1826 gentechfreie Tage?
Vertreter von Bauern, Konsumenten und Umweltschützern wollen den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen während fünf Jahren verbieten. Wirtschaft und Forschung sind entsetzt. Auf welche Stimme hören die Christen?
Rolf Höneisen
Auf der ganzen Welt wird fieberhaft an der «Verbesserung» von Pflanzen und an der Veränderung von Tieren zur Medikamentenproduktion geforscht. Freilandversuche laufen. Seit Jahren werden Forschungsergebnisse hin- und herdiskutiert und neu interpretiert: Ist das Risiko angesichts eines möglichen Gewinns tragbar oder nicht? Nun fordert eine Initiative in der Schweiz einen Marschhalt. Die Schweizer Landwirtschaft soll während fünf Jahren gentechfrei bleiben, also während 1826 Tagen. Über diesen Vorschlag stimmen die Schweizerinnen und Schweizer am 27. November ab. Die Diskussion um die Gentechnologie, deren Forschung in den Händen von Grosskonzernen liegt, wird äusserst kontrovers geführt – bis hinein in christliche Kreise.
Bei der Parolenfassung der EDU kreuzten die parteieigenen Nationalräte Waber und Wäfler die Klingen. Christian Waber ist pro. Er plädierte dafür, ein klares Signal gegen Auswüchse der Forschung zu setzen. Die Initiative biete Gelegenheit, gegen den Machbarkeitswahn Stellung zu beziehen: «Wir wollen keine gentechnisch veränderten Lebensmittel!» Kollege Wäfler seinerseits bezeichnete die Gentech-Initiative als irreführend. Sie könne ihr Versprechen nicht halten, weil auch importierte Lebens- und Futtermittel genetisch veränderte Teile enthalten können: "Ein Moratorium löst kein Problem." Die CVP empfiehlt ein Nein; die EVP fasste eine klare Ja-Parole.
Auf jeden Fall liegt die Initiative für eine gentechfreie Landwirtschaft quer zum globalen und europäischen Trend:
• Im Jahr 2004 pflanzten über acht Millionen Landwirte in 17 Ländern auf 81 Hektaren Land gentechnisch veränderte Mais-, Soja- oder Baumwollsorten an. • Auch die EU will den Anschluss wieder finden: Mit zwei Richtlinien zur Kennzeichnung von GVO-Lebensmitteln und zur Freisetzung transgener Pflanzen hat sie ihr Zulassungs-Moratorium aufgehoben. • Seit Januar 2004 ist in der Schweiz ein Gentechnik-Gesetz in Kraft, das den Einsatz genetisch veränderter Pflanzen streng geregelt zulässt.
Was sich auch die Befürworter des Moratoriums bewusst sein müssen: Auf den Import von Futter- und Lebensmitteln hat eine allfällige Annahme der Initiative keinen Einfluss. Genauso wenig auf gentechnisch hergestellte Waschmittel, Medikamente oder industrielle Produktionsverfahren und die Tätigkeit in den Forschungslabors. Initiativgegner wie Nationalrat und Landwirt Josef Leu lassen deshalb keinen guten Faden am Moratorium. Ihr Ziel, wettert Leu, sei eine „leere Worthülse“. Noch schwereres Geschütz fahren Vertreter von Forschung und Wirtschaft mit Unterstützung der Regierung auf.
Bundesrat Joseph Deiss: „Wir wollen in den kommenden Jahren, was die Spitzentechnologien betrifft, dabei sein. Wir wollen Investitionen und wir wollen Arbeitsplätze. Ein Moratorium wäre falsch und würde unserer Wirtschaft erheblich schaden.“ Auch der designierte Präsident der Eidgenössisch-Technischen Hochschule Zürich (ETH), Prof. Dr. Ernst Hafen, befürchtet bei einer Annahme des Gen-Moratoriums schweren Schaden für den Forschungsplatz Schweiz. An der Medienkonferenz der Stiftung Gen Suisse versuchte Hafen, die Genmanipulation als natürlich zu rechtfertigen. Dazu berief er sich ausgerechnet auf die Evolutionstheorie: „Gentechnik ist eine Veränderung des Erbguts, wie sie in der Natur seit Milliarden von Jahren vorkommt.“
Im Gegensatz zu anderen Technologien sei die gentechnische Veränderung von Lebewesen „keine Erfindung des Menschen“. Hafen wörtlich: „Es ist die Erfindung, die der Entstehung allen Lebens zu Grunde liegt. Ohne Veränderung des Erbmaterials der Arten gäbe es keine Artenvielfalt.“ Diese naturalistisch-materialistische Sichtweise, gestützt auf die Evolutionstheorie, führt zu einer Einstellung, die bei vielen Schweizer Landwirten und Konsumenten Unbehagen, ja Missfallen auslöst: Es ist die Respektlosigkeit gegenüber der Schöpfung und der menschliche Drang, mittels einer gezielten Veränderung der Erbsubstanz, ungeachtet der Artgrenzen, in die natürlichen Abläufe einzugreifen, um Organismen bestimmten Bedürfnissen besser anzupassen.
Für Professor Hafen sind die Risiken der Biotechnologie heute nicht nur abschätzbar, sondern aus wissenschaftlicher Sicht auch vertretbar. Sein Stiftungsrats-Kollege bei Gen Suisse, Prof. Dr. Klaus Ammann (Universität Bern), doppelt nach: „Allgemein wird immer klarer, dass die Gentechnologie auf dem Acker keine Bedrohung der Biodiversität darstellt.“
Die Meinung, die Ehrfurcht vor der Schöpfung verbiete es, manipulierend in die Erbsubstanz einzugreifen, lässt Ammann nicht gelten. Der Mensch habe schon vor Tausenden von Jahren, mit dem Beginn des Ackerbaus, damit begonnen, Lebensprozesse zu verändern. „Wir tun es weiterhin massiv, oft unbeabsichtigt und mit unerwünschten Folgen. In der Pflanzenwelt zum Beispiel entstehen bei der heutigen Mobilität ständig neue und überaus vitale Unkräuter. Gentechnologie hingegen ermöglicht kontrollierte Veränderungen mit absehbaren Folgen.“ Ammann ist auch Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Biologische Sicherheit.
Die Mehrzahl der in der Pflanzenbiotechnologie verwendeten Gene wird aus anderen Pflanzenarten gewonnen oder synthetisch erzeugt. So hat zum Beispiel der Basler Biotechkonzern Syngenta Gene des Bodenbakteriums Bacillus thuringiensis in eine bestimmte Sorte Mais (sog. Bt-Mais) transferiert. Der Mais sei dadurch – so Syngenta – widerstandsfähiger gegen Insektenbefall geworden.
Der globale Markt für Saatgut ist riesig und wird auf 9 bis 11 Milliarden Dollar geschätzt. Der Schweizer Konzern Syngenta steht umsatzmässig weltweit an dritter Stelle. Problematisch ist nicht das Einfügen des Gens einer wilden ins Erbgut einer kultivierten Kartoffel. So etwas könnte man als zeitbeschleunigtes Zuchtverfahren bezeichnen. Eine umstrittene Qualität bekommt die gentechnische Manipulation dann, wenn das Erbgut verschiedener Arten von Pflanzen oder Tieren vermischt wird.
Während ein solcher Eingriff für evolutionsorientiert denkende Menschen kein ethisches Problem ist, sehen sich Christen herausgefordert. Sie wissen zwar um den „gefallenen“, nicht mehr perfekten Zustand der Schöpfung jenseits von Eden. Doch als Bibelkenner sind ihnen Sätze wie dieser wichtig: „Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, wenn es mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch Gottes Wort und Gebet“ (1. Tim. 4,4). Wie lässt sich da die eigenmächtige „Verbesserung“ von Nahrungsmitteln einordnen? Will der Mensch es besser machen als Gott?
Der Zürcher Jungbauer Timotheus Hauser vom Haldenhof in Au stützt sich bei der Beurteilung der Gentechnologie auf die Bibel. „Bei der Gentechnik kann man die natürlichen, von Gott gegebenen Schranken der verschiedenen Arten überspringen. Da pflanzt man z. B. ein Skorpiongift-Gen in die Kartoffeln, um so den Kartoffelkäfer zu bekämpfen.“ Das könne unbeabsichtigte Folgen haben. Mit dem Verzehr von Pflanzen mit bakteriellen Toxin-Genen nehme der Mensch diese Gifteiweisse in sich auf. Eine Gesundheitsschädigung durch den Dauergenuss transgener Pflanzen sei für ihn nicht mit Sicherheit auszuschliessen.
Hauser kennt viele Beispiele aus der Forschung. Ratten seien mit genmanipulierten Kartoffeln gefüttert worden. Die insektenresistenten Kartoffeln enthielten ein Lektin-Gen aus dem Schneeglöckchen (Galanthus nivellus). Ergebnis: Die Ratten erlitten Schädigungen an Organen und am Immunsystem.
Der Bt-Mais der ersten Generation (Bt176) enthielt Antibiotikagene zur Markierung. Timotheus Hauser befürchtet, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich in allen Maissorten Anteile von Antibiotika finden – mit entsprechenden Auswirkungen auf den Menschen, der dagegen immun wird. Die Gefahr liegt für Hauser klar im artfremden Gentransfer. Gott warne in seinen Lebensgeboten davor. 1. Mose 3,19: „Meine Satzungen sollt ihr halten. Bei deinem Vieh sollst du nicht zweierlei Arten sich paaren lassen und dein Feld nicht mit zweierlei Samen besäen (…)“ Was sich früher auf natürliche Kreuzung bezog, überträgt Hauser heute auf die gentechnisch provozierteVermischung der Erbsubstanz verschiedener Arten.
Der Schöpfer gab dem Menschen seine Lebensordnungen bekannt. Die neutestamentliche Vorherrschaft der Gnade bedeutet nicht, dass es kein moralisches Gesetz oder keinen Verhaltenskodex mehr gäbe. Das Einhalten des Gesetzes Gottes bringt Segen. Vor diesem Hintergrund ist Landwirt Hauser überzeugt: „Die Gentechnik ist Ausdruck eines tiefen Wunsches des Menschen, das verlorene Paradies auf Erden zurückzugewinnen – aber ohne Gott.“
Eigentlich widerspiegelten sich in der Gentechnik die Macht und Arroganz des autonomen Menschen. Man meine, kreativ wirken zu können, so wie Gott. Diese Selbstvergötterung führe ins Gegenteil. Hauser: „Man will mit der Gentechnik Krankheiten bekämpfen – ich befürchte, dass wir dadurch neue Krankheiten ernten werden. Auch der Kampf gegen den Hunger mit gentechnisch veränderten Pflanzen wird zum Gegenteil führen.“
Die Wissenschaft widerspricht solchen Stimmen laut. Die Forschung sei inzwischen soweit, dass man sagen könne, die Folgen seien vertretbar. Welcher Stimme soll man vertrauen? Bei der Abstimmung vom 27. November in der Schweiz geht es nicht um ein Forschungsverbot, sondern um ein fünfjähriges Anbauverbot gentechnisch veränderter Pflanzen. ein Moratorium würde 1826 Tage mehr Zeit geben, um die Risiken noch einmal abzuschätzen. Für Wirtschaftskreise ist eine solche Denkpause inakzeptabel.
(factum 8/2005)
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