Gemeinsam mit dem Entomologen und Botaniker Stefan
Ungricht arbeitet sie zurzeit an der Digitalisierung der Oswald
Heer-Fossilien.
Vor allem die so genannten «Typen», das sind
jene Exemplare, anhand derer Heer die Arten erstmals beschrieben hat,
seien bei Forschern in aller Welt begehrte Studienobjekte. Erst
kürzlich hat Kuratorin Pika eine Anfrage aus Russland erhalten. «Da
suchte ein Wissenschaftler drei bestimmte Insektenarten aus unserer
Sammlung.» Also hat sie diese unter den hunderten Exemplaren
herausgesucht, fotografiert und nach Russland geschickt.
Ungefähr
in einem Jahr sollen die digitalisierten Funde Heers für Interessierte
in aller Welt online zugänglich sein – in drei Datenbanken: derjenigen
der Erdwissenschaftlichen Sammlung selbst; in der Datenbank der Global
Biodiversity Information Facility und auf dem Internetportal GeoCASE.
Dank
der Auswertung für die Digitalisierung finden die Originale der rund
850 Insekten und 1850 Pflanzenfossilien, die Oswald Heer beschrieben
hat, ihren Weg an die Öffentlichkeit. Dies zusammen mit seinen
restlichen Funden, den Lithografien und Schriften, die uns die einstige
Tier- und Pflanzenwelt in Öhningen am Bodensee nahe bringen.
*www.ethlife.ethz.ch/archive_articles/090831_oswald_heer_ch/index **Urs Leu: «Eine verdammenswerte Doktrin», factum 5/2009, Seiten 36 bis 39 ***do.
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