Kontakt   Newsletter   Impressum
   

    factum online RSS
  Infos zum RSS-Feed

Leben ist ein kreativer Prozess

Die Epigenetik stellt viele Anfragen an die Evolutionstheorie. Nicht zufällig und langsam, sondern sinnhaft und schnell: Es ist nicht leicht, die neuen Entdeckungen der Wissenschaft mit der Theorie der Evolution in Einklang zu bringen.

Thomas Lachenmaier

Die tatsächlich bahnbrechenden Entdeckungen der Epigenetiker sind ein schönes Beispiel für eine wissenschaftstheore­tische Binsenweisheit, die in einer breiteren Öffentlichkeit gerne in Vergessenheit gerät: Wissenschaftliche Erkenntnis ist vorläufige ­Erkenntnis. Das «Es ist erwiesen!», das man in Gesprächen mit Laien oft hört, bedeutet nicht, dass das, was erwiesen ist, die Wahrheit ist. Es bezeichnet nur den gegenwärtigen Stand der Forschung.

Diese kann sich – und das ist der Alltag im wissenschaftlichen Fortschritt – durch neue Erkenntnisse als falsch herausstellen. Genau das ist hier geschehen. Gleich mehrere evolutionsbiologische Dogmen ­gehen durch die neuen Forschungen sang- und klanglos unter.

Lange schien es «geradezu ein Dogma der Biologie, dass nur zufällige Mutationen der DNA neue Merkmale in nachfolgenden Generationen hervorrufen können», schrieb das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» darüber, dass dieses Dogma jetzt gefallen ist. Still und leise haben die Evolutionsbiologen das Wort «Zufall» – immerhin einen Kern der Theorie von der Evolution – aus ihrem Wortschatz gestrichen. Nicht das Zufällige, sondern etwas sehr Konkretes verändert das Erbmaterial des Menschen: die Ernährung, sein Verhalten, das was er erlebt, erleidet, das was ihm Harmonie gibt. All das hinterlässt Spuren im genetischen Ich des Menschen.

Der traditionellen Evolutionsbiologie zufolge ist das genetische System schutzloses Objekt zufälliger Mutationen in langer Zeit. Es ist Objekt der Veränderung. Jetzt stellt sich heraus, dass das Erbmaterial des Menschen im Zusammenklang mit dem freien Geist des Menschen – der sich in ganz unterschiedlicher Weise zu seinem Körper verhalten kann – nicht nur das Objekt, sondern auch der Träger der Veränderung ist.

Der Mensch ist nicht festgelegt in der Zwangsjacke seines genetischen Materials. «Alles ist im Fluss», schwärmt Florian Holsboer, Direktor am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. In jeder Phase des Lebens kann sich noch etwas verändern.

Dass die Gene «unser Schicksal» sind, ist eine zwangsläufige Annahme, sofern man davon ausgeht, dass ihre Entstehung nicht in einem schöpferischen Gesamtzusammenhang – und damit als sinnvoll – angesehen wird. Jetzt zeigt sich aber, dass die Gene nicht unser Schicksal, sondern vielmehr das physische, seelische und soziale Erbe unserer Vorfahren sind, zu dem wir uns verhalten können. Das ist eine Vorstellung, die sich kaum mit der Evolutionstheorie, wohl aber mit der Bibel vereinbaren lässt.

Mit einer gewissen Häme haben Evolu­tionsbiologen noch vor kurzem geschrieben, grosse Teile des menschlichen Erbmaterials seien «Schrott». Angesammelt in Millionen Evolutionsjahren zufälliger Mutation sei es – seiner einstigen Funktion verlustig ge­gangen – evolutionärer Ballast, den das «Säugetier homo sapiens» mit sich herumschleppe. Das passte gut zu der Vorstellung vom so lächerlich unvollkommen geschaffenen «Mängelwesen Mensch», das in evolutionsbiologischen Aufsätzen beschrieben wurde.

Inzwischen ist klar, dass nicht ein Grossteil des menschlichen Erbmaterials zu Müll erklärt werden muss, wohl aber, dass etliche Regalmeter evolutionsbiologischer Fachlite­ratur eine «Evolution» durchgemacht haben – und zwar die vom Status anerkannter wissenschaftlicher Publikation zu Altpapier.

Ein evolutionsbiologischer Kernsatz wird durch die neuen Erkenntnisse auf den Kopf gestellt. Glaubte man bisher, die DNA sei das Produkt der zufälligen Ereignisse, so stellt sich jetzt heraus, dass das Erbmaterial selbst der Träger der Veränderungen ist. In seiner Flexibilität und Formbarkeit («wie Knetmasse», staunte einer der Wissenschaftler) wird es selbst zum Motor der Veränderung, im Wechselspiel des lebendigen Seins.

«Die Theorie der rein zufallsbestimmten Variation ist nicht mehr haltbar», sagte der international tätige Evolutionstheoretiker Professor Joachim Bauer der Tageszeitung «Die Welt».

Zellen, so der Wissenschaftler, hätten vielmehr «die Fähigkeit, die Architektur ihres eigenen Erbgutes zu verändern». Weder die Zeitpunkte, «wann sie dies tun, noch die Art und Weise, wie sie es tun, sind zufällig». Zellen können «Einfluss darauf nehmen, wo sie dem Zufall Raum geben», sagt der Pro­fessor. Damit verliert die Evolutionstheorie einen ihrer Eckpfeiler: das «Prinzip Zufall».

Bauer, der Projektleiter in drei Sonderfor­­schungsbereichen der Deutschen Forschungsgemeinschaft war, sagt: «Auch ihrer Art nach sind die Veränderungen nicht zu­fällig, sondern stellen einen kreativen Prozess dar.»

Der Theoretiker möchte mit dem Wörtchen «kreativ» keineswegs eine schöpferische Instanz andeuten, sondern nur darauf hinweisen, dass hier «etwas Neues» entsteht. Auch die Tatsache, dass der genetische Apparat nicht nur schöpferisch, sondern auch in sehr kurzen Zeiträumen auf die Umwelt reagiert, lässt Bauer nicht an der Evolutionstheorie zweifeln. Er reagiert mit einer sehr elastischen These: Er geht nicht länger von einer langsamen und langen kontinuierlichen Entwicklung aus, sondern von «genomischen Umbauschüben», von «Entwicklungsschüben», die zu neuen Arten führen.

Die Verständnislücke, die sich durch die weiterhin angenommenen unendlich langen Zeiträume ergibt, schliesst er mit der sophistischen Vermutung, dass es zwischen diesen schlagartigen schnellen Veränderungen in der Evolution «lange Phasen einer sogenannten Stasis» gab, «in denen die Arten stabil blieben».

In der DNS fügt sich die unvorstellbare ­Informationsfülle von drei Milliarden Buch­staben zu einer Grammatik der höchsten überhaupt vorstellbaren Sinnhaftigkeit zusammen. Das Beziehungsvolle dieses ­genetischen Systems – und dessen Komplexität – gibt Grund zu der Frage: Warum sollte die DNS das Ergebnis eines Prozesses sein, der aus Defekten und Mutationen besteht, wenn schon ihre Verpackungsstrukturen, das Epigenom, in einen so wunderbar planvollen Ursachen- und Wirkungskomplex eingebunden funktionieren?

Das Erbgut verändert sich nicht zufällig und langsam, sondern planvoll, ständig und schnell – soviel ist heute sicher. Genforscher, gewohnt, davon auszugehen, dass die Ge­netik über Millionen von Jahren wirkt und funktioniert, konstatieren etwas verwundert, dass «die Epigenetik Organismen innerhalb einer Generation verändert», wie Jörn Walter (Universität Saarbrücken) dem Berliner «Tagesspiegel» sagte.

Im Erbgut selbst manifestiert sich der freie Wille des Menschen in Bezug auf seine Lebensführung. Er kann sich besser oder schlechter verhalten. Die Erkenntnisse des Genetikers Moshe Szyf und seiner Kollegen in den Forschungslabors vieler Länder «lassen das gesamte Wechselspiel von Umwelt, Genen und Verhalten in einem völlig neuen Licht erscheinen», staunt der «Spiegel».

Die Vorstellung, dass die Anpassungen eines Organismus an die Umwelt auf die Nachkommen übergehen, dass dieses planvoll und schnell geschehen könnte, galt der Evolutionsbiologie als kompletter Unsinn – zeige sich darin doch ein sinnhaftes, kein zufälliges Muster. Jetzt, wo dies ebenso feststeht wie die Tatsache, dass soziale Erfahrungen und sogar seelische Befindlichkeiten Spuren im Erbgut hinterlassen, ergeben sich Fragen an die These von der Evolution.

Es ist nicht leicht, die neuen Erkenntnisse mit einer evolutionistischen Sicht in Einklang zu bringen. Was die Wissenschaft jetzt entdeckt, entspricht nicht dem evolutionären Welt- und Menschenbild.

Das aktuelle Heft:
factum 1/2012


factum 1/2012
factum-Abo
efactum-App
Mithelfen und fördern!
ethos – suchen, finden, leben