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Heisse Teilchen, heisse Diskussionen

US-Labors und das europäische Kernforschungszentrum CERN wollen den Hitzerekord. Die Sicherheitsfrage ist noch immer nicht sauber geklärt.

Rolf Höneisen

Im Inneren der Sonne wird mit einer Temperatur von 16 Millionen Grad Celsius gerechnet. US-Forscher des Brookhaven National Laboratory melden nun eine durch Kollisionen von Gold-Schwer-Ionen erreichte Temperatur, die 250 000-mal heisser ist, nämlich 4000 Milliarden Grad Celsius.

Jetzt wird immer deutlicher, dass ­Wissenschaftler auf der ganzen Welt zu einer Art Wettlauf ansetzen. Wie die ­«Financial Times Deutschland» schreibt, will das europäische Kernforschungszentrum CERN bei Genf in seinem Teilchenbeschleuniger, dem Large Hadron Collider (LHC), den Hitzerekord der Amerikaner noch in diesem Jahr schlagen.

Mit dem zielgerichteten Aufeinanderprallenlassen atomarer Teilchen will man Explosionen erzwingen, welche die Bedingungen in den ersten Mikrosekunden nach dem angenommenen Urknall nachvollziehen lassen sollen. Es geht um mehr Wissen über den Ursprung des Universums, der Erde und des Lebens; es geht um die Weltformel.

Eigentlich, so dachte man, sei die Sicherheitsfrage rund um die CERN-Experimente geklärt. Doch kürzlich zitierte die Zeitschrift «Physics World» einen hochrangigen CERN-Physiker mit den Worten, das Ergebnis eines Sicherheitsberichtes zum Large Hadron Collider (LHC) habe «von Anfang an festgestanden». Dieser Kritiker ist nicht irgendjemand, sondern John Ellis, ein Mitglied der fünfköpfigen CERN-internen Arbeitsgruppe zur Sicherheit des LHC (LSAG). Ellis machte diese Aussage im Rahmen einer neu entflammten Sicherheits-Diskussion. Diese entfacht hat ein Aufsatz des Rechtsprofessors Eric E. Johnson (Universität North Dakota). Er kam zum Schluss, dass eine Klage, die auf eine provisorische Verfügung gegen den Betrieb des LHC abzielte, vor einem amerikanischen Gericht gute Chancen hätte. In Europa hingegen sieht sich keiner zuständig, der Europäische Gerichtshof jedenfalls nicht. Die Standortländer Schweiz und Frankreich haben das CERN-Gelände zur Sonderzone mit Immunität erklärt, als wäre es ein Botschaftsgelände. Die Regierungen haben hier keine Vollzugsgewalt (vgl. «Die Zeitgeist-Maschine», factum 8/2009).

Gemäss Richter Johnson müsste die Sicherheit von Atom-Experimenten, so auch im Fall der am CERN produzierten «Schwarzen Löcher», vor Gericht behandelt werden. Er begründet dies damit, dass solche und ähnliche Fälle dreifach komplex seien und deshalb gründlich beurteilt werden müssten:
  • Die hergebrachten Techniken im Umgang mit Risiken versagen, wenn die ganze Welt auf dem Spiel steht. Anderseits: Ein Stopp der Experimente kann das Ende der theoretischen Teilchenphysik bedeuten.
  • Die Risikoanalysen sind derart komplex, dass weltweit nur wenige Menschen in der Lage sind, sie zu verstehen.
  • Die Experten sind befangen. Sie sind selbst mitbeteiligt an solcher Art von Forschung. Ohne LHC würden die meisten ihren Job verlieren.
Die für die Sicherheit am CERN zuständige Arbeitsgruppe ist alles andere als unabhängig. Im Vergleich verhält es sich ungefähr so, wie wenn ein Medikament die Marktzulassung erhält, und zwar allein aufgrund eines Berichts, den fünf Mitarbeiter des Pharmaunternehmens geschrieben haben, welches das Mittel selbst verkauft.

Beim CERN winkt man die Kritik ab. Zwar sei der LSAG-Bericht nicht von einem unabhängigen Gremium verfasst, aber er sei der ganzen Wissenschaftswelt zur Begutachtung vorgelegt worden und man tue nichts gegen den Willen des CERN-Rats. Im CERN-Rat sind die Regierungen der zwanzig CERN-Mitgliedstaaten vertreten. Warum haben sie keine externe Analyse gefordert? Sie sitzen halt alle im selben Boot.

Dass Richter Johnson nun den Mahnfinger erhebt und zumindest die ausgedribbelte Gerichtsbarkeit wieder zum Zug kommen lassen will, ist richtig. Denn die Weltelite der Wissenschaftler droht in die Unkontrollierbarkeit zu entgleiten. Wer will denn ihre Arbeit beurteilen? Sie sind ja auch die Regierungsberater und sie kontrollieren sich selbst. 

Leonard Susskind, Physikprofessor in Stanford, schrieb ein Buch («The Cosmic Landscape»), das seine Kollegen in hellen Aufruhr versetzte. Sollten Susskinds Überlegungen stimmen, dann gäbe es unzählige andere Welten mit jeweils anderen Naturgesetzen und die Suche nach der einen Weltformel wäre absurd und die neuen Theorien gar nicht überprüfbar. Die ganze Kosmologie würde in Frage gestellt. Jetzt diskutieren die Physiker über das Verhältnis von Theorie und Realität, Zufall und Notwendigkeit, Physik und Metaphysik. Verwirrung hält Einzug. Hoffentlich hilft sie zur Klärung und zur Umkehr und Demut.

Denn ähnliche Entwicklungen hinein in nicht mehr kontrollierbare und nur noch von wenigen «Eingeweihten» nachvollziehbare Bereiche jenseits sämtlicher ethischen Linien zeichnen sich aber auch in den Nanowissenschaften, der Biotechnologie und im Bereich der Künstlichen Intelligenz ab. Der menschliche Drang, mehr Wissen und Macht über die letzten Rätsel der Schöpfung zu erlangen, steigert sich ins Grenzenlose.

www.heise.de/tr/artikel/Schwarze-Loecher-vor-den-Kadi-934519.html
www.zeit.de/2006/05/Kosmologie

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